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Full text of "Das Altenbergbuch"

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DAS 
ALTENBERGBUCH 



A\tenber$^ Peter 



DAS 
ALTEN BERG- 
BUCH 



HERAUSGEGEBEN 



VON 



EGON FRIEDELL 




VERLAG DER 
WIENER GRAPHISCHEN WERKSTÄTTE 

LEIPZIG * WIEN 



Von den Erben 
Peter Altenbergs autorisierte Ausgabe 

Copyright 1922 

by Verlag Wiener Graphische 

Werkstätte 



Drei wirkliche Idealisten gibt es: Gott, die 
Mütter, die Dichter. Sie suchen das Ideal nicht im 
Vollkommenen, sie finden es im Unvoll- 
kommenen. 

«Was der Tag mir zuträgt.» 



EINLEITUNG 



Vor etwa einem Vierteljahrhundert erschienen 
in Wien einen Frühling lang dünne ab- 
scheulich grasgrüne Wochenhefte, die -den Titel 
„Liebelei" führten. Der Name knüpfte unmittelbar 
an Schnitzlers Schauspiel an, das erste erfolgreiche 
Bühnenwerk der österreichischen „Moderne". Die 
kleine Zeitschrift, angefüllt mit verschlungenen 
Lyrismen, polemischen Donquichoterien und Gym- 
nasiastenerotik, eine Art billige Öldruckkopie der 
Berliner „Freien Bühne", galt als das Organ der 
Jungen und Revolutionären, erregte allenthalben 
unbändigen Verdruß durch ihre Überspanntheit 
und unreife Hast und ging fast sofort wieder ein. 
Am meisten aber erbitterte eine Anzahl von kon- 
fusen Skizzen, mit denen ein Autor debütierte, der 
sich als ebenso unverständlich wie albern erwies. 
Man forschte nach ihm und eruierte, daß er mit 
einem exaltierten Sonderling identisch sei, der 
sich auch schon vorher, ohne zu schreiben, lästig 
gemacht hatte, indem er in Kaffeehäusern aufrühre- 
rische Reden gegen den Philister und für die Frau 
hielt, nie einen steifen Kragen trug^ dagegen lederne 
Reitgamaschen, ohne jedoch jemals zu Pferde er- 
blickt zu werden, außerdem die Nacht zum Tage 
machte, gemeinen Straßendimen in zartester 



Weise hofierte, nicht selten mit Kellnern, Fiakern 
und Zuhältern in angeregter Konversation betrof- 
fen wurde und sämtlichen Frauen von der Probier- 
mamsell bis zur Doktorin der Philosophie durch 
lächerliches und widersinniges Geschwätz den 
Kopf verdrehte. Da er seine Produktion mit dem 
Eingehen der „Liebelei" nicht einstellte, wurde 
sein Name zu einem Generalnenner für moderne 
Paranoia, Sensationslust, Selbstberäucherung und 
Originalitätshascherei und man pflegte von da an, 
wenn man über die Art eines strebsamen jungen 
Literaten ein besonders vernichtendes Urteil ab- 
geben wollte, in aller Kürze zu äußern: „das ist 
echter Peter Altenberg". Über Nacht war dieses 
Wort aus einem Eigennamen zu einem Gattungs- 
begriff geworden, und man sagte „Altenberg", wie 
man „Cagliostro", „Casanova" oder „Catilina" sagt. 
Es ist schließlich immer etwas Wahres an den 
Etiketten, die der Kollektivgeist des Publikums er- 
findet. Cagliostro war ja wirklich der genialste und 
vollkommenste Schwindler, der je gelebt hat, man 
möchte sagen: die platonische Idee des Schwind- 
lers. Und ebenso hatte die Menge auch sogleich 
ganz richtig erfaßt, daß dieser Dichter eben wirk- 
lich die kühnste und extremste Zusammenfassung 



IG 



alles dessen war, was als „modern" gebrandmarkt 
zu werden verdiente. Man traute diesem Namen 
die Kraft zu, eine Ehrenbeleidigung zu sein; wie 
Jago als der Gipfel schwärzester Verruchtheit gilt, 
so galt dieser Dichter als der Gipfel schwärzester 
Modernität. Mehr haben aber auch seine größten 
Verehrer nie von ihm behaupten wollen. 

Wie alle starken geistigen Mächte hat Peter 
Altenberg nur unbedingte Anhänger und unbe- 
dingte Gegner gehabt. Die einen zog er an, die 
anderen stieß er ab; aber beide mit der gleichen 
magischen Kraft. Es ist vielleicht selten ein ein- 
facher Aufzeichner kurzer Augenblickseinfälle, ab- 
nipter Impressionen so hemmungslos geliebt, ver- 
ehrt, ja angebetet worden, und es ist selten ein so 
reiner und tiefer, wahrer und gütiger Mensch so ge- 
dankenlos mißschätzt, verkannt und verlacht wor- 
den. Alle, die den Dichter Peter Altenberg in sich 
aufzunehmen versuchten, waren vor die einfache 
Wahl gestellt, ihn unbeschreiblich liebenswert 
oder unsagbar abscheulich zu finden; aber alle, 
die dem Menschen jemals nähergetreten sind, 
waren dieser Wahl enthoben: den Menschen 
konnte man nur lieben, von welcher geistigen oder 
ethischen Richtung man auch herkam. 



II 



über seine literarische Gesamtpersönlichkeit 
waren immer die abenteuerlichsten Vermutungen 
in Umlauf. Die exklusiven Kunstgourmets sahen 
in ihm einen „genießerischen Ästheten", und zwar 
ganz fälschlich: denn er war ein Natürlichkeits- 
und Naturfanatiker wie wenige seiner Zeit; die 
Philister nannten ihn einen Paradoxen jäger und 
Aphorismen Jongleur, was noch falscher war: denn 
er war ein leidenschaftlicher Wahrheitssucher; 
und das dicke Gros des Publikums schließlich 
wußte von ihm nichts anderes zu sagen, als daß er 
den Typus des genialischen Großstadtbohemiens 
darstelle, und das war am allerf alschesten : denn 
er war eine ethisch-reformatorische Persönlichkeit 
von fast religiösem Charakter, etwa in der Art des 
Sokrates oder Paracelsus. 

Peter Altenberg ist in unserer Zeit einer von 
den wenigen, ja vielleicht der einzige gewesen, 
der so dichtete, als ob das Dichten gar kein Beruf 
wäre. Er dichtete, dichtete ununterbrochen, bei 
Tag und bei Nacht, im Traum und im Wachen, im 
Gehen, Stehen, Sitzen und Liegen. Damit hängt 
es wohl auch zusammen, daß er immer nur so 
stoßweise und kurzatmig produziert hat. Denn die 
wahren Dichtungen haben eine Scheu davor, zu 



12 



Buchstaben zu gefrieren. Die besten Gedichte 
sind nur mit dem Herzen aufgeschrieben und 
kommen niemals in die Setzmaschine. 

Als er zum erstenmal auftrat, befand sich rings 
um ihn herum ,.Literatur", nichts als Literatur. 
Alles war in Artistik aufgelöst. Auf der einen 
Seite verknöcherte, verkalkte Epigonen, die sich 
vergeblich bemühten, einige tiefe und schöne 
Wahrheiten, die aber vor hundert Jahren entdeckt 
worden waren und daher unmöglich mehr die 
ihrigen sein konnten, noch galvanisch am Leben 
zu erhalten; auf der anderen Seite müde und über- 
reife oder kindische und unreife Herumsucher, die 
in allen Stilen redeten, nur nicht in dem einzigen, 
zu dem sie berechtigt waren, dem ihrer Zeit. 
Dichter, die etwas wußten, das nicht mehr Wissens* 
wert war, und Dichter, die noch gar nichts wußten: 
das war der Zustand. 

In diese Situation trat er ein. Nicht als Schrift- 
steller. Er hatte achtunddreißig Jahre gewartet; 
nein: nicht einmal gewartet, er hatte nie daran ge- 
dacht, etwas zu schreiben. Er hätte es noch wei- 
tere zwanzig Jahre unterlassen können, er hätte es 
immer unterlassen können. Seine Funktion in die- 
ser Welt war nicht die, zu schreiben, sondern zu 



13 



sehen: zufällig schrieb er dann das Gesehene 
einige Male auf. Daß er damit plötzlich nun doch 
in die Gilde der Schreiber geraten war, bildete 
keine Zäsur in seinem Leben. Seine Tätigkeit 
blieb dieselbe, die sie vorher gewesen war: 
Dinge zu erblicken. 

Es war ein Seher, in der doppelten Bedeutung 
des Wortes: ein Seher gegenwärtiger Dinge und 
ein Seher zukünftiger Dinge. Er ging durch das 
Leben und betrachtete. Das war seine ganze 
Leistung. Und dabei erblickte er Dinge, die vor 
ihm noch kein Mensch gesehen hatte; aber kaum 
hatte er sie erblickt, so konnten auf einmal auch 
die anderen sie sehen: diese Gesichte waren nun 
plötzlich ins Reich der Wirklichkeit getreten. Er 
war ganz einfach ein Entdecker, eine Art Natur- 
forscher: er fand neue Wirklichkeiten, die bisher 
verborgen waren, neue Kräfte und deren Ver- 
bindungsmöglichkeiten, nur waren es nicht neue 
chemische Affinitäten, die dieser Naturforscher 
ans Licht brachte, sondern neue seelische 
Affinitäten. 

Als Peter Altenberg sein erstes Buch „Wie ich 
es sehe** nannte, verstanden die Leute den Titel 
zunächst so wenig wie den Inhalt. Sie legten den 



14 



Akzent auf das i,ich" und dachten, hier melde sich 
wieder einmal ein „Subjektiver" zum Wort, ein 
„Eigener",. ein „Neutöner" und wie alle die törich- 
ten Schlagworte jener Zeit lauteten. So war es 
aber nicht gemeint und so war es auch nicht im 
Buch zu lesen. Was der Titel versprechen wollte 
und auch hielt, war etwas ganz anderes. Nichts 
Besonderes, Eigenes, nicht sich wollte der Dich- 
ter abbilden, sondern die Dinge; die Dinge, nicht 
wie e r sie sah, sondern wie er sie sah. In dem 
Buche sollte nichts enthalten sein als reale Netz- 
hautbilder, freilich Netzhautbilder eines bestimm- 
ten Menschen, bestimmter Augen, aber darum doch 
objektive, allgemeine Dinge, so wirklich wie irgend 
eine andere physiologische Erscheinung: diese 
positiven optischen Eindrücke sollten aufgezeich- 
net werden, sonst nichts. 

Um dies nun möglichst vollkommen zu er- 
reichen, bediente er sich so gut wie gar keiner 
künstlerischen Mittel. Er arbeitete gewissermaßen 
rein mechanisch, gleich dem Schreibhebel eines 
telegraphischen Apparats, der einfach in Zeichen 
überträgt, was ein geheimnisvoller elektrischer 
Strom ihm zusendet. Dadurch kam freilich man- 
ches Sonderbare und Schwerverständliche in seine 



15 



Dichtungen. Wie ein Morsetaster: Punkt — Strich 
— Strich — Punkt, abgerissen, chiffriert, steno- 
graphisch, gehackt: so schrieb er. Er folgte 
minutiös den Bewegungen des Lebens und machte 
auch alle ihre überraschenden Schwankungen und 
unlogischen Wendungen mit. 

Man konnte dies alles nicht verstehen. Ein 
Schriftsteller, der keiner ist? Das gab es nicht, 
konnte es nicht geben. Also war er entweder ein 
völlig Unfähiger, oder einer, der um jeden Preis 
originell sein wollte. Die Meinungen hierüber 
blieben geteilt. 

Aber was war Peter Altenberg denn in Wirk- 
lichkeit? 

Die meisten Schriftsteller schreiben, um zu 
schreiben, um zu zeigen, daß sie SchriftsteUer 
sind. Sie betrachten die Schriftstellerei als ein 
Ventil für ihre besonderen Fähigkeiten und Ge- 
schicklichkeiten. Ihre Bücher sind ihnen wich- 
tiger als sie selbst. Peter Altenberg war aber kein 
solcher Talentmann, sondern etwas viel Besseres, 
Einfacheres und Unbegreiflicheres. Er war kein 
Organ seines persönlichen Talents, sondern ein 
Organ der ganzen fühlenden Welt, die ihn umgab. 
Er war ein Mensch, der ohne Mühe und GewoUt- 

i6 



heit, ohne „Kunst'' schuf, weil er aus innerer Not 
schuf: diese Not war seine höchste Tugend. Er 
war ein Mensch, dessen Talent das seltene, schwie- 
rige und beschwerliche Talent zur Wahrheit war, 
der alles, ohne Ausnahme, organisch aus seiner 
Natur entwickelte: denn nichts anderes kann man 
unter Wahrheit bei einem Menschen verstehen. Er 
war ein Mensch, der mit der größten Freiheit und 
Unbefangenheit jeder Stimmung seiner Seele Aus- 
druck verlieh, der alles sagte, was er dachte, und 
es genau so sagte, wie er es dachte. Er war ein 
großer Wissender: er stellte sich der höchst ver- 
wirrenden, komplexen und scheinbar unlogischen 
Erscheinung, die wir „Leben" nennen, als Einge- 
weihter gegenüber; er machte ein paar ganz na- 
türliche und einfache Griffe, und auf einmal waren 
Schlösser aufgesperrt, die man bisher gar nicht be- 
merkt oder für unzugänglich gehalten hatte. Er 
war ein Mensch, der den Herzschlag jedes Ge- 
schöpfes, jeder Seele, jedes Ereignisses in seinem 
eigenen Herzen spürte, der in jedem Augenblick 
seines Daseins das Leben in seinem ganzen Reich- 
tum und seiner ganzen Tiefe umfaßte, ein Mensch, 
der für sich nur noch eine einzige Privatange- 
legenheit anerkannte: die Sache der Menschheit. 

2 Friedeil, Das Altenbergbuch. ly 



Er war der Vollbringer eines gewagten Vorstoßes 
in fremde, neue und unsichere Gebiete, ein kühner 
Avantageur, der das gefährlichste Geschäft über- 
nommen hatte, das es gibt: die Aufklärung. 

Wir können es auch kürzer sagen: er war ein 
Dichter. 

Und mit diesem Satz erneuert sich der ganze 
Schmerz, der so vielen Hunderten, ja Tausenden 
gemeinsam ist, der Schmerz, daß dieser kristall- 
klare Geist, dieses edle, belebende Feuer, dieser 
wunderbare Akkumulator von Weisheit und 
Wärme, Licht und Liebe nun auf einmal aus der 
Welt verschwunden sein soll. Niemand hätte es 
für möglich gehalten, daß man eines Tages ge- 
zwungen sein würde, den Satz auszusprechen: 
Peter Altenberg w a r ein Dichter. Selten sind die 
Menschen dem Mysterium, daß einer ihrer Brüder 
plötzlich ihren Blicken entnommen wurde, fas- 
sungsloser gegenübergestanden als beim Tode 
Peter Altenbergs. 

Dieser Weise hatte sein eigenes Leben höchst 
unweise eingerichtet, mit den geistigen und physi- 
schen Kräften, die ihm die Natur in überreichem 
Maße geschenkt hatte, wie ein kopfloser Flottwell 
gewirtschaftet, immer gegeben, gegeben, gegeben, 

i8 



mit vollen Händen, ohne zu rechnen, ohne auch 
nur eine Minute verständig innezuhalten und sich 
zu fragen, wie lange das Kapital wohl noch reichen 
könne. Er hat seinen Organismus, der zäh und 
widerstandsfähig war wie wenige, systematisch 
aufgerieben, diese außerordentliche Kraftmaschine 
mit Alkohol überheizt, mit Ekstasen überlastet, 
durch ein sinnlos unhygienisches Leben zerstört. 
Vielleicht konnte er nicht anders. Vielleicht mußte 
er sein Leben in dieser inneren Jagd, unter diesem 
unnatürlichen Hochdruck hinbringn, um daran 
vorbeisehen zu können, um der Gemeinheit, 
Bösartigkeit und tiefen Dummheit des Daseins 
nicht ins Auge blicken zu müssen, vielleicht be- 
durfte er aller dieser äußeren und inneren Be- 
täubungsmittel, weil er die Häßlichkeit der Reali- 
tät sonst nicht ertragen hätte ; und seine erotischen 
Überschwenglichkeiten, vielen so lächerlich, die 
jedes Weib, das er liebte, zu einer „Göttin" und 
„Heiligen" machten, vielleicht brauchte er sie als 
einen Dampf und Nebel, um das Wesen, das er 
anbetete, verhüllen zu können. 

Peter Altenberg war, wie alle echten Dichter, 
ein begeisterter Apostel des Daseins. Er war in 
alles verliebt: in das Größte wie in das Kleinste. 



19 



Ihm erschlossen sich die Dinge; er gelangte an 
das Herz der Dinge, wqü er sie liebte. Es war, 
als ob er den Zauberstein des Märchens besessen 
hätte, durch dessen geheimnisvolle Kraft allen 
Wesen plötzlich ihre Seele entlockt wird: er 
drehte an diesem Stein, und nun trat sie hervor. 
Er entdeckte die Seele aller Menschen und ihrer 
Betätigungen, Er entdeckte in den snobbistischen, 
verzogenen, verlogenen Damen der Bourgeoisie 
die Sehnsucht nach wirklicher Schönheit, Vor- 
nehmheit und Erhöhung des Daseins. Er entdeckte 
im platten Lebemann den romantischen Erotiker, 
im albernen Philister die tragische Persönlichkeit. 
Denn er konnte mit allen Menschen reden und nie- 
mand versagte sich ihm. Er sprach gleich Sokrates 
mit jedem von seinem Geschäft, von seinen Inter- 
essen: mit dem Milchhändler von der Milch, mit 
dem Bäcker vom Gebäck, mit dem Landmädchen 
vom Markt. Trat er in eines jener nächtlichen 
Wiener Vergnügungslokale, die für gewöhnlich 
Zentren der Stupidität und Geschmacklosigkeit 
sind, so verwandelte es sich sofort: die jungen 
Tänzerinnen wurden zu Märchenprinzessinnen und 
die törichten „Kavaliere" zu komplizierten Roman- 
figuren. Er zog sich aufs Land zurück und das 



20 



ganze Dorf bevölkerte sich mit Maeterlinckgestal- 
ten, er trat in den Salon und die seichten und ge- 
fälschten Reden des Jours wurden zum Ibsen- 
dialog. Niemand vermochte in seiner Nähe niedrig 
zu denken. Es gab keine Dirnen und Zuhälter; es 
gab keine Knechte und Lakaien; es gab keine 
Taschendiebe, Messerhelden und Betrüger. We- 
nigstens nicht, solange Peter Altenberg mit ihnen 
sprach. Alle Menschen verwandelten sich, freilich 
nur für die wenigen Augenblicke seiner Anwesen- 
heit; aber dennoch: er zwang sie, zu zeigen, daß in 
jedem von ihnen etwas Göttliches steckte. Er war 
die geheimnisvolle Leydnerflasche, die den anderen 
ihre Elektrizität erst frei machte: ein Kräfteent- 
binder, der die anderen zu sich selbst brachte. Er 
lebte mit den Dingen in dauernder Krypto- 
g a m i e. Er war immer begeistert, immer verliebt, 
und darum immer weise. Wie Peter Altenberg die 
Frau immer sah, so hat sie jeder Mensch minde- 
stens einmal in seinem Leben schon gesehen: als 
er liebte; wie Peter Altenberg die ganze Natur: 
jedes Stück Rasen, jeden verschneiten Baum- 
stimipf, jedes Tulpenbeet, jede alte Dorfbrücke 
empfand, so hat jeder schon irgendwann einmal 
Rasen, Baum, Blume und Brücke empfunden, aber 



21 



nur ein kurzes Zeitteilchen, dann sank alles wie- 
der hinab, er hatte es sofort wieder vergessen. Die 
meisten Menschen sind eben vergeßliche 
Dichter. 

Auch 'die Dichter sind nichts Vollkommenes. 
Sie sind, wie wir Menschen alle, nur flackernde, 
suchende Irrlichter, ohnmächtige Träumer, Zwit- 
tergeburten aus Wunsch und Irrtum. Aber daß sie 
wahr sind, daß sie ganz sind, das wird aufge- 
schrieben und gebucht. Einer einmal ganz, einer 
einmal wahr: das Universum notiert es. Und alle 
Seelen, deren geheime Melodie der Dichter Peter 
Altenberg tönend gemacht hat, werden ihm einen 
ewigen Nachruf singen, der hintiberspringen wird 
von einer Milchstraße zur anderen. 

Für die aber, die dem Menschen nahestanden — 
und es waren deren nicht wenige — faßt sich der 
ganze Nekrolog in zwei einfache Worte zusammen, 
die wir so oft zu ihm gesprochen haben und die 
uns allen für immer in zarter und starker Erinne- 
rung bleiben werden, die beiden Worte: lieber 
Peter. 



22 



CARLYLE: 

DER HELD ALS 
SCHRIFTSTELLER 



Heldengötter, Propheten, Dichter, Priester 
sind Formen des Heldentums, die entlege- 
nen Zeiten angehören, die schon in den fernsten 
Weltaltem in die Erscheinung getreten sind; 
einige von ihnen sind längst unmöglich geworden 
und werden sich nie wieder auf dieser Erde zei-. 
gen. Der Held als Schriftsteller hingegen ist ganz 
und gar ein Produkt der Neuzeit, und solange die 
wunderbare Kunst des Schreibens oder des 
Schnellschreibens, das wir Drucken nennen, sich 
erhalten wird, solange wird vermutlich auch er 
andauern, al^ eine der Hauptformen des Helden- 
tums für alle künftigen Zeiten. Er ist eine sehr 
eigenartige Erscheinung; in mehr als einer Hinsicht. 
Ich sage, er ist etwas Neues; er besteht erst seit 
kaum einem Jahrhundert. Niemals, bis vor etwa 
hundert Jahren, hat man gesehen, daß die Verkör- 
perung einer großen Seele in dieser unnatürlichen 
Weise ganz abseits lebte; bemüht, die göttliche 
Eingebung, die in ihr ist, durch gedruckte Bücher 
auszusprechen; und auf den Unterhalt angewiesen, 
den die Welt ihr dafür zu gewähren gerade für 

25 



gut findet. Viel ist gekauft und verkauft und auf 
den Markt gebracht worden, um sich dort selber 
seine Kunden zu machen; aber niemals bis dahin 
ist die erleuchtete Weisheit einer heroischen Seele 
in dieser unverblümten Manier zu einem Geschäfts- 
artikel gemacht worden. Der Schriftsteller mit 
seinen Verlagsrechten und Verlagsunrechten, in 
seiner verrauchten Dachstube, in seinem abge- 
schabten Rock, herrschend (denn das tut er) aus 
dem Grabe heraus, nach seinem Tode, über ganze 
Nationen und Geschlechter, die ihm zu seinen Leb- 
zeiten sein Brot gaben oder nicht gaben — das 
ist ein recht sonderbares Schauspiel ! Es gibt nicht 
viele Gestalten, hinter denen man weniger einen 
Helden vermuten würde. 

Ach ja, der Held hat von altersher sich in son- 
derbare Gestalten hüllen müssen; die Welt weiß 
niemals recht, was sie mit ihm anfangen soll, so 
fremdartig berührt sein Anblick auf dieser Erde! 
Es erscheint uns absurd, daß die Menschen in ihrer 
rohen Bewunderung einen weisen großen Odin 
für einen Gott nahmen und wie einen Gott verehr- 

26 



teil, einen weisen großen Mahomet für einen Gott- 
erleuchteten hielten und zwölf Jahrhunderte 
gläubig seinem Gesetz folgten ; aber daß ein weiser 
großer Johnson, ein Bums, ein Rousseau als ein 
müßiger Vagabundierender betrachtet wurde, der 
in die Welt gesetzt sei, um andere Müßiggänger za 
amüsieren und dafür ein paar Silbermünzen und 
etwas Applaus zugeworfen zu bekommen, das 
wird vielleicht eines Tages als eine noch absur- 
dere Entwicklung der Dinge gelten! Inzwischen 
aber muß, da das Geistige immer das Materielle 
schafiFt, der Schriftstellerheld als unsere wichtigste 
moderne Persönlichkeit angesehen werden. Er ist, 
so wie er ist, die Seele von allem. Was er lehrt, 
das tut und vollbringt die ganze Welt. Die Art, 
wie die Welt mit ihm verfährt, ist der bezeich- 
nendste Ausdruck für die allgemeine Lage, in der 
die Welt sich gerade befindet. Indem wir sein 
Leben richtig ins Auge fassen, können wir einen 
Blick, so tief als er jetzt eben möglich ist, in das 
Leben jener sonderbaren Zeiten tun, in denen wir 
selbst leben und wirken. 



27 



Es hat echte Schriftsteller gegeben und unechte ; 
wie es auf allen Gebieten Echtes und Gefälschtes 
gibt. Wenn Held so viel bedeutet wie echt, dann 
sage ich, daß der Held als Schriftsteller einen Be- 
ruf unter uns erfüllt, der die größte Ehre verdient, 
der der höchste von allen ist. Er drängt nach 
außen, was in seiner erleuchteten Seele ist; auf 
dem Wege, der ihm eben zur Verfügung steht: 
und das ist alles, was man von einem Menschen 
in jeder Lebenslage verlangen kann. Ich sage er- 
leuchtet; es ist dasselbe, was wir „Originalität'*, 
„Ursprünglichkeit", „Genie" nennen, die heroische 
Fähigkeit, für die wir keine zutreffende Bezeich- 
nung besitzen. Der Held lebt im Innern der 
Dinge, im Wahren, Ewigen und Göttlichen, das 
immer, aber den meisten unsichtbar, unter dem 
Zeitlichen schlummert. Merkwürdig: sein Wesen 
besteht darin; er setzt dies auseinander, indem er, 
durch Reden oder Handlungen, sich selbst aus- 
einandersetzt. Sein Leben ist ein Stück vom Her- 
zen der ewigen Natur selbst: das ist eigentlich 
jedes Menschen Leben — aber die kurzsichtige 

28 



Menge weiß nichts von dieser Tatsache und wird 
ihr zumeist untreu. Die wenigen Starken sind 
stark, heroisch, un^rstörbar, weil ihnen diese 
Tatsache nicht verborgen geblieben ist. Der 
Schriftsteller ist, wie jeder Held, dazu da, dies zu 
verkünden, in der Form, die ihm zu Gebote steht. 
Im Grunde ist es dasselbe x^mt, für dessen Aus- 
übung jemand in alten Zeiten Prophet, Priester, 
Gottheit genannt wurde; für dessen Ausübung, in 
Wort oder Tat, alle Arten von Helden in die Welt 
gesendet sind. 



29 



FÜNFZEHN BRIEFE 
PETER ALTENBERGS 

AN DIE 

SCHAUSPIELERIN 

ANNI MEWES 

(Herbst 1915) 







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Tief verehrtes angebetet es Fräulein, 

kommen Sie doch allein zu mir. Ich werde 
morgen Samstag, Sonntag, Montag, von ii bis 12 
in meinem Zimmer auf Sie warten. 

Wenn Sie nicht kommen, so waren Sie dennoch 
tausendfach da, denn die liebliche Erwartung 
der allerlieblichsten Frau war da! 

Ich verehre Siel 

Peter Altenberg 



Du warst also hier in meinem Zimmerchen, das 
Dich feierlich-armselig erwartet hat seit Tagen — . 

Der Duft Deines heißgeliebten Atems war nun 
in dieser warmen Zimmerluft I Was hatte ich Dir 
zubieten, zu spenden, DuewigeSpenderin?! 

Was nützt es Dir, wenn ich den Platz, auf dem 
Du saßest, mit Küssen bedecke?! Was nützt es 
Dir?! 

Nie war eine liebevollste Mama zärtlicher, 

nie, nie, nie denn der Platz, auf dem Dein 

heißgeliebter P. p. ruhte, ist mir geheiligt! 

3 Frieden, Das /ttenbergbuch. 3 3 



57 Jahre alt in Leiden mußte ich werden, um 

noch zuletzt mein Ideal erschimmem zu seh'n, 

Anni Mewes! Ich segne Dich. 

P. A. 

Kalender-Daten: 

Anni Mewes, Dienstag, den 12. Oktober 
1915 erschaute ich Deine „heilige Anmut", 
diese tiefste Genialität des Weibes in: 
„Eine Heiratsgeschichte, ein Lustspiel in 3 Akten 
von Nikolai Gogol." Seitdem warst Du meine 
Göttin „menschlich lieblicher Anmut", in Bewe- 
gung, in Stimme, in Blick. 

Sonntag, i/4i Mittags, 9. Januar 19 16, lernte ich 
Dich persönlich kennen! Wenn ich Dir nun 
es sage, daß ich weiterträume und begei- 
sterter?!? Sei gepriesen, Anni! Schmeichelei 
ist Gift, Anerkennung ist Tonicum! 

Peter Altenberg 

Jahre lang lag ich tot. Da erweckte mich die 
süße Stimme der AnniMewesim Theaterstück 
von Nikolaus Gogol: „Eine Heiratsgeschichte". 

34 



Da wurde ich ganz wach und begann wieder zu 
schwärmen, exaltiert zu sein, zu weinen, kurz, ich 
selbst wieder endlich zu sein, in unermeßlichen 
Anhänglichkeiten zu Einer, der ich alle alle gönne, 
da sie doch K e i n e r an sich hegt und pflegt, 
betreut und wertet, wie meine arme, ausge- 
schlossene Seele ! K e i n e r I Ausgeschlossen? ! 
Eingeschlossen in des Weltalls geheime 
Schätze! Anni Mewes, mein Edelstein in der 

Krone meines bedrückten Lebens ich 

liebe Dich! 

Peter 

Ich habe nie, seitdem ich verehre, und d a- 
herallein lebe und dichte, und bin, eine Frau 
so tief lieb gehabt wie Sie ! Keine Mama kann 
ihr Kindchen lieber haben! 

Ich halte Sie körperlich, seelisch, künst- 
lerisch für das, nein, für mein modernes 
Ideal! 

Ihre Gesellschaft von Männern beweist mir nur 
ihre kindlich-unbewußte Art! Ihre tra- 



3» 



35 



gische Unwissenheit! Aber ein Wissender wie 
P. A. zittert und bangt um Sie. 

Es wird weder Ihnen noch Ihrem Anhängte ge- 
lingen, meine fast pathologische Verehrung zu 
vernichten! 

Ich üebe Siel Kommen Sie Mittwoch! 

P. A. 



Judas ist jeder Mann, der von einem Peter 
Altenberg gerade noch so viel anerkennt und 
ihm zugesteht als Menschen und Dichter, wie 
es ihm noch „in seinen Kram" paßt! 

Das aber auch einer von P. A. vergötterten 
Frau, aus selbstischen Gründen, beibringen 
wollen, unter dem perfiden Deckmantel 
von objektiver Wertschätzung des 
Dichters, 
ist Judasissimus! 

Peter 
seiner Heiligen 

A.M. 



36 



A n A. M. 

Sie begehen ein tiefes Unrecht an mir — 

nicht, daß Sie mich nicht erhören, wie der 
„technische Ausdruck" nun einmal lautet, 

sondern, daß Sie von meinem Gefühl nichts 
wissen wollen! Nichts wissen werden j e. 

Ich habe nie s o gelitten, 

obzwar diesbezüglich zu leiden, des Dichters 
Schicksal, oder, wie Manche perfid es aus- 
legen, des Dichters natürliche Bestim- 
mung ist! 

Nein, Anni Mewes, 

Sie können mir nichts antun auf die Dauer, 

denn ewig sprudeln neue Kräfte aus meiner 
armen Seele Innerstem, auch wenn ich Sie nicht 
sehe, Sie neu zu bewundern, zu verehren! 

Ich liebe Sie! 

P. A. 

Liebes süßes Fräulein Anni! 
Professor C. W. Kosel, unser berühmtester und 
teuerster Photograph (sechs Bilder 9 Kronen) will 

37 



Sie mir zuliebe gratis aufnehmen, und Sie 

sollen dieser Tage zwischen 4 und 6 zu einer 

Vorbesprechung zu ihm kommen (L, As- 

pernplatz, Uraniastraße 2) 1 

Ich habe auch von Halb-Akt und Ganz- 

A k t Erwähnung getan. 

In tiefer Anbetung 

Peter 

Dialog. 

Er: „Ich spüre es, Sie sind gegen das Küssen!" 

„Ja, ich bin d a g e g e n!" 

„Sie sind eben für Etwas, das sie noch gar nicht 
kennepl" 

„Das ist die Redensart aller Verführer 1" 

„Sie sind dafür, einem Manne, der sich es 
geistig-seelisch durch Anhänglich- 
keit und Leid bei Ihnen erworben hat, das 
Gnaden- Geschenk des zärtlichsten Kus- 
ses auf Ihr Heiligtum zu gestatten ! Wie eine 
Mama ihr vergöttertes Kindchen küßt!" 

„Ich bin dennoch nicht dafür, aber es scheint 
mir fast, daß ich dafür sein sollt el" 

38 



Wenn man unsere Gefühls-Symphonien 
vergleicht mit dem schwachen dünnen Echo 
der Horcherin, müßte man das ganze tiefe Konzert ' 
für überflüssig halten. Aber tut man es denn für 
s i e?I Was h a t sie denn davon?! 

Man tut es für sich, für sich selbst um Gottes- 
willen, damit man dem bedrängten übervollen ge- 
quälten Herzen ein Ventil öffne, für Sehn- 
sucht, Bangigkeit, Verehrung, Rührung, Eifer- 
sucht, Zärtlichkeit! Wozu also das Echo?! 

Und dann, wenn man sich ganz ganz aus- 
geweint, ausgeklagt hat, kommt vielleicht der hei- 
lende, erlösende Augenblick, da man ausge- 
weint ist. Eine übers tan dene Krank- 
heit der armen Seele! 

Frauen sind merkwürdig: ihre tiefste, ihre 
beste, ihre vollkommenste Wirkung achten sie 
für nichts. Was sie andererseits brauchen, 
benötigen, ist nicht der Mühe wert, 
schön, apart, anmutig zu sein! 

Peter 



39 



Alles Andere ist nun versunken, ertrun- 
ken, Todes-verwest für mich, für meine ewig früh- 
linghafte DichtervSeele es gibt n u r m e h r, 

nur, nur, nur mehr die süße Anni Mewes! 

Möge sie auch noch so versorgt sein bei An- 
deren, wirklich versorgt ist sie nur in mei- 
ner zärtlichst liebevollen Seele! 

Keine Hand der ganzen Welt könnte sie so 
liebevollst-zärtlichst streicheln wie die meine, 
denn dazu gehört eben die Zärtlichkeit aller 
Väter, aller Brüder, aller Liebhaber, aller Hof- 
macher, aller Gatten zusammengenommen! 
Sie werden es nie wissen, was Sie mir sind! 

Später, alternd, werden Sie daran denken, und 
es spüren: „Ein alter Narr hat mich einst viel- 
leicht am liebsten gehabt!" 

Peter 



Liebe süße Frau, 

heißen Dank für Ihr menschliches zartes edles 
Schreiben ! 

Ich lebe nur mehr mit Ihnen, in Ihnen, 

40 



von Ihnen! Mein armes Dichterherz hat im 
57. Lebensjahre sein längst, vielleicht schon als 
Knabe erträumtes Licht gefunden, herausgefun- 
den in der weiten, bangen, schlimmen Welt: Anni 
Mewes! Schicksal, sei bedankt! 

Dieser vollkommene edel-zarte Frauenleib saß 
auf meinem Sopha, diese geliebte, klare, milde 
Stimme tönte in meinem Zimmerchen, ich sah die 
herrlichen Arme, den vollendeten Nacken durch 
den Tüll durchleuchten, oh Schicksal, sei be- 
dankt! 

Kommen Sie Donnerstag, 12 — i, zu mir. 

In unermeßlicher Anhänglichkeit 

Peter 

Das Bewußtsein Deines Sein's in dieser 
Welt, erleichtert mir dieses eigentlich uner- 
trägliche Dasein! 

Alles an Dir, Fraue, Anni Mewes, ist voll- 
kommen! Die Härchen Deines „Heiligtums" sind 
dasselbe, wie Deine klar-süße Stimme, der edel- 
merkwürdige Blick deiner geliebten Augen, und 

41 



die zarte Einfachheit Deiner Kunst! Alles alles 
zusammen ist mir die Vollkommenheit, 
und alles Einzelne ebenso! 

Ich bete Dich an, Anni Mewes, der Klang Dei- 
ner Stimme, der Speichel Deines Mundes seien in 
gleicher Weise gesegnet!!! Ich denke an Deinen 
heißgeliebten Leib, den ich nicht kenne und den- 
noch heiß liebe! Nie wird je ein Mann diese 
Zärtlichkeit haben für Deinen Leib und Dein 
Sein! 

Peter Altenberg 

Nie, nie, nie wird je ein Mannes-Herz, Zeit 
Ihres ganzen Jugend- Daseins, diese 
Gefühle zehrendster melancholischer Verehrung 
aufbringen wie ich von dem Tage an, da ich Sie, 
verhängnisvollst, 12. Oktober 1915, in „Eine Hei- 
ratsgeschichte", tiefst gerührt bewun- 
dernd Leib, Anmut, Stimme, Talent und Ant- 
litz, erschaute, nein, als das mir zugehörige, von 
Gott gesandte Ideal erkannte. 

Von dieser Lebens-fatalen süßen lieben 



42 



Stunde an, zitterte ich Tag und Nacht und betete 
und hoffte, daß Sie die Männer nicht kennen 
lernen, durch deren Bekanntschaft be- 
reits Sie in meiner Seele vernichtet 
werden I 

Oh, Anni MewesI 

Peter. 

Was keiner Frau gegeben ist vom Schicksal: 

Keiner geliebten verehrten Frau ist es ge- 
geben, mitgegeben vom ihr sonst gnaden- 
reichen Schicksal es auch nur ah n e n zu können, 

was Das ist, daß man neben ihr sitzt und 
spricht und schweigt und Scherz e.macht 
und Komplimente, 

und dabei f (ihlt man, spürt man ununterbro- 
chen das Mysterium ihrer Nacktheit un- 
ter ihren Gewändern! Ihre uns heilige Nackt- 
heit! 

Dich jetzt, jetzt, jetzt, auf Deinen geliebten 
Nabel küssen dürfen! Jetzt, jetzt den Duft Dei- 
ner geliebten Achselhöhlen einatmen, ein- 

43 



trinken zu dürfen! Und jeden anderen Duft! 
Heißgeliebter, tief verehrter, zärtlichst angebe- 
teter, vergötterter Leib! DU, A. M. 

Jetzt Deine Kniee küssen dürfen, oben und 
innen in der sanften Kniekehle! 

An Deinen zarten Brust-Rosen trinken können 
wie ein durstiges eigenes Kindchen! Das ist 
Romantik! 

Aber man spricht, man schweigt, macht Scherze 
und macht Komplimente ! Das Leben fordert es. 

Es ist Dir nicht mitgegeben vom sonst 
ziemlich gnadenreichen Schicksal, Fraue, süße 
Fraue, allersüßeste A. M., es mitzuspüren, 
mitzuerleben, mitzuträumen, was er unter Dei- 
nem sittsamen Gewände, erlebt und träiunt! Du 
lieblichste Verborgene und dennoch U n v e r- 
borgenelü Sei bedankt! 

Peter Altenberg an Anni Mewes. 



44 



NEUN BRIEFE 

PETER ALTENBERGS 

AN SEINEN 

BRUDER GEORG 



Liebster Georg, 

habe vernommen, daß Du, Getreuester, den 
Sonntag Nachmittag im „Kiosk** auf mich gewar- 
tet hast! Ich konnte nicht aufstehen vor Erschöp- 
fung, stand erst um 8 auf, ging ins „Löwenbräu", 
und dann gleich wieder ins Bett. Am ärgsten sind 
aber die Melancholien. Sie zehren an mir wie ein 
Gift. Ich bin verdüstert und verstört. 

Meine Energielosigkeit ist bereits vollkommen 
pathologisch. Waschen und Anziehen sind Hel- 
dentaten der Überwindung. 

Wenn ich mich tiberwinden könnte, nach 
Kritzendorf zu ziehen, oder nach Baden! In bei- 
den Orten wären die Bäder im Freien, die Sonnen- 
bäder ! Ich bin körperlich und seelisch vollkommen 
zerrüttet. Ich baute auf meine Lunge, wie auf ein 
Bollwerk gegen alle „lebensfeindlichen" Mächte! 
Nun ist auch diese letzte Festung zerstört! Daher 
meine schrecklichen Melancholien über meine 
endgiltige Niederlage! 

Daß Du den Feiertag in diesem einsamen Kiosk 

47 



mir zuliebe verbrachtest, hat mich tief ergriffen. 
Du gefällst Bessie sehr. Sie sagte, wir hatten, für 
den Fremden, soviel versteckte Ähnlichkeiten! 
Hoffentlich hat sie Dir nicht allzusehr mißfallen. 
Sie ist eine englische Puppe, und dennoch un- 
glücklich und melancholisch. Die „verwöhnte eitle 
Tänzerin" in ihr ist nicht zu heilen durch „geord- 
nete Verhältnisse", die außerdem gar nicht geord- 
net sind! Sie braucht wenigstens „seelische 
Verehrer", die sie haben möchten und denen 
sie sich refüsiert, um ihnen Respekt ein- 
zuflößen! Also das doppelte Geschäft! Eine 
Engländerin und eine verwöhnte Tän- 
zerin, in einer Person! Von Herrn L. nicht 
erzogen, sondern mißbraucht! Sexuell 
allein! 

Hoffentlich suchst Du mich baldigst wieder auf, 
im Kiosk, nächst dem Stefansplatz. 

Dein dankbarer unglückseliger 

P. A. 



48 



Peter Altenberg im neunten Lebensjahre 



(Gmunden 189 5') 
Mein lieber Georg, 

bitte, sende sogleich Geld. Ich möchte in einigen 
Tagen zurück. Aber die Geschichte mit meinem 
Kofifer ist so fatal. Hast Du denn nicht am Mino- 
ritenplatz eine poste-restante- Antwort erhalten?! 
Ich habe nun nochmals nach Ischl geschrieben, 
ferner an die Direktion der Südbahn. 

Was ist mit Grethl's Sache?! Sind die Eltern 
noch am Lande?! Mein Koffer samt Inhalt hatte 
doch einen Wert von 7 + 25 + 25 + 20 Gulden! 
Könntest Du nicht Jemanden an die Südbahn und 
die Westbahn senden, sich erkundigen, ob mein 
Koffer nicht dort lagere?! Er ist aus brauner Jute 
mit Leder-Einfassung, hat ein Schloß und wurde 
von Ischl via Aussee — Brück — Leoben (Südbahn) 
am 26. September an Joseph Fitsch, Tiefer Graben 
dirigiert!!! 

Meine Liebe zu Alice Auerbach ist grenzenlos 
und ewig geworden. Jeden Tag von 3 bis 8 sitzt 
sie neben mir im Caf6 und ich bin in dem äußer- 
sten Fanatismus der Anbetung. Sie ist die Weis- 

4 Frieden, Das Altenbergbnch. äq 



heit, die Schönheit und aller Adel der Menschheit. 
Wer sie kennen gelernt hat, begreift alle anderen 
Frauen als Flitscherln und Cretins. H. W. zum 
Beispiel ist neben ihr eine neurasüienische Hure 
der Seele. 

Gestern war Alice und ich im Theater, dann 
gingen wir allein soupieren in die American bar. 
Um I nachts geleitete ich die j,Fürstin'* nach 
Hause. Beim Haustore sagte sie: „Ja, ich bin 
glücklich, Sie kennen gelernt zu haben. Man ist 
nach ihren Büchern nicht enttäuscht von Ihnen. 
Sie sind ein großer Mensch!'* Ich aber küßte den 
Saum ihres Theatermantels. 

Dein P. A. 

(19090 
Liebster Georg, 
das Ende naht mit ungeheuren Schritten an 
mich heran. Meine Melancholien verzehren mich 
bei lebendigem Leibe! Ich bedürfte einer zärt- 
lichen Wärterin, das einzige Gute an mir war noch 
meine Lunge, und die ist jetzt auch hin geworden! 

50 



Aufstehen ist mir bereits eine Qual, in meinem 
Gehirn ereignen sich merkwürdige Dinge. Meine 
„Lebensunfähigkeit" hat den höchsten Grad 
erreicht! 

Für mich gibt es nur mehr jene Art Schlaf, die 
der Vorläufer des Todes ist! 

Wach sein mordet mich infolge von Melancho- 
lien. Mein verfehltes Leben rächt sich jetzt 
an mir! Jetzt kommt die schreckliche 
Sühne! Aber besonders dieses „Alleinsein" mor- 
det meine unglückseligen Nerven! Mein Zimmer 
ist nicht zum bewohnen, zum „darinleben" ein- 
gerichtet, und ich ebenso wenig für mein Zimmer ! 
Für mich gibt es nur mehr das Bett und schlafen, 
schlafen! Ich bin zu nichts anderem mehr fähig! 
Ich bin bereits ein lebendiger Verstor- 
bener! Nur Helga könnte mir helfen. Und die 
ist nicht vorhanden! Nur sie, nur sie, mit ihrer 
heiligen Opferfreudigkeit! Ihre Seelenkraft strömt 
in mich über. Ihre Sorgfalt, ihre Besorgnis, ihre 
Rücksicht, bringen meinen zerrütteten Nerven Le- 
ben, Kraft ! Aber sie ist nicht da. Sie hat eine Stel- 



4» 



51 



lung in Hamburg mit 70 Mark, und zu Hause alles 
umsonst I Wie kann sie da nach Wien, wo alles be- 
zahlt werden muß ! ! ? 

Ich kenne mich nicht mehr aus im Leben, das 
mich nun von allen Seiten anfällt wie Raubtiere! 
Ich kann keinerlei Widerstand mehr leisten, ich 
gehe elendiglich zu Grunde ! Besonders meine Me- 
lancholien zehren mich auf bei lebendigem Leibe! 
Ich brauchte eine Wärterin, imd habe keine 1 
Meine einsamen Stunden morden mich, höh- 
len mich direkt aus, schaufeln mir das Grab aus! 
Das wäre alles nicht so entsetzlich, wenn man es 
nicht so schrecklich deutlich vor sich sehen 
würde! Das Schicksal erleiden, ist nicht so ent- 
setzlich, wie es unter der Kontrolle seines 
Denkens und Fühlens vorerleben müssen! 
Das bringt die Nerven dem Abgrund um soviel 
näher! Aber daeskeinerleiHilfe gibt, wozu, 
wozu klagen?!? 

Die Millionärinnen, die mich verehren, halten 
dennoch ihre Taschen zu. Es ist eine Welt von 
Lüge und Betrug! Angebliche tiefste Verehrung, 

52 



und dann lassen sie uns „am Mist krepieren" und 
schmeißen das Geld für Aller-W erthlosestes 
hinaus! Und markieren Mitgefühllll Nur Helga ist 
opferfreudig I Ich habe sie dazu erzogen! Und so 
triumphiert sie über ihre egoistischen Mit-Schwe- 
stem, die von ihren positiven Genüssen gar nichts, 
gar nichts haben! 

Liegen und schlafen, ist meine einzige Erlö- 
sung! Aber wie lange kann man so als Lebendiger 
sterben?!? Dein unglückseliger Bruder 

P. A. 

Technik der „Schlafmittel", damit sie nicht als 
„Gift" wirken: Vollkommen leerer Darm! 
laichtest verdauliche Kranken- Kost am 
Abend ! 

Schlaf von lo Abends bis 7; nicht geweckt 
werden! 
Medinal 0*5! 

Dr. Peter 
Honorar: Bruderliebe! 



53 



(Steinhof, April /piiJ 
Ich schreie zum letztenmale gellend und 
verzweifelt um Hilfe, da ich nur infolge einer 
ganz momentanen Erregung, wie sie Künstler- 
Organisationen zu Tausenden in ihrem Leben 
haben, durch Dich und Deine Unvorsichtig- 
keit hierher gebracht wurde! 

Ich bin gerade so normal, wie ich, bei 
meiner künstlerischen Impressionabilität, es gleich 
tausend Andern, mein Leben lang gewesen 
bin, und mich hier festhalten, heißt: wis- 
sentlich ein Verbrechen begehenl 

Peter Altenberg 



(1918,) 
Lieber, teurer, einzig edler und weiser Bruder! 
Ich allein, ich allein bin schuld an diesem Ent- 
setzlichsten, daß ich nun seit Wochen tragen muß, 
und weiter mit mir schleppe, bis dieser zerstörte 
Organismus stille steht und seine schwere Arbeit 
zu leben ganz einstellt! 

54 



Du hast mich fort und fort in brüderlichstjer 
ernstester Art gewarnt und gewarnt, hast mir seit 
Jahren es vorausgesagt, was nun rascher, als man 
es denken konnte, eingetreten ist. 

Die tödliche Schwäche in meinem Rückenmark 
nimmt von Tag zu Tag zu und jede wache Stunde 
ist eine Ewigkeit von Folterqualen. Ich sehne mich 
nach Morphium, um das Entsetzliche nicht mehr zu 
spüren I Habe doch wenigstens ein Atom Mitleid 
mit Deinem unglückseligen Bruder! 

Es kann nur mehr noch Wochen dauern, und Du 
bist dann für immer befreit. Ich habe eine gren- 
zenlose Liebe und Verehrung für Dich und ich be- 
reue es unsagbar, Dir, Bestem, Weisestem, nie, 
nie gefolgt zu haben! Ich möchte Dich so gerne 
sehen, sprechen. Du solltest diese letzten Zeiten, 
da ich noch lebend bin, sanftmütig und milde mit 
mir verkehren. Es würde Dir sonst später sicher- 
lich leid tun. Was nützt es, wenn man sich dann 
^&' »J^f wenn ich gewußt hätte, daß es so rasch 
sein wird "?!? 

Lasse mich ruhig hin werden und verkehre mit 

55 



mir wie mit einem unglückseligen, zum Martertod 
Verurteilten 1 Ich werde dann in unsagbarer Dank- 
barkeit von Dir, Geliebtester, Vergötterter, Alier- 
allerbester, Abschied nehmen! 

Dein, Dein, Dein 

Peter Altenberg 

(Steinhof, April 1913 ) 
Schurkelü 
Obzwar ich Dir durch 5 Monate in tödlicher 
Verzweiflung erklärt habe, daß der Primarius es 
auf mein körperliches, seelisches und 
geistiges Verderben abgesehen habe, hast Du 
Dich dennoch jetzt, im äußersten Augenblicke 
meiner möglichen Errettung, an ihn gewendet, ob- 
zwar er mir aus freien Stücken erklärt hatte: 
„Von unsÄrzten aus sind Sie natür- 
lich als vollkommen geheilt entlassen, es 
bedarf nur der bloßen Formalität, daß der, der 
Sie hergebracht hat, Sie abholt und uns mitteilt, 
daß Sie wieder auf Ihren so heißgeliebten Sem- 
mering gehenl" 

56 



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Seit dieser erlösenden Botschaft hast Du 14 Tage 
verstreichen lassen I 
Bruder-Mörder! II 

P. A. 
Habe bereits meine Semmering-Kar teil! 
Bitte mich sofort abzuholen!!! 



(Steinhof, April 191 3 -) 
Jede Verzögerung, mir meine volle bedin- 
gungslose Freiheit zu geben, ist ein heim- 
tückischer Meuchelmord! 

Niemand hat mich in bezug auf Schlafmittel 
oder sonstiges Verhalten zu kontrollieren! Ich 
will und muß ganz, ganz, ganz frei sein ! 1 1 Dein 
Brief ist eine feige Infamie! Du willst jetzt 
meine Lage, in die Du mich gebracht hast, zu mei- 
nem absoluten Verderben ausnützen I Ich for- 
dere von Dir, Brudermörder, sofort meine volle 
Freiheit! 

« 

Peter 



57 



(Desemher 1918.) 

Heißgeliebter vergötterter Bruder, 
seit vielen Jahren hast Du Dich meinen wüsten 
Nerven geopfert (zweimal in der „Sulz'', in der 
„Fango-x\nstalt", in „Inzersdorf", in „Steinhof* 1!). 

Nun ist es zu Ende. 

Ich esse nichts mehr, wasche mich nicht mehr, 
schlafe nicht mehr, alle Funktionen bis auf die der 
unerträglichsten Melancholien sind einge- 
stellt! 

Nur meine Dankbarkeit ist in mir Tag und 
Nacht; was meine armseligen 10 Bücher tragen 
werden, werden sie Dir tragen. Lebe wohl. Ich 
küsse Dich leidenschaftlich. 

Peter 



58 



HEINRICH MANN: 

BRIEF ÜBER 
PETER ALTENBERG 



Hochgeehrter Herr Doktor! 

Altenberg zu ehren, werden Sie mich immer 
bereit finden. Meine geistige Liebe für ihn dauert 
schon lange und versagt sich mir nie. Will ich 
schönes Gefühl von außen herbeirufen, aus seinen 
Büchern strömt es mir zu „wie eh und je". Seine 
unsterbliche Kindheit, die Erinnerungsblätter an 
Vöslau, Gmunden, Kaiserbrunn, so ganz nur Seele 
ist Weniges, seitdem Menschen sich mitzuteilen 
versuchen, und Sätze wie diese: Jeder Tag bringt 
einen Abend, und in der Bucht beim Toscana- 
Garten steht Schilf, und Weiden und Haselstauden 
hängen über, ein Vogel flüchtet, und alte Stein- 
stufen führen zu weiten Wiesen. Nebel zieht her- 
über. Du lassest die Ruder sinken, und niemand, 
niemand stört Dich — Sätze wie diese sind ein 
ungeheurer Glücksfall der Seele. 

Dies wäre alles, was ich Ihnen zu sagen hätte, 
und es war schon zu viel. Anderes als das in 
Kunstgebilde Gewandelte sollten wir weder von 
uns noch von einander preisgeben, es wird not- 
wendig mißverstanden. Auch mit denen, die uns 

6i 



„verehren", empfiehlt sich Vorsicht, sie kommen 
nach gewissen Einblicken in Versuchung, Un- 
seresgleichen nicht mehr für voll zu nehmen. 
Altenberg sagte in Venedig, 1913: „Was hab' ich 
erreicht? Daß ein Millionär mich nicht von seinem 
Tisch weist," — was ein Wort von ihm war, in 
Demuth so tief wie in Ironie, und durch Schick- 
salsliebe groß. Aber wenn Unberufene es hören? 
Für Altenberg war jeder berufen. Jeder konnte 
seiner teilhaftig werden und durch ihn im Men- 
schenwert steigen. Er sagte noch mehr damals in 
Venedig. Freunde, die ihn necken wollten, hatten 
ihm aus Wien ein Mädel nachgeschickt, das nun 
essen, tagtäglich essen mußte. Altenberg trug 
schwer an dieser Forderung der Natur und ihren 
Kosten. Einige Male nahm ein einheimischer Offi- 
zier ihm die Last ab und lud mit dem Mädchen 
auch ihren Begleiter ein. Altenberg sagte: „In die- 
sem Lande geschehen allermerkwürdigste Dinge. 
Wie komme ich dazu, daß ein Unbekannter mir so 
viel Ehre erweist. Er lädt mich zum Essen — 
nicht an einen gewöhnlichen Tisch im Gasthaus, 

62 



an eine Festtafel lädt er mich, im S^par^e, mit Blu- 
men, Champagner, den edelsten Speisen. Er weiß 
von mir nichts, spricht nicht meine Sprache, aber 
er verehrt mich. Ist es nicht wunderbar?" 

Weder ist glaubhaft, daß er den ursprünglichen 
Sachverhalt mißverstand, noch daß er ihn ver- 
tuschte. Er stieg bis unter ihn hinab, und fand dort 
etwas Besseres, Selteneres, als die berechnete 
Handlung eines X, der ihn freihält, aus Lust nach 
seinem Mädchen. Er fand menschliche Beziehun- 
gen, warum nicht auch zu einem zufälligen Capi- 
tano, und war sich bewußt, der Glanz der Festtafel 
sei, wie wenig auch dabei gesprochen ward, erst 
so entstanden, durch offene Empfänglichkeit des 
Fremden und das Strömen seiner eigenen Ge- 
nussesfreude, Dankbarkeit, verklärenden Seele. 
Daher durfte er sagen: „Er verehrt mich, ist es 
nicht wunderbar?" 

Wir alle erleben, wenn wir ihn verehren, ein 
glückliches Wunder unserer besten Natur. 

Heinrich Mann 



63 



THOMAS MANN: 

BRIEF ÜBER 
PETER ALTENBERG 



Sehr geehrter Herr Friedelll 

Um mich zu einem Beitrag für Ihr Altenberg- 
Buch zu ermutigen, sagen Sie mir, der Dichter 
habe im Gespräch mit Ihnen zuweilen freundlich- 
beif älligmeiner gedacht. Wahrhaftig^ das freut mich ! 
Es freut mich beinahe unpersönlich, auf philosophi- 
sche Weise. Denn es zeigt mir die geistige Welt 
wieder einmal sowohl eingerichtet, daß unglückliche 
Liebe darin nicht vorkommt; es hat mit der Sym- 
pathie dort immer seine gegenseitige Richtigkeit 

Ich werde nie das Entzücken vergessen, mit 
dem ich, es müssen nun einige 20 Jahre sein, „Wie 
ich es sehe", zuerst in Händen hielt. Die litera- 
rische Revolution, in die wir heute Fünfundvier- 
zig- oder Fünfzigjährigen hineingeboren wurden, 
die unsere Jugend als Lebensluft umgab, trug mög- 
licherweise einen weniger rasanten Charakter als 
die gegenwärtige, — nicht gerade, daß sie, wie 
diese, so weit ging, Ideen und seelische Güter, 
von denen der Kontinent nebst anliegenden Inseln 
seit 500 Jahren lebt, zum alten Eisen zu werfen. 
Auch ließ, vergleichsweise, die Strammheit üirer 

5« 67 



Organisation zu wünschen übrig, ihr Sozialismus 
reichte nicht aus, individualistische Zersplitte- 
rung, einsam auf sich gestelltes Wachstum hintan- 
zuhalten. Dafür, seien wir billig, war sie farbiger, 

unterhaltender, weniger über den Kamm einer 
Schule geschoren, mächtiger an positiver Leistung, 

reicher vor allem an dem, was die heutige aus 
moralischen, aber auch sonst nicht völlig undurch- 
sichtigen Gründen für abgeschafft erklärt, um 
irgend einen akustisch peinlichen Gemeinsam- 
keitsschrei dafür einzusetzen: an Persönlichkeit. 
Es war schon so eine Zeit, als dann und wann ein 
neues Stück von Ibsen, von Hauptmann, von Wede- 
kind erschien. George's Erzengel-Antlitz begann 
hervorzutreten. Der Ephebenreiz des jungen Hof- 
mannsthal wirkte aus unvergänglichen Liedern 
und Spielen. Bahr's erste symbolistische Prosa 
färbte den Stil der Neunzehnjährigen. In Conrads 
„Gesellschaft" konnte man eines Tages die Be- 
sprechung einer frisch erschienen Streitschrift von 
Nietzsche, des „Fall Wagner" lesen. Der große 
Osten öffnete sich . . . 



irr» 



Unter den Sternen dieses Firmaments war Peter 
Altenberg nicht einmal einer von erster Größe. 
Aber welch eine wundersam innig durchdringende 
Leuchtkraft besaß er! „Märchen des Lebens" — 
heißt nicht eins seiner Bücher so? Sein ganzes 
Werk könnte so heißen. Man wird bei genauerem 
Hinhören die Note „Andersen" darin nicht ver- 
kennen, so wenig wie Geist, Rhythmus und Kom- 
position seiner Prosa den Einfluß Nietzsches ver- 
kennen lassen; und diese Symbiose scheinbar so 
wesensverschiedener literarischer Lebensteile war 
von unglaublicher Musikalität. Natürlich ergeben 
Nietzsche plus Andersen nicht Peter Altenberg. 
Was hinzukommen mußte, war eben dieser, und 
die stilistische Persönlichkeit ist, wie das Leben 
selbst, unanalysierbar. Auf jeden Fall, wenn es 
erlaubt ist, von „Liebe auf den ersten Laut" zu 
sprechen, so ereignete sich dergleichen bei mei- 
nem frühen Zusammentrefi'en mit diesem Prosa- 
Poeten. Ging denn nicht ein glücklich überrasch- 
tes und erheitertes Aufhorchen von der Etsch bis 
an den Belt bei diesem so neuen, so kindlichen und 

69 



so raffinierten Tonfall, in welchem Anmutig- 
Hinfälliges sich auf so bezaubernde Art mit Pio- 
nierhaft- Zukünftigstem verband? „Abgerechnet 
nämlich, daß ich ein D6cadent bin, bin ich auch 
dessen Gegenteil." Der Satz ist nicht von ihm, aber 
mit Fug hätte er ihn ztfm Motto seines Lebens 
und Werkes wählen mögen. Es ist sehr merk- 
würdig, wie Leben und Schicksal der Zeitherr- 
scher von Schülern und Nachgeborenen mit ver- 
teilten Rollen, auf Grund neuen Persönlichkeits- 
materials, wiederholt, abgewandelt, erläutert und 
kritisiert werden. Dehmel, George, mein Bruder, 
Kerr, Altenberg, ich, wir sind die wahren 
Kritiker und fragmentarischen Verdeuüicher 
Nietzsches . . . 

Diese intellektuelle Lyrik mit der infantilen 
Interpunktion, wie paßte darauf die einfachste, 
glücklichste und produktivste Bestimmung des 
Dichtertums, die je gegeben wurde, Goethes Wort: 
„Lebhaftes Gefühl der Zustände und Fähigkeit, 
sie auszudrücken, das macht den Dichter!" Neid, 
der zu aller Bewunderung und Liebe gehört, 

70 



mischte sich unruhig in unser Entzücken. Mit 
dieser glückseligen Manier schien es möglich, das 
Leben täglich und stündlich, restlos, ohne Ver- 
zicht und namentlich mühelos einzufangen und 
zu bewältigen. Etwas wie Auflehnung regte sich, 
— denn nicht nur, indem er sie übte, schien Alten- 
berg diese seine Manier als die alleinselig- 
machende statuieren zu wollen: wie mancher 
Größere vor ihm, war er, mit seiner Theorie vom 
„Rind im Liebig-Tiegel", geneigt, aus seinem 
Talent eine Doktrin zu machen und Zusammen- 
drängung, Abkürzung, Eindämpfung, den atem- 
knappen Pointillismus seiner aphoristischen Novel- 
lette als die einzig zeitgemäße Form der Prosa- 
Dichtung zu verkünden. Was Wunder, daß wir, 
verteidigungsweise, sogar ein wenig Gering- 
schätzung aufzurufen suchten? Dieser Dichter 
war ohne Zweifel der Finder einer sehr glück- 
lichen Form, deren Leichtigkeit übrigens Illusion, 
deren Diensit nicht weniger anspruchsvoll sein 
mochte als irgend ein anderer. Und doch, was 
Tragen heißt, wie es tut, Jahre lang unter der 

71 



Spannung eines Werkes zu leben; Pathos und 
Ethos der großen Komposition; das Werk als fixe 
Idee, als verwirklichter Plan, — davon wußte 
sein lyrischer Journalismus nichts. Er war immer 
fertig. Ich weiß wohl, wie halbwahr das ist, wenn 
man es auf die lyrische Form in ihrer Zeitlosig- 
keit be2:ieht. Aber er lehrte seine Form als z e i t- 
gemäß, verkündete sie im Sinn einer primitiven 
Fortschrittlichkeit gegen das Ausführliche und 
„Langweilige", gegen den Geist der Epik 
mit einem Wort, der zeitlos und unsterblich istl 
Hatte es nicht eine ähnlich kindliche Bewandt- 
nis mit manchem anderen, was er sonst noch 
„lehrte"? Die Zukünftigkeit, das Propheten- und 
Führertum der Künstler ist etwas Organisches, 
das sich im Sein und Tun bewährt, als direkte 
Lehre aber auf eine hilflose Weise sich zu ver- 
gröbern, zu veräußerlichen und zu entgeistigen 
immer größte Gefahr läuft. Altenbergs neuer 
Adel, sein Instinkt für verfeinerte und entwickelte 
Menschlichkeit, sein hmnanes Führertum äußerte 
sich didaktisch in einer Gesundheitslehre und 

72 



Diätetik, zu der er den literarischen Mut aus ge- 
wissen Seiten des „Ecce homo" schöpfte und die, 
verständigen wir uns, ein fürchterlicher Unsinn 
war. In Befolgung seines Satzes: „Du bist gesund 
bei Geselchtem mit Kraut — wie gesund müßtest 
Du erst sein bei lauter Pur6e, Hachse und Bouil- 
lon mit eingesprudeltem Eidotter!" — würde der 
menschliche Emährungsapparat unfehlbar von 
den Zähnen bis ziun Mastdarm an Inaktivitäts- 
atrophie zu Grunde gehen. Und was nun gar die 
Laxantien betrifft, für die er schwärmte, so ist 
ja noch das mildeste davon für gewisse Naturen 
— und gerade für viele „langsame" — ganz ein- 
fach Gift 

Man hat in solchen Anfechtbarkeiten, artisti- 
schen wie hygienischen, am Ende nicht mehr als 
eine primitiv intellektuelle Zeichensprache für 
Wahreres und Geistigeres zu sehen: die Semiotik 
seiner menschlichen Zukünftigkeit und Führer- 
Schaft, jenes Gegenteils von D6cadence, das er 
auch war, und das sich so rein und glücklich 
mit den Mürbheiten und Süßigkeiten seines 

73 



Wesens, seinem alten Kulturerbe verband. Dieser 
Fortgeschrittenste war ein Sohn der Stadt, die 
allem politischen Freimaurer tum von jeher als 
Hochburg der Beharrung galt, ein echter Sohn 
des historischen Staatsgebildes, dessen Zerstörung 
von eben jenem Freimaurertimi „zimi Heil der 
Menschheit", um des demokratischen Nationalis- 
mus willen, betrieben und erreicht wurde. Er hat 
Österreich geliebt, hat im Kriege — zu einer Zeit 
also, wo es sich für einen Künstlerm»enschen nicht 
um irgend ein System, sondern um Tieferes, 
Eigentlicheres handelte — mit seinem Herzen, 
seinem wunderlich eindringlichen Wort dafür 
Partei genommen, hat in seiner Wut dem tenente 
d'Annunzio, heutigem Präsidenten von Fiume, 
brühheiße ölklistiere verordnet, wenn ich mich 
recht erinnere, hat gefühlt, wie Hofmannsthal, der 
„Gott erhalte" sang, und wie fast alle» Geistigen 
seines Landes, sehr ziun Unterschiede von den 
Intellektuellen des Reichs, die deutsch-feindliche 
Kriegssabotage trieben vom ersten Tage an und 
nun hoffentlich glücklich sind . . . 

74 



Ich wollte nur das noch sagen. Nehmen Sie 
vorlieb mit diesem äußerst fragmentarischen, 
äußerst ergänzungsbedürftigen Versuch über 
ihren Poeten, einem wahren Scherflein von Er- 
kenntnis, zur hoffentlich stolzen Stumne Ihres 
Gedenk- und Werbebuches bereitwilligen Her- 
zens beigetragen. 

Ihr sehr ergebener 

Thomas Mann 



75 



BRIEF AN 
ARTHUR SCHNITZLER 



(Juli 1894.) 
Lieber Dr. Arthur Schnitzler. 

Ihr wunderschöner Brief hat mich wirklich 
außerordentlich gefreut. Wie schreibe ich denn?! 

Ganz frei, ganz ohne Bedenken. Nie weiß ich 
mein Thema vorher, nie denke ich nach. Ich 
nehme Papier und schreibe. Sogar den Titel 
schreibe ich so hin und hoflfe, es wird sich schon 
etwas machen, was mit dem Titel in Zusammen- 
hang steht. 

Man muß sich auf sich verlassen, sich nicht 
Gewalt antun, sich entsetzlich frei ausleben 
lassen, hinfliegen — . 

Was dabei herauskommt, ist sicher das, was 
wirklich und tief in mir war. Kommt nichts heraus, 
so war eben nichts wirklich und tief darin und 
das macht dann auch nichts. 

Ich betrachte schreiben als eine natürliche 
organische Entlastung eines vollen, eines tiber- 
vollen Menschen. Daher alle Fehler, Blässen. 

Ich hasse die Retouche. Schmeiß es hin und 
gut — I Oder schlecht! Was macht das?! Wenn 

79 



nur Du es bist, Du und kein Anderer, Dein heili- 
ges Du! Ihr Wort „Selbstsucher" ist wirklich 
außerordentlich. Wann werden Sie aber schreiben 
„Selbstfinder"?! 

Meine Sachen haben das Malheur, daß sie 
immer für kleine Proben betrachtet werden, wäh- 
rend sie leider bereits das sind, was ich über- 
haupt zu leisten im Stand bin. Aber was macht 
es?! Ob ich schreibe oder nicht, ist mir gleich- 
gütig. 

Wichtiger ist, daß ich in einem Kreise von 
feinen gebildeten jungen Leuten zeige, daß in mir 
das Fünkchen glimmt. Sonst kommt man sich so 
gedrückt vor, so zudringlich, so schief angeblin- 
zelt. Ich bin so schon genug „Invalide des 
Lebens". Ihr Brief hat mich sehr, sehr gefreut! 
Sie sind überhaupt Alle so liebenswürdig gegen 
mich. Jeder ist wohlwollend. Sie haben mir 
aber wirklich wundervolle Sachen gesagt. Be- 
sonders das Wort „Selbstsucher" eben. 

Ich bitte Sie, man hat keinen Beruf, kein Geld, 
keine Position und schon sehr wenig Haare, da 

80 




Peter Altenberg im 
aditzehnten Lebensjahre 



ist so eine feine Anerkennung von einem „Wissen- 
den" sehr, sehr angenehm. 

Deshalb bin und bleibe ich doch nur ein 
Schreiber von „Muster ohne Wert" und die Ware 
kommt alleweil nicht. Ich bin so ein kleiner 
Handspiegel, Toilettespiegel, kein Welten-Spiegel. 

Ihr Peter Altenberg 



6 Frieden, Das Altenbergbuch. 8 1 



ZWEI BRIEFE 

AN DIE ELFJÄHRIGE 

LILLY P. 



(Poststempel: Wien 14. 11. p2.) 
Meine liebe gute süße Lilly I 

(oder schreibt man „Lilli"?!) 

Ich werde Dich wahrscheinlich morgen Mon- 
tag nicht an dem bewußten Orte (Renngasse, 
weit unten) erwarten können, denn, verstehst Du, 
ich muß um diese Zeit Wohnung suchen gehen; 
denn, verstehst Du, es wird jetzt sehr bald finster, 
weil es nämlich November ist und da die Tage 
sehr kurz sind und dafür die Abende sehr lang 
sind, wovon man aber beim Wohnungssuchen 
nichts hat. Es ist mir sehr nicht recht, daß ich 
Dich, Liebling mit den großen Augen und den 
gebrannten Schneckerln, morgen nicht sehen 
kann! 

Ist es Dir auch unangenehm?! Bestimme einen 
anderen Tag, an dem ich Dich abholen kann! 
Heute Sonntag war ich bei Dir oben und habe 
fürchterlich geläutet, um 4 Uhr; es hat aber 
Niemand aufgemacht; daher habe ich die Idee 
bekommen, es könnte möglicherweise Niemand zu 
Hause sein. Ich wollte nämlich mit Dir, Liebling, 

85 



zu Falkos gehen, aber vielleicht war es besser 
so, denn ich habe nicht sehr feine Manschetten 
angehabt, weil meine Wäscherin mich hat sitzen 
lassen; und bei einem ersten Besuch muß man 
tadellos nett erscheinen; später darf man schon 
eher ein Schwein sein; — nun empfehle ich mich, 
adieu, un doux baiser, einen herzlichen Gruß an 
die bewußte Dame (Frau Doktor ?.)> ich ver- 
bleibe Dein 

Peter 

(Poststempel: Wien 3. i. 93.) 
Meine, liebe, gute Lilly! 

aber auch ich bin sehr krank und leide 

sehr, wenn ich auch kein Fieber habe und rote 
Flecken, die kitzeln — ; ich bin tief verstimmt 
und sehi', sehr traurig und da gehen die zarteren 
Empfindungen von Freundschaft und Neigung in 
Fetzen, zu Grunde; da denke ich an mich und an 
mich und 'an mich; wie ein Kreisel drehe ich 
mich um mich selber herum — nämlich innerlich; 
es ist nicht schön, sich so rasend um sich selbst 

86 



zu wirbeln und alle anderen Guten, Lieben, die 
gesund sind und schöne große Puff-Ärmel tragen 
oder die krank sind und in glatten feinen Hemd- 
chen daliegen, zu vergessen 1 — 

Was machst Du den ganzen langen Tag?! Ich 
denke mir. Du liegst auf dem Rücken, die Händ- 
chen gespreizt auf dem Plumeau und starrst zur 
Zimmerdecke mit Deinen großen lieben Augerln 
— da denkst Du an alle Speisen, die Du jetzt 
nicht essen darfst, zum Beispiel an fettig-süße 
Faschingskrapfen mit viel Marillen im Bauch, und 
dann denkst Du an die Schule mit den lustigen 
Einsern, den melancholischen Fünfern und den 
tragischen Sechsern, dann ein bischen an Herrn 
Doktor Peter Altenberg, und zuletzt machst Du 
die Äuglein zu und vor Deine Seele tritt, im 
schwarzen Talar und schwarzen Stiefeln und 
weißen Hemdkragen der Herrliche, der Götter- 
gleiche, Herr von P . . . P . . . 1 ! — So vergeht 
die Zeit unter Denken, Empfinden, Jucken und 
Kratzen. 

Ich bin ausgezogen und habe schon wieder 

87 



gekündigt und ziehe schon wieder aus — das 
macht mir viel, viel Sorge und Kummer — es 

kostet Geld und man kommt nicht zur Ruhe ; . 

Lebe wohl, Liebling, ich küsse Dich auf den 
Mund, denn da sind keine roten Flecken, Grüße 
Mama, die neutrale Dame! 



88 




Peter Altenberg im sechs- 
undzwanzigsten Lebensjahre 



«I 



ALFRED KERR: 

EIN AUFRUF UND 
ZWEI BRIEFE 



i 



I 



I. 

m Jahre 1904 erließ ich (unter dem Namen 
Jean Paul) folgenden Aufruf: 



AN DIE LEBENDEN. 

Mein Nachfolger, der himmlische, wunderliche, 
verschwärmte und einer neuen Art des Humors 
wie des Empfindungsvollen erster Meister, Peter 
Altenberg, geboren vor fünfundvierzig Jahren zu 
Wien, ist in Not und Krankheit. 

Seine Kunst, geschaffen für das Verstehen 
weniger Menschen, ist ein Gegenstück zur meinen, 
die Allen gehörte. Auch seine Kürze: denn er 
gibt Essenz, Essenz, — nicht eine Brühe. Das 
Zusammengedrängte bleibt die Form Eurer 
Zukunft. 

Dieser Deutsche hat neue Ausdrucksmittel in 
die europäische Welt gesetzt. Eine neue Art, die 
sozusagen mittönende, ferne Zonen der mensch- 
lichen Seele klingen läßt — und doch „exakt" 
ist. In diesen wunderbaren Tupfen lächeln ein- 
same Hiunore. Er malt mit wenigen Strichen Ab- 

91 



bilder verlorener, dahinsummender Ewigkeits- 
flüge, ... die oft berühren wie die stockenden 
Takte einer fast schweigenden, versunkenen 
Musik von R. Schumann. Kurz: ein Meister unter 
den Deutschen. 

Laßt meinen Nachfolger nicht allein im Siech- 
tum; laßt Eure feinsten Wegfinder nicht von der 
Not erschlagen; gebt dem Künstler Peter Alten- 
berg, daß er genesen kann; daß er dieses Dasein 
mit seinen Gärten, Wäldern und dem plätschern- 
den Spiel der Schönheit noch einmal atmend und 
glücklicher durchschreite. — 

Er hat es zu fordern. — 
Bayreuther Friedhof; 
geschrieben unter dem Abendstern. 

Jean Paul. 

II. 

Das Ergebnis waren ein paar tausend Mark. 
Ich empfing von Peter Altenberg diesen Brief: 

Lieber Herr Dr. Alfred Kerr, 
ich erfahre soeben durch Herrn S. Fischer, daß 

92 



Sie in meinen schwersten Tagen geistig see- 
lischer Bedrückungen und unermeßlicher körper- 
licher Leiden sich edelmenschlich und freund- 
schaftlichst für mich Verlorenen eingesetzt 
haben I 

In tiefster Dankbarkeit grüße ich Sie. 

Schreiben Sie mir doch. 

Es würde sehr erfreuen Ihren unglückseligen 

Peter Altenberg. 

Wien, IX. Währingerstraße 3. 

III. 
Vier Jahre danach regte der Dichter selbst eine 
neue Sammlung an . . . (Leider kam nichts Nen- 
nenswertes heraus.) Er schrieb den folgenden 
Brief: 
Lieber Herr Dr. Alfred Kerr, 
Ich wende mich vertrauensvollst an Sie, da 
ich keinen Besseren, Verständnisvolleren wüßte 
auf der ganzen Welt . Ich lebe in schlim- 
men bedrängten ökonomischen Verhältnissen und 
ich werde 9. März 1909 50 Jahre alt. 

93 



Könnten Sie als Vertreter gleichsam Deutsch- 
lands nicht meine Vaterstadt, mein Vaterland be- 
schämen, und in diskretester Weise für mich eine 
Sammlung veranstalten, deren Zinsen mir mein 
Leben jährlich erleichtern könnten?! In Wien hat 
vor 3 Jahren, als mein Bruder, der mich bis dahin 
erhalten hatte, zu Grund ging in seinem Ge- 
schäfte, eine Sammlung keinerlei Resul- 
tat erzielt, und ich lebe seitdem von monat- 
lichen Gnadenbeiträgen einiger anonymer Ver- 
ehrer. 

Vielleicht könnte Deutschland meiner Vater- 
stadt beweisen, daß ich ein unterstützungswerter 
Schriftsteller sei!? Ich habe meinen Verleger 
S. Fischer Berlin, Bülowstraße 90, von diesem 
meinem Briefe hier an Sie verständigt. 

Vielleicht könnten Sie sich mit ihm ins Ein- 
vernehmen setzen?!? 

Nur möchte ich es ja nicht, daß meine wenigen 
privaten edlen Gönner in Wien dadurch irgend- 
wie brüskiert würden. Ich denke mir z. B. Fol- 
gendes: 

94 



Annonce in allen deutschen Zeitungen: 
„Ich sammle für eine Ehrengabe zum 50. Ge- 
burtstage Peter Altenbergs, 9. März 1909I 

Alfred Kerr, Berlin/' 
Sie werden mir dieses Schreiben nicht übel 
nehmen, das weiß ich ganz genau. 
Ich bin Ihr dankbarer Sie verehrender 

Peter Altenberg 
Sonntag, 27. September 1908. 



95 



ZWÖLF BRIEFE 
AN FRAU R R. 

(Lido, Sommer 1913) 



Ich bin sehr traurig, daß Sie krank und nervös 
sind. Ich hoffte, Sie zu sehen ! Weshalb bleiben 
Sie in Ihrem einsamen Zimmer?! 

Wahrscheinlich brauchen Sie das jetzt! 

Also, ich werde Sie heute nicht sehen. 

Es werden ja so viele Tage kommen, da 
ich Sie auch gar nicht sehen werde. Ich habe 
den Klang Ihrer Stimme im Ohre, Ihren Geist 
spüre ich ewig, und alles andere, was an Ihnen 
lieblich ist! 

Verzweiflung und Anhänglichkeit kämpfen in 
mir einen traurigen Kampf. 

Man hat mich immer erst aus Fernen anerkannt. 
Ich scheine wirklich für das Nah-Leben nicht 
geeignet. 

Ich bin zu sehr ich selbst, und dabei vor Zart- 

lichkeit dahinsterbend 

P. A. 

Oft hörte ich nicht, w a s Du sprachst — denn 
ich war beschäftigt; ich trank Deinen 
wunderbar süßen Atem in mich hinein, der Deinem 

?• 99 



heißgeliebten Munde beim Sprechen entströmtet 
Und nach dem Rausche, den Dein Atem gab, kam 
ich erst zur Besinnung Deines Gei- 
stes, der aus den Worten strömte! 

So genoß ich doppelt, den Leib, den Geist! Und 
noch ein Drittes: den Klang Deiner Stimme! 
Es war Musik, zu Deinen Frachten von Dir 
aufgespielt! 

Wenn Du das liest, so denkst Du: „Das gehört 
zxun Handwerkszeug des Dichters!" 

Es ist nicht so 

Ich liebe und ich leide, ich sehne mich. 

Ich hätte am Strand den Meersand Dir von der 
Sohle küssen müssen, und von den Zehen und der 
geliebten Ferse . 

Ich Hebe dich !!! ! P.A. 

Als ich Dich sah, da wußte ich: Du bist'sl 
Noch sprachst Du nichts, und dennoch 
spürte ich Deinen Geist durch die Hüllen! 

Sogleich begriff ich auch mein Schick- 
sal, — --- — — — und, daß früher oder 

100 



später ein Abschied kommen würde, der mir 
nicht einmal den Kuß auf Deine heißgeliebte 
Stirne bringen würde! 

Und so geschah's . Der ungegebene 

Kuß machte mich verdursten . 

Die Berührung Deiner Stirn hätte mir's tragen 
geholfen, tragen! 

Oh meine geliebte Stirne, Duft Deiner Haare, 

und Alles, Alles, was von Dirkommt— 

daß Ihr nur da s e i d, da seid in 

der düsteren Welt, ist meine Gnade, die das 
karge Schicksal spendet! 

In Liebe 

Peter Altenberg 

Mein Fanatismus für Sie ist unbeschreiblich' 
Deshalb müssen Sie mir Vieles, Alles, verzeihen! 
Ihren Speichel trinken dürfen, wäre Erlösung ! 

P. A. 

Du wirst es nie wissen, nie es glauben und 
um das ist mir leid, um das, fast um Deinet- 
willen, wenn Du einst müd und „abgeklärt" 

lOI 



bist, um das ist mir fast um Deinetwillen 
leid, daß Du es nie wissen wirst, welche Wir- 
kung Du nach den ersten gesprochenen Sätzen 
auf meine Seele, die seit 4 Jahren schlief, gemacht 
hastl Sie erwachte! Staunend, daß sie noch war! 
Noch existierte! Sie wusch sich die Augen 
aus, vom langen Schlafe, und statt zu lächeln be- 
gann sie bitterlich zu weinen! 

Sie glaubte sich befreit von Pein und Qual, 
schlechter Behandlung, unnötiger Zurücksetzung, 
und allem Spiel der Frau, die spielen muß, so- 

« 

lange sie den Ernst des Mannes nicht begreift, da 

er ihr nichts ist ! 

Ich kann nur sagen: Ich liebe Sie und bin 
verzweifelt, daß Sie weg sind! Aber das 
wissen Sie ja genau, allerverehrteste Frau. 
Ich habe nie nie nie eine Frau so gern gehabt 
wie Sie! Und weshalb?! Ganz einfach, weil hier 
allein Geist und Leib in gleicher Weise mich 
entzücken!! Das, was Sie sagen, ist mir 
ebenso teuer wie der Duft ihres geliebten, mir 
Gesundheit spendenden Atems! 

102 



Ich erwarte, ich erhoffe, ich verlange von 
Ihnen nichts, als daß Sie diese allerzärt- 
1 i c h s t e, sanfteste feinste Liebe, die ich für Sie 
habe, mir nicht mutwillig und kindlichunbedacht, 
und ungezogen eigenwillig, grausam mir zer- 
stören! Tun Sie es ja nicht! Tun Sie es für sich! 
Man hat nicht viele Freunde, die Geist und Leib 
der Frau in gleicher Weise schätzen! 

Ich leide viel durch Sie, mehr als Sie 
ahnen! 

Ihr Peter Altenberg 

AUerherzUchsten Gruß Ihrem Manne! 

Ein gutes Bild von Ihnen würde mich selig 
machen. 

Ich — Hebe — Sie!!! 

Behandeln Sie mich gut, um Gotteswillen, ich 
bin so unglücklich. 

Peter 

Geliebteste Frau, habe soeben 9 Uhr morgens, 
Montag, Ihren Brief erhalten. Ich liebe Sie fana- 

103 



tisch und grenzenlos. Ich bin seit vorgestern 
wieder sehr krank, sehe voraus Sanatorium-Folter- 
qualen. Da kann man nichts machen. Sie hätten 
mich allein, Sie allein, erretten können. Aber 
Sie wollten es nicht. Ich ein Ertrinkender, 
klammerte mich an Sie, die Ertrinkende. 

Sie ahnen nicht Ihre Macht über mich, oder 
weil Sie es wissen, wurden Sie unerbittlich! 
Ich liebe Sie fanatisch I ! 1 ! 

P. A. 

Ich bin wieder sehr sehr krank, sehe vor 
mir die Tore des Sanatoriums drohend geöiBFnet, 
mich für immer von dem Reichtmn des Lebens 
abzuschneiden ! 

Sie sind mir noch erschienen, durch eine 
Gnade, des Schicksals, auf das ich meine ganze 
Seelen-Tragik noch einmal hienieden erleben 
müsse ! 

Ich liebe Sie fanatisch! Keine Mama kann ihr 
Kindchen so zärtlichst lieb haben wie 
ich Sie. Sie haben mir das Schrecklichste 



104 



angetan, was es für mich überhaupt gibt. Ihre 
Sympathie für den Menschen, den ich 
auf Erden am tiefsten hassel 

Ich gehe der Vernichtung entgegen. Ich denke 
bei Tag und Nacht in meinen schrecklichen 
Leiden nur an Sie! Sie hätten mich erretten 
können, mit einem Nichts von einem Nichts. 

Aber Sie sind nicht wie der Heiland, der 
durch Auflegen seiner wunderbaren Hände 
Bresthafte heilte und erlöste I Sie sind mir kein 
Heiland gewesen und brechenden Blickes 
werde ich fragen: „Weshalb, Fraue?!?" 

Ich liebe Sie mit der Kraft meiner sterbenden 
Seele, und der Hauch Ihres geliebten Atems in 
meinen Mund hinein, wäre Erlösung! 

Ich beneide Ihre Wäscherin, die mit ihren 
harten Händen Ihre geliebte getragene Wäsche 
berühren, kneten, reinigen darf! 

Jedes Wort, das Sie gesprochen haben, war 
die Wahrheit! Nur von mir verstanden 
Sie nichts! Wie merkwürdig! Ich hätte keine 

105 



Glatze haben dürfen, und Sie nicht lieb 
haben dürfen! Das ist es. 

Aber andere körperliche Mängel! denn seelisch 
war ich rein und vollkommen. 

Meine innere Zärtlichkeit für Sie wächst von 
Tag zu Tag. Ich liebe Ihre Geistigkeit, und 
Ihre Art sie in Worte umzusetzen! Ihr Leib 
ist für mich daher der konkret, real ge- 
wordene Geist, den man berühren und strei- 
cheln kann, ihm mitteilen kann, wie sehr 
man ihn schätze. 

P. A. 



R h a m n i n und Cortex Rhamni Frangulae. 
Idealstes Abführmittel! 
Ein Eßlöffel voll zu nehmen, schmeckt 
angenehm. 
Vor dem Gebrauch schütteln! 

Ergebenst 
Peter Altenberg 



io6 



Alles an Ihnen ist mir lieb, und Alles an 
allen Anderen ist mir nicht lieb. Ihnen ver- 
zeihe ich, wie einem kranken Kindchen I 

Ich liebe Sie fanatisch. Deshalb haben Sie 
mich fanatisch gequält! 

Was haben Sie denn davon? Nichts. Die Freude 
am zerstören. Wie Kinder mit ihren Spielsachen. 
Ich grolle nicht, ich verurteile! 

Nämlich die Männer, die es Ihnen bisher 
nicht beigebracht haben, menschlich-ade- 
lig-gutmütig zu sein! 

CiUi Br. betet zu mir, und Sie haben mich 
mißhandelt! 

Sie finden einen Adolf Loos „reizend", ein 
rohes, „ich-besessenes" Tier! 

Möget Ihr Alle in dieSexual-Pranken 
solcher Bestien fallen! 

Ich liebe Sie, das heißt, jeder Ihrer Atem- 
züge ist mir teuer, und jeder Ausspruch 
über irgend Etwas! 

Sie haben kein Verständnis für mich gehabt, 
von der ersten Stunde an nicht, sonst hätte Ihnen 

107 



dieser Saujuden-Krei$ und dieser Saukxisten- 
Kreis nicht behagen können! 

Wer zu mir gehört, verläßt seine Heerde! 
$ie haben mich mißhandelt und gedemütigt! Nur, 
weil Sie wußten, daß ich Sie unermeßlich 
lieb habe. 

Peter Altenberg 

Ich bete Sie an! 



Gibt es eine größere und unnötigere 
Grausamkeit als einen Menschen einen Komö- 
dianten nennen, der, seitdem er Sie kennt, iJfei 
Tag und bei Nacht um Sie leidet, sich abkränkt 
und verzweifelt ist?!? 

Daß Sie heute in der Kabana bei Z. speisten, 
noch da2;u im Schwimmantel, hat mich tief ver- 
zweifelt gemacht! Wozu habe ich da in uner- 
meßlicher Zärtlichkeit Ihr geliebtes Haupt, 
Ihre fanatisch geliebten Haare berührt, um 
Frieden zu finden, wenn ich sogleich darauf das 
erleben muß?! 

io8 



Opfern Sie mir, ich flehe Sie an, alle diese 
Hundskerle, wie Loos, Zettel etc. etc.!!! 
Ich liebe Sie, tief und zitternd! 

Ihr P. A. 

Sie glaubte sich befreit! Und mußte nun 
aus langem Schlaf erwachen! 

Sie faßte sich, verstehst Du wohl, die alte Seele 
faßte sich, und sie begann, getreu sich selbst, den 
Marterweg ihrer unermeßlichen Begeisterung! 

Peter Altenberg 

Nacht vom lo. zum ii. Juni 1913. 



109 



ACHT SKIZZEN 



Diese Skizzen sind im Sommer 1913 in Venedig 
entstanden und ebenfalls an Frau R. R, gerichtet. Sie 
sind in den seither erschienenen Büchern Peter Alten- 
bergs nicht enthalten. 



KLAGE. 

Du nennst mich einen Komödiantenl?] 

Weil du die Fassungskraft nicht hast für 
mein Gefühl; 

oder weil du dir selbst zu nichtig vor- 
konmist . 

Oder weil Frauen, die eifersüchtig sind auf 
meine Anbetung für dich, dir sagen, ich sei ein 
Komödiant. 

Oder Männer, die es nicht wünschen, daß du 
meinem Fanatismus menschenfreundlich 
zart begegnest! 

Oder weil dir selbst nichts daran liegt, 

daß ich dich liebhabe! 

Ja, das ist es! 

Denn gläubig seid ihr d o r t, stupiden Ohres 
lauschend, wo ihr es hören wollt! 

Dort wird euch der Trug als tiefste 
Wahrheit klingen! 

Uns aber laßt ihr sterben, 

denn wir sind nicht wichtig für euren scham- 
losen Egoismus! 

8 Frieden, Das Altenbergbuch. j 1 3 



Ihr wißt, wer euch von Wichtigkeit hienieden! 

Vertrödelt keine Zeit mit an euch kran- 
ken Seelen I 

Die Gesunden tun mehr für euch! 

Glaubt, o glaubt denen, die euch für eine Stunde 
nur besitzen wollen 1 

Sie meinen's ernst und gut mit euch! 

Sie ahnen, daß ihr vielleicht zu anderem nicht 
taugt! 

Ihr fürchtet euch, uns zu enttäuschen, die 
wir Ideale träumen! 

Wie recht habt ihr, euch da nicht einzulassen! 

Schon bei den Fingernägeln fängt die Tra- 
gödie an! 

JALOUSIE. 

Eifersucht? ! 

Fraue, du steckst mir meine Grenzen?! Bis 
dahin und nicht weiter?! Kindische Törin! 

Bin ich nicht eifersüchtig auf die Luft, die du 
in deinen geliebten warmen, feuchten Mund ein- 
atmest? ! 



114 



Wie darf sie ganz gefühllos die weichen Innen- 
wände deines Mundes spüren?! 

Bin ich nicht eifersüchtig auf den Bissen, 
den du mit dem geliebten Speichel sanft um- 
nässest? ! 

Von da zum Blick von Sympathie und Freude, 
zu einem lebendigen Mann, ist noch eine Welt! 

Du wunderst dich, daß ich verzweifelt 
bin, da ich dem Löffel doch schon deine Zunge 
nicht gönne! 

Ich trauere um alle Schätze, die du so vergeu- 
dest; dem Bette deine Ausdünstung, dem Glase 
deine Lippen! 

Aber beim „lebendigen Mann" ergreift mich der 
Irrsinn. 

Weshalb stirbt er nicht momentan vor Glück, 
der feige Hund?! 

An seiner Leiche würde ich weinen, ihn benei- 
dend von seinen schönen Tod. Jedoch, er geht 
lebend hinweg, und denkt: „Die könnt' ich 
haben!" 

Fluch ihm, nein, dir! 



8» 



115 



EIN BILD. 

In meiner Kindheit die Sonnenaufgänge auf dem 
Schneeberg, Kaiserstein. In meinem Alter die Son- 
nenaufgänge hinter der Lagune, Lido. Beides blut- 
rot, und leuchtender, dampfender Nebel. Dazwi- 
schen mein ganzes kompliziertes Leben. Damals 
unwissend glücklich, jetzt wissend glück- 
lich. Damals konnte es verloren gehen, jetzt 
nicht mehr. Das ist alles. Damals liebte ich 
meinen Hofmeister, meine Gouvernante, meine 
Mama. Jetzt liebe ich Frau R. R. Blutrot in damp- 
fendem Nebel ging die Sonne auf, Schneeberg, 
Kaiserstein. Blutrot geht die Sonne unter, Lagune, 
Lido. Dazwischen liegt mein Leben! 



PLAUDEREI 

Ich sah einen dreijährigen Knaben, der im 
Meeressand eine halbe Briefmarke fand, dieselbe 
abschleckte und auf sein verwundetes Knie pickte, 
wie ein Arzt, nur gescheiter! 

Derselbe steckte eine weggeworfene Zigarette 

1x6 



in den Mund. Als ich ihm sagte: „Pfui, wer weiß, 
wer die im Munde früher gehabt hat!'* sagte er: 
„Ein Herr!" Kinder ekeln sich vor nichts, das 
ist ihre unbewußte Romantik. Wie Dichter, 
die das Waschwasser der Geliebten und noch an- 
deres trinken könnten! Der Normalmensch sagt: 
Pfui! Überhaupt die Devise des Normalmenschen 
ist: Pfui! Deshalb ist e r s e 1 b s t „p f u i", weil er 
nichts heilig machen kann durch die Kraft sei- 
nes Gefühls! Der „unromantischeste Mensch" ist 
die Engländerin. Alles ist für sie „ungeziemlich". 
Wie kann man diese Verlogenheit auf die 
Dauer aushalten?! Sie halten es auch nicht aus, 
sie werden Gerippe! „Was wird die Welt dazu 
sagen?!?" wäre eine ganz gute brauchbare Ethik, 
wenn diese Welt nicht ein „letzter Misthaufen" 
wäre, um den man vor allem sich nicht zu 
kümmern hat! Kinder spielen eventuell auf 
staubiger Straße mit Roßknödeln Billard. Das 
ist noch immer reinlicher als das Spiel der 
Erwachsenen mit den Worten: Do'nt und 
shoking! 

117 



DREISSIG. 

Weißt du, daß du einmal alt wirst?! 

Und daß die Männer sich nicht mehr es vor- 
stellen werden können, daß du gefallen hast, ja 
begehrenswert warst?! 

Diese Umwandlung deiner Person, die doch 
eigentlich dieselbe geblieben ist?! 

Das wirst du alles erleben müssen, gelieb- 
teste Frau, und in Ruhe und Würde, und in 
scheinbarer Selbstverständlichkeit! 

Und siehe, jetzt ist noch Einer da. 

Der dein Kopfkissen beneidet um dein Haupt, 

und alle Düfte dieser schönen Erde 

hergibt für den Duft deiner braunblonden 
Haare! 

Noch ist einer da, der die Weintraubenbeere 
beneidet, in deinem Mund zu sein! 

Und alles, alles, alles ist ihm heilig, was mit 
dir irgendwie zusammenhängt! 

Auch dieser Zauber wird gebrochen werden, so 
oder so! 

ii8 



Was brauchst du eigenwillig, eigensinnig, es 
noch zu befördern! 
Laß es der Zeitl Sie hilft dir so wie so! 

DIE BROSCHE. 

Sie ließ durch eine Freundin nachforschen, wie 
viel die Amethystbrosche gekostet habe, die ich 
ihr geschenkt hatte. 

„15 Lire!" sagte sie dann zu mir. „Ich weiß, 
was das bei Ihnen bedeutet!" 

„Es bedeutet ,LiebeM" 

„Hätten Sie es auch noch für mich gekauft, wenn 
es 25 gekostet hätte?!" 

„Auch!" 

„Und bei 40?!" 

„Nicht!" 

„Weshalb?!" 

„Weil es meine Verhältnisse überstiegen 
hätte!" 

„Aber da fängt gerade die echte Liebe erst 
an!" 

„Bei mir nicht! Bei mir hört sie da auf!" 

119 



GRÜNE STRÜMPFE. 

„Und weshalb gerade heute morgen diese grü- 
nen seidenen Strümpfe?" 

„Weshalb?! Nun, weil ich sie habe! Sind sie 
nicht hübsch?!" 

„Ja, aber weshalb gerade heute, heute?!" 

„Weshalb heute nicht! Ein Morgen wie ein 
andrer!" 

„Nein, nicht ein Morgen wie ein anderer! Du 
weißt es genau, Kanaille!" 

„Sie sind verrückt! Habe ich Ihnen Rechen- 
schaft zu geben?! Nun also!" 

Es kommt der, für den die grünen seidenen 
Strümpfe bestimmt waren. 

Der bemerkt gar nichts. 

Und dennoch so viel Verzweiflung, Haß, De- 
mütigung und Liebe!?! 

Ja, dennoch, und immer dennoch! 

Die Frau könnte es einem ersparen! Aber 
wo bliebe ihre Macht, wenn sie es einem er- 
sparte?! 

I20 



«■5X4^ 



(S*^ 



KABANE. 

Nun ist sie fort . 

Das Leben spinnt sich ab wie eh' und je. In 
ihre Kabane sind fremde Menschen eingezogen. 
Mit einem wunderschönen Kinde. 

Fremde Wäsche hängt zum Trocknen, wo ihr 
weißschwarzes Schwimmkleid hing, das ihren Leib 
barg. 

Diese Kabane war wie eine Kirche. 

Ich liebte den Schrank und das Lavoir. 

Jetzt ist es eine Mietkabane wie die anderen 
dreihundert 

Es war mir eine Kirche, ja, ich habe meine Mor- 
genandacht da verrichtet. Niemand weiß, wie sehr 
ich diese Kabane liebte. 

Nun ist es eine Miet-Kabane. 

Die Menschen, die sie haben, sind sehr glück- 
lich. 

In der Saison ist's schwer, eine Kabane zu 
finden. 

Schwimmkleider hängen hier zum Trocknen in 
Wind und Sonne. 

121 



Mir aber ist es gleich, ob ihr sie trocken morgen 
anzieht oder naß. Gleichgültig ist mir euer Rheu- 
matismus. Der Strand ist schön, ein reich- 
bewegtes Leben... Ich grolle über die Ein- 
samkeit, die nun vorhanden ist! 



122 



HERMANN BAHR: 

DAS ERSTE 

UND DAS LETZTE 

WORT 



(Wien, Mai 1896.) 

Es gibt Leute, die einem die gescheitesten 
Sachen so sagen, daß man nichts davon hat. 
Sie mögen stundenlang reden, es bleibt stille in 
uns. An feinen Worten lassen sie es nicht fehlen, 
doch sprechen sie immer bloß den Verstand an, 
unsere Seele hört nicht zu. Aber dann sagt plötz- 
lich jemand hinter uns: „Wollen Sie ein Sttickel 
Zucker oder zwei?'* Und siehe, plötzlich horchen 
wir auf, es wird in uns lebendig und wir wissen, 
. daß wir diese Stimme nicht mehr vergessen wer- 
den. Es gibt Leute, die guten Tag so sagen, daß 
wir dabei ihre ganze Natur, ihr ganzes Wesen zu 
vernehmen glauben; in allen Worten lassen sie 
ihre Seele mitreden. Man sagt von ihnen: sie 
haben eben ihren eigenen Ton. Was das aber 
eigentlich ist, weiß niemand. Man glaube nicht, 
daß es von der Kraft oder Schönheit einer Stimme 
kommt. Nein, sehr schönen und warmen Stimmen 
kann der eigene Ton fehlen, heisere und dünne 
haben ihn. Man erinnere sich, was man oft auf der 
Bühne sieht. Da sehen wir oft junge Schauspieler 

125 



sich mit Anstand, Takt und Geschmack bewegen, 
sie haben alle Mittel, sie sprechen gut, nichts 
möchte man anders haben, wir müssen sie loben 
und sind doch sogleich gewiß, das aus ihnen nie- 
mals ein großer Schauspieler wird. Andere An- 
fänger beleidigen durch Unarten und exzessive 
Gebärden, sie können nicht gehen, schreien rauh 
oder schrill, sie betonen falsch und doch fühlen 
wir, daß in ihnen ein Künstler steckt. Sie haben 
eines vor jenen voraus: man hört ihnen zu. Man 
kann sie vielleicht nicht ausstehen, man mag sie 
hassen, ja verabscheuen, aber man hört ihnen zu. 
Treten sie auf, so wird es still, alle lauschen, man 
hört ihnen zu. Man sagt dann auch wieder: sie 
haben eben ihren eigenen Ton. Das heißt, ihre 
Seele, ihre Natur, ihr Wesen, oder wie man das 
nennen will, was den besonderen Menschen aus- 
macht, ist so stark, daß es gleich in jede Gebärde, 
in jedes Wort, ja in jeden Schritt dringt und in 
den letzten Spitzen ihrer Äußerungen noch ver- 
nehmlich ist. Je länger man über die Kunst nach- 
denkt, desto gewisser wird es einem, daß das 

126 



allein in allen Künsten das Entscheidende ist. So 
einen eigenen Ton zu haben, das ist alles. Wer 
seinen eigenen Ton hat, den wird man einen 
Künstler nennen dürfen. Es ist dann erst noch die 
Frage, ob er seine Kunst auch ausüben kann, und 
diese Kunst kann eine gute oder eine schlechte 
sein, indem sie unsere Kultur fördert oder hemmt; 
das wird dann seinen Wert bestimmen. Aber ein 
Künstler ist er immer, wenn er die Kraft hat, in 
jeder Bewegung sein ganzes* Wesen herzugeben. 
Das ist auch das einzige, was man nicht lernen 
kann. Man kann sich einen eigenen Ton nicht 
machen, wie man sich schöne Augen nicht machen 
kann. Alles andere ist heute zu haben. Jeder ge- 
bildete Mensch kann heute dahin gebracht wer- 
den, einen Gedanken oder ein Gefühl in Versen 
angemessen auszudrücken oder die Zustände sei- 
ner Welt in einem Romane gerecht zu schildern. 
Solche Bücher erscheinen jetzt jede Woche. Man 
kann nichts an ihnen tadeln, sie haben keine Feh- 
ler, es ist alles in Ordnung. Nur hüte man sich, 
ihnen zu nahe zu kommen; man darf nicht intim 

127 



mit ihnen verkehren wollen: sonst wird man er- 
schrecken. Es geht einem dann, wie wenn man 
sich durch eine Wachsfigur täuschen läßt. Diese 
Figur sieht ganz wie ein lebendiger Mensch aus, 
trägt wirkliche Kleider, hat wirkliche Haare und 
sitzt mit der größten Natur da. Läßt man sich je- 
doch täuschen und faßt sie an der Hand, so er- 
schrickt man: sie ist kalt und starr und hat kein 
Leben. So sehen jene Bücher aus, als ob sie wirk- 
lich wären, und nehmen mit der größten Natur die 
Haltung von Kunstwerken an, aber man darf sie 
nicht anfassen, man darf sie nicht umarmen wol- 
len. Sonst fühlt man, daß sie nur Wachs sind und 
kein Leben haben. 

Vor einigen Tagen ist bei S. Fischer in Berlin 
ein Buch von einem Herrn Peter Altenberg er- 
schienen, das „Wie ich sehe" heißt. Wenn ich 
mich besinne, was denn wohl eigentlich an diesem 
Buch so ungewöhnlich stark auf mich gewirkt 
haben mag, so kann ich es nur mit diesem Worte 
sagen: es hat durch und durch einen eigenen Ton. 
Diese Stimme haben wir noch nie vernommen; 

128 



hier spricht jemand, den wir nicht mehr vergessen 
können. In seinem Munde wird jedes Wort neu 
und lebt auf; wir glauben es zum ersten Male zu 
hören. Es ist nicht mehr irgend ein Wort, das allen 
gehört, eines von den vazierenden Worten der 
Journalisten, das jedem zuläuft; es ist sein Wort 
geworden, seine Seele hat es sich angeeignet und 
gibt es nicht mehr her. Das wirkt so ungewöhnlich 
an diesem Buche. Nach und nach faßt man sicJi 
freilich und erinnert sich, daß das ja eigentlich gar 
nichts Besoderes, sondern immer bei allen Dich- 
tem so gewesen ist. 

Das Buch enthält lauter kleine Szenen, keine 
über fünf Seiten, einige nur ein paar Sätze lang. 
Sie spielen in Wien und auf dem Lande; ihre 
Menschen sind immer Wiener, so wienerische 
Wiener, daß man unter ihnen leben muß, um an 
sie glauben zu können. Es ist aber schwer zu 
sagen, was sie mit diesen Menschen tun. Schildern 
sie sie? Nein, sie nennen kaum ein paar Nuancen: 
ein Band am Hute der Gestalt, und wie sie den 
Sonnenschirm hält und eine Blume, die sie pflückt; 

9 Frieden, Das Altenbergbvch. 1 29 



aber es genügt, um sie uns einen Moment lang so 
grell wie unter einem Blitze sehen zu lassen und 
schon ist sie fort, nur ein leiser Geruch bleibt 
übrig. Erzählen sie etwas von Ihnen? Nein, Erzäh- 
lungen sind es auch nicht, keine drastischen Be- 
gebenheiten, in denen ein Mensch mit seinem 
Schicksal zusammenstößt. Zwei junge Leute gehen 
über eine Wiese, er ist schmachtend, sie spöttisch; 
oder Kinder plauschen; oder ein Mädchen fischt: 
das ist alles. Haben sie Pointen? Einige ja; aber 
diese scheinen aus der Art geschlagen und be- 
fremden. Gerade die unvergeßlichen sind ganz 
rein: sie sagen dem Verstände gar nichts. Also 
Gedichte in Prosa? Ja kleine, sanfte, kosende Ge- 
dichte von einer unbeschreiblichen Rührung. 
Rührung, das ist das Wort für sie. Diese Menschen 
sind gerührt und schmachten. Sie haben alle etwas 
von Bräuten: sie harren, bange möchten sie fast 
weinen, aber es ist doch schön. Bräute, das drückt 
ihre Stimmung aus: sie sind Bräute des Lebens. 
Wunderbar haben sie sich geschmückt, nun sitzen 
sie da und warten, das starke Leben zu empfan- 

130 



gen; von Scham, Angst und Lust sind sie wirr. 
Aber sie warten umsonst, das Leben kommt zu 
ihnen nicht. Dieses bräutliche Harren auf das Le- 
ben stellt er dar. Er ist der Dichter der Menschen, 
die kein Schicksal haben, weil sie es sich nicht 
nehmen. Ihnen fehlt der Mut, ihren Leidenschaften 
nachzuspringen und das Leben an sich zu reißen. 
Sie sitzen bange da und warten schön, ob sie das 
Leben nicht abholen wird. Sie gehen nicht ihr 
Schicksal; es soll über sie kommen. Aber es konunt 
nicht. Sie warten umsonst. Davon sind sie nach 
und nach so müd und matt und traurig geworden, 
nun glauben sie es schon beinahe selber nicht mehr, 
aber es ist zu spät Urnen ist versagt, sich ihren Teil 
zu nehmen ; was ihnen nicht geschenkt wird, mögen 
sie nicht. Mit dem Andrea des Loris müßten sie 
rufen: „O, wie ich sie beneide um ihr Wollen I" 
Diese altösterreichischen Menschen, die nichts 
erleben können, stellt der neue Dichter mit einer 
unbeschreiblichen Güte dar. Wie kranke Kinder 
hegt er sie, seine Augen sind naß, er weiß, daß sie 
im Sterben liegen. Der IJpd hat sie schon ange- 



9* 



131 



rührt, von seinen Händen sind sie so weiß, sie 
schauen schon hinüber. Wunderlich irre und tief 
reden sie dann; sie erkennen sich jetzt, nichts 
schmerzt sie mehr, es muß ja sein. Und siehe, da 
erblicken sie eine helle Schar von harten und ge- 
waltsamen Gestalten vor sich, die singend in den 
Kampf mit dem Leben gehen. Ihnen winken sie 
zu und lächeln noch einmal, weil sie nun doch 
nicht umsonst gewartet haben; denn ihre Sehn- 
sucht hat ein neues Geschlecht geboren, das er- 
obern wird, und noch dürfen sie Fortinbras 
grüßen, der einzieht. 

Das ist mir das liebste an dem Buche des Dich- 
ters: er läßt uns in der Ferne ein neues Österreich 
sehen. Noch einmal trägt er alle Schätze zusam- 
men, die wir von uns wegwerfen müssen; aber er 
hat den Mut, von ihnen Abschied zu nehmen. Am 
schönsten hat er das in der kleinen Geschichte von 
dem Kinde, das angelte, getan: 

„Das Fischen muß sehr langweilig sein", sagte 
ein Fräulein, welches davon soviel verstand, wie 
die meisten Fräuleins. 



132 



„Wenn es langweilig wäre, täte ich es ja nicht", 
sagte das Kind mit den braunblonden Haaren und 
den Gazellenbeinen. 

Es stand da mit dem großen, unerschütterlichen 
Ernst des Fischers. Sie nahm das Fischlein von 
der Angel und schleuderte es zu Boden. 

Das Fischlein starb . 

Der See lag da, in Licht gebadet und flimmernd. 
Es roch nach Weiden und dampfenden verwesen- 
den Stmipfgräsern. Vom Hotel her hörte man das 
Geräusch von Messern, Gabeln und Tellern. Das 
Fischlein tanzte am Boden einen kurzen, originel- 
len Tanz wie die wilden Völker und starb. 

Das Kind angelte weiter, mit dem großen, un- 
erschütterlichen Ernst des Fischers. 

„Je ne permettrais jamais, que ma fille s'adornät 
ä une occupation si cruelle", sagte eine Dame, 
welche in der Nähe saß. 

Das Kind nahm das Fischlein von der Angel 
und schleuderte es wieder zu Boden, in der Nähe 
der Dame. 

Das Fischlein starb . 

133 



Es schnellte empor und fiel tot nieder — 

ein einfacher sanfter TodI Es vergaß sogar zu tan* 
zen, es marschierte ohneweiters ab . 

„Oh!" sagte die Dame. 

Und doch lag im Antlitz des grausamen, braun- 
blonden Kindes eine tiefe Schönheit und eine 
künftige Seele . 

Das Antlitz der edlen Dame aber war verwittert 
und bleich — . 

Sie wird Niemanden mehr Freude geben, Licht 
und Wärme — . 

Darum fühlte sie mit dem Fischlein. 

Warum soll es sterben, wenn es noch Leben in 
sich hat — ? 

Und doch schnellt es empor und fällt tot nie- 
der ein einfacher, sanfter Tod. 

Das Kind angelt weiter, mit dem großen uner- 
schütterlichen Ernst des Fischers. Es ist wunder- 
schön, mit seinen großen, starren Augen, seinen 
braunblonden Haaren und seinen Gazellenbeinen. 

Vielleicht wird es auch einst das Fischlein be- 
mitleiden und sagen: Je ne permettrais jamais, 

134 



que ma fiUe s'adonnät ä une occupation si 
cruelle ! 

Aber diese zarten Regungen der Seele erblühen 
erst auf dem Grabe aller zerstörten Träume, aller 
getöteten Hoffnungen . 

Darum angle weiter, liebliches Mädchen! 

Denn, nichts bedenkend, trägst du noch dein 
schönes Recht in dir ! 

„Töte das Fischlein und angle!" — - 

Das Beste, das wir in uns spüren, wir neuen 
Leute in Österreich: unsere Verehrung der harten, 
in heiterer Schönheit waltenden Kraft finde ich 
durch diese lieblich grausame Gestalt ausge- 
drückt. 

(Wien, II. Januar ipiQ.) 
An Altenbergs Grab. Das erste, was man vor 
bald dreißig Jahren von Peter Altenberg vernahm, 
war eine Nachricht des Heinrich im Griensteidl, 
es gehe jetzt jede Nacht auf dem Kohlmarkt ein 
Herr um, der aufzufliegen versuche, der Macht 
seines Gemüts vertrauend. So begann er gleich 

185 



legendär und war bald darauf, schon bei Leb- 
zeiten, fast mythisch geworden. Wie einst Stelz- 
hamer. Oder wie der liebe Augustin. Mit den bei- 
den war ihm auch dies gemein, daß man ihn beim 
Vornamen rief. Er hieß der Peter, wie Stelzhamer 
der Franz von Piesenham, wie Whitman Walt. 
Die drei gleichen einander überhaupt irgendwie; 
nicht so sehr in der Art ihrer Begabung als in 
ihrer Stellung zur Welt. Ihr Unterschied liegt nur 
in den Dimensionen, es ist der Unterschied zwi- 
schen Broadway, Vöcklabruck und dem Graben- 
caf6. Diese Dichter haben alle drei fast etwas 
Heiliges an sich, freilich nicht ohne den Zusatz 
leiser Lächerlichkeit, die sich allem Heiligen in 
zivilisierten Zuständen anhängt. Auch Verlaine 
gehört in ihre Nähe, und Peter Hille auch. Es sind 
die einzigen Dichter dieser Zeit, die noch unge- 
fähr dem entsprechen, was sich das Volk unter 
einem Dichter denkt. Zu den andern hat es keinen 
Zugang, sie bleiben ihm durch Literatur verdeckt, 
auch traut es ihnen von vorneherein nicht recht, 
weil es instinktiv vom Dichter verlangt, daß er 

136 



selber auch ein Gedicht sei; dies aber ist die ein- 
zige Dichtungsart, die sich nicht erlernen läßt. 
Wenn einst die ganze Literatur dieser Zeit ver- 
gessen ist, wird das unvergängliche Gedicht, das 
Peter Altenbergs Leben war, noch dankbaren 
Enkeln erglänzen. — Wie alle vom Geiste Leben- 
den empfand auch er stark die niederziehende Ge- 
walt des Irdischen; er kannte die Tobsuchtsanfälle 
des an die Welt gefesselten Genius. Des Geister- 
reichs ganz unmittelbar bei sich gewiß, sieht es 
der Geistige plötzlich rings bedrängt, vermischt, 
entstellt, das Unreine dringt überwältigend ein. 
Dies ist das Urerlebnis, das sich in jeder Genera- 
tion wiederholt, und an ihm scheiden sich die Gei- 
ster. Die einen antworten darauf mit Haß, Erbitte- 
rung und Hohn; das gibt die zürnenden, die stra- 
fenden Propheten. Andere flüchten nach den elfen- 
beinernen Türmen der Artisten. Noch andere be- 
täuben sich mit ihrer inneren Musik. (Nmnmer 
eins: Schopenhauer und Nietzsche, Nmnmer zwei: 
der Ästhet und Dilettant, Niunmer drei: Kapell- 
meister Kreisler und Hugo Wolf, während Beet- 

167 



hoven und Mahler bald eins, bald drei sind, George 
bald eins, bald zwei) Alle drei absentieren sich 
von der Welt. Aber durch die Welt dennoch nicht 
irre zu werden an der Welt, sie bis in jene Tiefen 
zu durchschauen, wo die verruchte Welt selber 
auch wieder Geist wird, und danun auch das Ver- 
haßte der Welt noch herzhaft lieben zu können, 
dies vermag allein die durchleuchtende Kraft des 
Dichters. Der Dichter absentiert sich nicht von 
der Welt. Auch wenn er die Hand schon zum 
Fluch hebt, er muß immer noch segnen. Denn 
wohin er blickt, er sieht tiberall Schönheit. In 
jedem Menschen, wer es auch sei, noch den ver- 
borgenen Jupiter erkennen und heimlich be- 
grüßen, hat das Emerson einmal etwas wunderlich 
genannt, aber sagen wir es lieber auf gut katho- 
lisch: auch im. ärmsten Sünder noch Gottes Kind 
erblicken und so die Sünde hassen, doch den 
Sünder lieben. In Kornfelds „Verführung" kommt 
ein solcher Dichter vor, der Bitterlich. Der ruft 
klagend aus: „Ich will alles und es kommt immer 
nur eins!" Das ist dieselbe tiefe Wehmut, in die 

138 



jedes Wort Altenbergs getaucht war. Es ist die 
Sehnsucht, die den Dichter ausmacht, denn der 
Dichter ist der polarische Mensch. Darum kann 
auch dieser Bitterlich von der Welt nicht los, in 
der für ihn kein Platz ist, ja die er hassen muß, 
doch mit einem „Haß, der aber treulos genug ist, 
immer bereit zu sein, sich in eine Umarmung der 
Welt zu verwandeln I" Es ist derselbe liebestolle 
Haß, mit dem Altenberg Tag um Tag alle Kreatur 
umarmt hat. Und die schönste Grabschrift wäre 
für ihn ein Wort Whitmans: „Der reichste Mann 
ist der, der aller Pracht, die er sieht. Gleichartiges 
aus dem größeren Vorrat seines eigenen Selbst 
entgegenstellt." 



139 



HUGO 
VON HOFMANNSTHAL: 

DAS BUCH VON 
PETER ALTENBERG 



(1896.) 

Das ist ein neues Buch, eine Art von Buch. 
Ich weiß nicht recht, von welcher Art dieses 
Buch ist. Es ist ganz angefüllt mit kleinen Ge- 
schichten, wie ein Obstkorb. Es sind vielleicht 
hundert kleine Geschichten darin. Ich kann 
schwer sagen, was für kleine Geschichten. Sie 
sind zu einfach; zum Beispiel: ein neunjähriges 
Mädchen redet mit dem Vater, der es im Pen- 
sionat besucht. Oder ein paar junge Mädchen reden 
miteinander. Oder zwei junge Männer gehen mit- 
einander herum und reden, in einem Ballsaal, 
am Ufer eines Sees. Oder ein Bräutigam geht mit 
seiner Braut sich photographieren lassen. Oder 
drei junge Menschen hören zusammen der Musik 
zu. Oder ein Mann fährt mit seiner Frau in einem 
Boot. Oder ein kleines Mädchen spielt Klavier 
und ein erwachsener Mensch hört zu. 

Diese kleinen Geschichten sind viel leichter 
wiederzuerzählen als zu beschreiben. Ich will 
lieber gleich eine erzählen. Vielleicht die, worin 
das kleine Mädchen Klavier spielt. Sie heißt 

143 



„Musik". All diese kleinen Geschichten haben 
sehr einfache Überschriften. 

„Die Kleine übte Klavier. Sie war zwölf Jahre 
alt und hatte wundervolle sanfte Augen. Er ging 
im Zimmer leise auf und ab, auf und ab. Er blieb 
stehen und lauschte und wurde eigentümlich er- 
griffen. 

Es waren ein paar wundervolle Takte, die 
immer wiederkehrten. 

Und das kleine Mädchen brachte alles heraus, 
was darin lag. Wie wenn ein Kind plötzlich ein 
Großer würde. 

„Was spielst du da?!" sagte der Herr. 

„Warum fragst du? -Das ist meine ,Albert- 
Etüde', Bertini Nr. i8; wenn ich die spiele, muß 
ich immer an dich denken " 

„Warum ?l" 

„Ich weiß nicht; es ist schon so." 

Wie wenn ein Kind plötzlich ein Weib würde! 

Das kleine Mädchen übte weiter, Bertini Nr. 19, 
Bertini Nr. 20, Bertini Nr. 21, 22, 23 . . . aber die 
Seele kam nicht wieder." 



144 






c 



Solche kleine Geschichten sind es. Aber das es 
so viele sind, macht ihren Reiz viel merkwürdiger. 
Sie haben einen eigenen Ton: einen weiblichen, 
einen kindlichen, einen sonderbaren Ton. Aber 
freilich nicht, wie wenn sie von einer wirklichen 
Frau erzählt wären, oder von einem wirklichen 

IT 

Kind. Sondern von einem Dichter, einem Dichter- 
Schauspieler, der hie und da den Ton einer Frau 
nachahmt, hie und da ein Kind oder irgend ein 
anderes lebendiges Wesen, in das er für einen 
Augenblick verliebt war. Denn das Buch ist sehr 
kokett, es ist durch und durch kokett. Es ist etwas 
von der altklugen Koketterie der Andersenschen 
Märchen darin, und noch anderes. Es ist verliebt 
in das Leben, allzu verliebt; es ist^ mit süßen 
kleinen Dingen angefüllt, wie ein Obstkorb. Es 
gibt eine zurückhaltendere Art, dem Leben zu 
huldigen, eine größere, herbere Art ihm zu sagen, 
daß es grenzenlos wundervoll, unerschöpflich und 
erhaben ist und wert, mit dem Tode bezahlt zu 
werden. 
Aber das macht wieder die Seltsamkeit des 

10 Frieden, Das Altenbergbuch. I45 



Buches aus, daß es das ganze Leben, aber auch 
wirklich das ganze, für den Lustgarten der Poesie 
ansieht und mit seiner allzu süßen, verliebten 
Musik in alle Kltifte des gewöhnlichen Lebens 
hineindringt. Denn die Menschen in den hundert 
Geschichten tun die gewöhnlichsten Dinge und 
reden die gewöhnlichsten Dinge ; aber der Dichter 
sieht die Bruchstücke ihrer einfachen Schicksale 
mit solchen trunkenen Augen, wie man am Abend 
in einem schönen Garten zusieht, wenn die Beete 
begossen werden. Er liebt alles an ihnen. Und 
wie sehr liebt er, wenn sie miteinander reden 1 
Ihre einfachen Gespräche sind ihm ein süßes 
sinnliches Schauspiel. Die Antworten, die sie 
einander geben, und auch die, die sie schuldig 
bleiben; ihr Stocken, ihre Verlegenheit über un- 
geschickte Worte und die flüchtige Trunkenheit, 
die durch geschickte Worte entsteht. Er ist völlig 
verliebt in ihre kleinen Gespräche. Aber fast 
noch mehr in ihr Schweigen: in das stumme 
Nebeneinandersein der jungen Mädchen und der 
kleinen Kinder, der Goldfische, der nachdenk- 

146 



liehen Männer und der blühenden Bäume, in das 
aufregende geheimnisvolle Nebeneinandergehen 
der leidenden, der lächelnden, der demütigen, der 
triumphierenden Geschöpfe. Wie ein griechisches 
Gastmahl, wie ein römisches Theater genießt er 
das Schauspiel der Berührungen, aus denen das 
Leben zusammengewoben ist: er sieht die Men- 
schen an den Lehnen der Berge miteinander spa- 
zieren gehen und weiß, wie das Mattwerden des 
Himmels, das Großwerden der Bätune ihr Ge- 
spräch matt und groß machen kann; er fängt die 
Blicke auf, in denen sich die Seele eines Men- 
schen den Dingen zuwendet und hingibt, die man 
die gleichgültigen nennt: fremden Kindern, den 
Gesichtern fremder Menschen, Wolken, gut- 
riechenden unbekannten Blumen; er kennt die 
Gewalt der Bäder über die Seele, ja des kalten 
oder des erwärmten Wassers über Mut und Feig- 
heit, Demut, Heiterkeit oder Verzagtheit. Ich 
finde in seinem Buch verstreut eine ganze Ab- 
handlung über die Kunst des Badens und eine 
gleiche über die Kunst des Schlafens, des Schla- 



10* 



147 



fens, um heiter und frei aufzuwachen, und kleine 
Abhandlungen über Erhitzen und Erkälten, über 
schönen Teint, über gute und schlechte Ermüdung, 
über Essen, und zwar das Essen von Suppe, von 
Fischen und von Früchten, über Spiele: Tennis, 
Reif schlagen, Federball; über Frisuren, Kleider 
und Handarbeiten. Aber es sind keine trockenen 
Abhandlungen, sondern kleine Gedichte, wie 
jene antiken Bruchstücke der ersten Ärzte und 
Lehrer der Naturgeschichte, die trunken waren 
von Naivität und Freude über ihren Gegenstand. 
Ich wüßte nicht zu sagen, wie viele Kleider in 
dem Buche beschrieben sind : ihr Stoff, ihr Schnitt 
und ihre Farben sind genau beschrieben, um 
ihrer Schönheit willen, die wetteifert mit der 
Schönheit der Hände und der Haare, der smaragd- 
grünen Wiesen und der braunroten Abendwälder. 
Sie sind mit Ehrfurcht und Freude beschrieben, 
wie die Waffen bei Homer, die Gebärden bei 
Dante oder die Gewänder der Männer bei den 
Dichtern im Mittelalter. 
Es ist, wie man sieht, ein völlig romantisches 

148 



Buch; und doch fühlt es sich nicht verpflichtet, 
sich aus dem Leben zurückzuziehen. Es bleibt 
da und schwebt mit seiner verliebten Musik in die 
Klüfte lind Spalten der alltäglichen Dinge. Es 
bleibt da und betet mit gutem Gewissen Nichtig- 
keiten an. Das Buch hat so ein gutes Gewissen, 
obwohl es um alles Wichtige völlig unbekümmert 
ist, daß man gleich sieht, es kann kein richtiges 
deutsches Buch sein. Es ist wirklich wienerisch. 
Es kokettiert auch damit, mit seiner Herkunft, 
sowie es mit seiner Gesinnung kokettiert. Es ist 
im Tone hie und da manieriert leichfertig, wie 
es hie und da manieriert kindlich ist. Es ist ein 
sonderbares Buch; in seiner Gewissenlosigkeit, 
seiner bewußten Grazie, scheint es eine kompli- 
zierte innere Erziehung, ja, es scheint Kultur 
vorauszusetzen. Denn was ist Kultur, was ist sie 
anderes als dieses: zu wissen, daß das etwas ist: 
herumgehen, reden, essen; Scheu vor dem All- 
täglichen zu haben als vor dem Göttlichen. 

Dieser süßen Reife, dieser spielenden Freiheit 
ist das Buch voll. Und sie scheint nicht in Ein- 



149 



samkeit errungen, sonst würdle sie herber 
schmecken. Dem Buch haftet etwas Geselliges an. 
Es läßt an die Titel alter Bücher denken: „Die 
attischen Nächte" oder den „Deipnosophistes". 
Man spürt Menschen hinter diesem Buch. Wie in 
den Hymnen des Pindar die jungen adeligen 
Wagenlenker und Sieger im Fünfkampf sich 
wiederfanden, sich und das Lob ihrer Arme, ihrer 
schönen Schultern, ihrer Väter, ihrer Brüder, ihrer 
berühmten Ahnen, ihrer schönen Wagen, ihrer 
schönen Gärten, ihrer schönen Schüfe, so scheinen 
auch hier die Spiegelbilder einer Gesellschaft 
durcheinander zu schweben. Man ahnt Menschen, 
die hier das pretiöse, aber schöne Lob ihrer Ge- 
liebten und ihrer Töchter wiederfinden, die Kies- 
wege und Beete ihrer Gärten, ihrer sommerlichen 
Seeufer und Landschaften, den Ton ihrer Ge- 
spräche, ja die kleinen geistig-sinnlichen Wahr- 
heiten ihrer Tage. Man ahnt ein junges Mädchen, 
das hier das Lob der kleinen Schwester oder der 
Liebüngsblumen bestellt, wie dort ein korin- 
thisches Geschlecht das Lob seines jüngsten 

150 



Siegers. Nur daß alles viel raffinierter, verschwie- 
gener, schattenhafter geworden ist, verglichen mit 
jener unbegreiflich wundervollen naiven Feier- 
lichkeit. Das Buch hat nichts Gedrücktes; es ge- 
fällt sich selbst; es ist sicher, zu gefallen. Es ist 
seiner Lebensluft sicher. Starke Freunde müssen 
diese Lebensluft schützen. Es muß eine Gruppe 
von Menschen da sein, die voll Freiheit und 
Würde allen unscheinbaren Dingen Wichtigkeit 
zugeteilt und den schönen Garten des allgemeinen 
Lebens mit bunten Geweben umhängt hat, um die 
allzu große, unheimliche Feme auszusperren. 
Eine Gruppe von Geistern, die gesagt hat: 
„Dieses, das vorliegende Leben, darfst du mit 
freiem Mund loben, so wie du es siehst Das 
andere, das große Weltwesen, haben wir schon 
mit alledem in Harmonie gesetzt. Du darfst alles, 
so weit du siehst, mit gutem Gewissen anbeten.'' 
Diese Gruppe von Menschen, diese Tradition 
der Geister — ich spreche das geheinmisvoUe 
Wort dafür noch einmal aus: Kultur. Ich glaube, 
daß das Buch seine innere Freiheit einem Dasein 

151 



von Kultur verdankt, genauer: von künstlerischer 
Kultur. Nur eine Kultur gibt einem Menschen 
diese raffiniert naive Sicherheit, daß er hingeht 
und kleine Geschichten von allen Dingen erzahlt 
und auf das Buch darauf schreibt: „Wie ich es 
sehe/' Er hat gelernt, daß da schon etwas daran 
ist, nur henunzugehen und zu sehen. Er stilisiert 
sich selbst als den, der nur herumgeht und zu- 
sieht. Seine Geschichten sind wie ganz kleine 
Teiche, über die man sich beugt, um Goldfische 
und bunte Steine zu sehen, und plötzlich undeut- 
lich ein menschliches Gesicht aufsteigen sieht. So 
ist das Gesicht des Dichters schattenhaft in die 
hundert Geschichten eingesenkt und schwebt 
empor. Ein sehr stilisiertes Gesicht, mit einer 
großen raffinierten Einfachheit. Mit weiblichen 
Augen sozusagen; was man an Männern weiblich 
nennt. Mit kindischen Allüren: so wie die Männer 
die Kinder spüren und nachmachen. Und etwas 
von Sokrates ist dabei: von dem, der ein Lehrer 
und zugleich ein Liebender ist. Denn die Gestalt 
hat Etwas vom Lehrer; aber sie bringt fortwäh- 

152 



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II 

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(*>*'>-x 



rend die Worte Nietzsches über Sokrates ins Ge- 
dächtnis: ,,Es konnte niemand sagen, warum 
Sokrates lehre, er selbst ausgenommen. Wohin er 
kam, da erzeugte er das Gefühl von Unwissenheit, 
er erbitterte die Menschen und machte sie nach 
dem Wissen gierig." Dieser Lehrer, der Weiber 
und Kinder nachahmt, der in seine Schüler ver- 
liebt ist und dessen Schüler die jungen Männer 
und die jungen Frauen dieser Zeit sind, kann nur 
eine Lehre haben: die Anbetung der Natürlich- 
keit, der natürlichen Grazie, der natürlichen Grau- 
samkeit; die Verherrlichung der leichten, schönen 
und zwecklosen Dinge, die Anbetung des höchst 
Künstlichen, das sich dem höchst Natürlichen an- 
nähert: Leben als Gartenkunst 

Eine dreifältige Macht scheint diesen Dichter 
erzogen zu haben. Eine künstlerische Kultur: 
Menschen, die ihre Beziehungen so wie Land- 
schaften genießen und ihre Vergangenheiten wie 
Gärten und ihre Geschicke wie Schauspiele. Eine 
heitere Kultur: Menschen, deren Anstand ihnen 
gebietet, der Schwere der Welt entgegenzulächeln. 

153 



Eine literarische Kultur: Menschen, die es lieben, 
zu reden, Menschen, Künstler, denen das Schau- 
spiel viel bedeutet. Es ist etwas Schauspielerisches 
in dem Buch: in den kleinen Geschichten stehen 
oft Menschen gegen Menschen wie in einer Rolle, 
ja der Dichter gegen das Leben so: er spielt sich 
selbst und. dann und wann spielen seine Geschöpfe 
sich selbst. Die Namen großer Schauspieler ge- 
hören zu den bunten Gewändern der Götter, mit 
denen dieser Lebensgarten höchst künstlich um- 
hängt ist. Ebenso die Namen von einzelnen Dich- 
tern. Es scheint sich hier ein Kreis anzukündigen, 
der die Kunst ausschließlich vom Standpunkt des 
Lebens ansieht, wobei ihm endlich das Leben 
völlig als Material der Kunst erscheint. Ein still- 
schweigendes Übereinkommen scheint alles in 
Zusanmienhang zu bringen: da man sich gleich- 
zeitig als Lebende und Zuschauende zu betrachten 
habe. Es ergibt sich eine wundervolle Kontinuität 
zwischen den literarischen und menschlichen 
Betätigungen dieser Gruppe von Künstlern. Man 
steht in einer neuen Romantik, in der das Wesen 

154 



der alten, Unzufriedenheit mit der Welt, aufge- 
hoben erscheint. Das Leben ist ganz im Besitz 
der Poesie, die es jeweilig wegen seines Reich- 
tumes, seiner Dunkelheit, seiner Vielfalt, seines 
spiegelnden Wesens verherrlicht. 

Der eine, der auf sein Buch geschrieben hat 
„Wie ich es sehe", verrät andere, eine Gruppe 
von Künstlern, die sich der in der Zeit liegenden 
„barbarischen Avantagen" nicht bedienen will, 
um das Schöne und Interessante hervorzubringen. 
Vielmehr: man will mit dem Gegebenen, Gegen- 
wärtigen, als mit einem Natürlichen, Menschlichen, 
rechnen. Nichts wird geschichtlich erfaßt und 
kein starres Wort ist am Platz. Jedes vorgefaßte 
Urteil über die Gegenwart wird abgewiesen. Man 
ist einmal da, wie die Kinder da sind. Ja, es ist 
eine sehnsüchtige Anbetung der kleinen Kinder 
über diese Kultur ausgegossen: es ist, als ob es 
die Vordersten immer mehr und mehr nach Kind- 
lichkeit verlangte. Und es ist auch niemand vor- 
nehmer, niemand anmutiger als die, die noch 
kein Gedächtnis haben und ganz von der Wahr- 

155 



heit bewegt werden. In künstlichen, an Erinnerung 
reichen Zeiten sammeln sich die Lebendigen an 
den Altären der kindlichen Götter; sich als Kin- 
der zu fühten, als Kinder zu betragen, ist die 
rührende Kunst reifer Menschen. Wenn man in 
dreihundert Jahren unsere Briefe aus alten Laden 
nimmt, wird man sich vielleicht verwundern, sie 
ganz anders zu finden, als alle Briefe der anderen 
Männer und Frauen dieser Zeit: um so viel un- 
mündiger, imi so viel weniger starr. Man wird 
in ihnen das Leben von ganz anderen Mächten 
bestimmt finden, als die in den Büchern unserer 
Zeit den Ausschlag geben. Man wird an Wesen 
ohne bestimmtes Alter gemahnt werden, die aber 
am meisten an die unendlich vielsagenden Ge- 
bärden der Kinder erinnern, an ihre komplizierte 
Naivität: an ihre nachdenkliche, vornehme Art, 
aufeinander zuzugehen, wenn sie fremd sind, an 
ihre wundervolle Weise, mit Anmut hochmütig, 
mit Anmut hart zu sein, an ihre Zutraulichkeit, 
ihre königliche Art, sich hinzugeben und doch 
völlig zu bewahren, an ihre wundervolle Unbe- 

156 



stechlichkeit. Nur Künstler und Kinder sehen das 
Leben, wie es ist. Sie wissen, was an den Dingen 
ist. Sie spüren im Fisch die Fischheit, im Gold 
das Wesen des Goldes, in den Reden die Wahr- 
heit und die Lüge. Sie wissen den Rang des 
Lächelns, den Rang der unbewußten Bewegungen, 
den Wert des Schweigens und die Unterschiede 
des Schweigens. Sie sind die einzigen, die das 
Leben als Ganzes zu fassen vermögen. Sie sind 
die einzigen, die über den Tod,* den Preis des 
Lebens, etwas sagen dürfen. Sie geben den Dingen 
ihre Namen und den Worten ihren Inhalt. 

Freilich, Kinder — wer ergründet sie? Große, 
große Künstler — wer kann einen mit Fingern 
weisen? Immerhin ist von diesen geheimnisvollen 
Mächten dieses kleine Buch irgendwie beherrscht, 
wie der zierliche Magnet von ungeheuren, im 
Ungewissen gelagerten Kräften. 



157 



NEUN BRIEFE 
AN FRAU LINA L. 

(1906.) 



Liebe theure Frau, Sie ahnen es gar nicht, wie 
häufig ich mich mit Ihrer lieblichen Persönlich- 
keit intensiv beschäftige. Ohne mich irgendwie 
gern zu haben, haben Sie Ihr geliebtes Haupt 
stundenlang in meinem Schöße gelassen. Niemals 
war eine Frau, der ich nichts war, so zart men- 
schenfreundlich, so edelmütig liebenswürdig! Es 
war ein unbeschreiblich schönes Erlebnis. Es 
hieß: „Du bist ein Dichter, und ich will Dich 
glücklich machen." Sie, Sie allein nahmen mich 
als Dichter durch diese Handlung, Sie, Sie allein 
begriffen da mein Wesen, meine Art, in unend- 
lichen inneren Zärtlichkeiten dahinzuleben und 
schon durch den Duft von Haar und Athem, be- 
glückt, erlöst werden zu können! 

Sie allein waren gnädig zu mir, ohne mich 
lieb zu haben, blos in der edlen Erkenntnis, da 
sei ein tief fühlendes Menschenherz. Deshalb habe 
ich auch nur für Sie unauslöschliche Dank- 
barkeit. Sie allein wußten den Dichter und den 
Mann zu verstehen, und während ihnen der Mann 
gleichgiltig war, brachten Sie dem Dichter das 

11 Frieden, Das Altenbergbuch. 



Opfer, ihn seelig, ihn reich zu machen 1 Lina, ich 
gedenke Ihrer in tiefer Rührung und ganz echter 
Anhänglichkeit. P. A. 

Liebe Lina, 

Ihre wirkliche Freundschaft, Ihr Verstand- 
nis erworben zu haben, gehört zu den „gewon- 
nenen Schlachten*' meines Lebens, in dem meistens 
„Sedans" und „Königgrätz" waren. 

Was Sie da über mich und Ihre Figur sagen, 
ist so tief und wahr, daß es heutzutage kaum 
einige verstehen oder deuten können! 

Ja, Ihre Haare sind für mich ein „märchenhafter 
Zauber'', etwas Außerirdisches, von jeder 
Beziehung Mann-Weib Erlöstes, eine „Materie 
gewordene" Dichtung, ein tiefstes, tiefstes Gedicht 
in Farbe, Form und Duft . 

Ich gedenke Ihrer . 

Ihr Peter Altenberg 

Liebe Lina, 
wie eine Oase, wo man ermüdet, erschöpft aus- 
rastet, waren in gewisser Art diese Wochen, 

162 



nach allen ausdörrenden, matt machenden Erleb- 
nissen solcher unentwegter Daseinswanderer wie 
wir Beide siild! 

Rastlos und ungebunden, unbindbar und uns 
selbst gefährlich haben wir dennoch in organischer 
Freundschaft wenige Wochen verbracht. 

Aber das Leben vertreibt uns von den Oasen, 
wenngleich ein tiefer Heimweh-Blick uns halten 
will. 

Mögen wir Beide niemals diese Wochen die 
uns so gütig zusammen ließen, vergessen, da ohne 
Liebe und Leidenschaft zwei exzeptionelle 
Nervensysteme gleichsam denselben Pulsschlag 
hatten, so wie ihre Tritte gleich klangen, kurz und 
scharf, auf Asphalt- Pflaster. 

Meine innerste Freundschaft zu Ihnen wächst 
und wächst, so von selbst und unmerklich in die 
Tage hinein, Lina! So losgelöst ist das alles von 
allem bisher Dagewesenen, eine neue Art von 
selbstloser Freundschaft zwischen Mann und 
Frau! 

Es gibt Welten der Seele, die erst im Entstehen 

n* 163 



sind, und die Wenigen, die sie in sich bereits 
bergen, sind allen andern unverständlich! 

Ein Mann, der so ist, muß zu Grunde gehen, 
man läßt ihn allein, man nennt ihn mitleidsvoll 
„Dichter". Aber eine Frau, die so ist, findet Men- 
schen, die das Neue ahnen und eben deshalb sie 
doppelt betreuen und beschützen, denn, die Pracht 
Ihrer Haare, der Schimmer Ihrer Augen, die 
Farbe Ihres Teints sind noch aus der früheren 
verständlichen Welt! '. 

Oh Lina, ich bin so dankbar, daß Sie mich zu 
verstehen versuchen, als den, der ich nun einmal 
bin, vom Schicksale und von Anlage dazu be- 
stimmt! 

Wir gingen eines Schrittes und Trittes, und 
dieser merkwürdig gleiche elastische, unbe- 
schwerte Gang zweier tief beschwerter Menschen 
war das Mysteriöseste an unserer Beziehung. Denn 
niemals bin ich je mit einer Frau, Sie nie je mit 
einem Manne in diesem kurzen scharfen Trapp 
gegangen, wo einer durch den andern leicht und 
frei wird 1 

164 



Das wird auch nie mehr kommen. 

In diesem Schritt und Tritt, den Sie mit mir 
einhielten, ging mir erst ganz das Wesen Ihrer 
Organisation auf, diese vielen Ansätze zu Höher-, 
zu Weiterentwicklungen der menschlichen Art, 
die Sie in Gegensatz stellen mit den Übrigen, 
während dieser exponierte Posten ungeheure Ge- 
fahren heraufbeschwört I 

Sie haben mir gestern, Sonntag, den Nachmit- 
tag und Abend geopfert, wie wenn Sie es dem 
Dichter P. A. schuldig wären. 

Das sind auch Ansätze zu einer Höherentwick- 
lung, mehr als Sie es- begreifen können! 

Denn bei allen besonderen Eigenschaften, die 
ich habe, bin ich dennoch für Frauen im Nahver- 
kehre langweilig und belastend, zwei Schäd- 
lichkeiten für zarte Nervensysteme. 

Ich bin Ihnen nun unbeschreiblich freundschaft- 
lich gesinnt geworden, und würde mich sehr krän- 
ken, falls Sie je, durch meine Feinde irrege- 
führt, daran zweifeln möchten! 

Niemand kennt. Niemand achtet Sie so als 

165 



ureigene Persönlichkeit wie ich. Ich vernehme 
Ihre Klagen, wenn Sie schweigend, mit irrenden 
Augen, in eineJEcke gedrückt, kauern! Etwas wie 
Heimweh haben sie dann, nach irgendwelchen 
Viertelstunden, die friedereich waren, nach einem 
Glück, das dennoch nur ein Eintagsglück sein 
konnte . 

Mögen Sie mich nie ganz verlassen, innerlich, 
Lina! 

Es wäre sogar ein Schaden für Sie selbst! 

Bleiben Sie gerecht-gütig mit aller Anstrengung 
ihrer Seele, falls böse Elemente Sie hinab zerren 
wollen, in Verachtungen! 

Ich habe eine krankhafte Sehnsucht 
nach Küssen auf ihre aschblonden Haare, Ihre 
Stirne, Ihre Augen, Ihre Ohren, Ihre Nasen- 
löcher. Die Farbe, der Teint Ihrer Haut ist mir 
etwas fast Heiliges, Anbetungswertes. Zerstören 
Sie sich nie selbst,» lassen Sie sich nie von 
irgend Jemandem zerstören. Das Leben dauert 
doch wirklich nur eine Minute lang. Kann man 
dann irgendetwas reparieren?!? Schließlich wer- 

i66 



den Sie sich vielleicht aufraffen, aus irgendwelchen 
Bedenken und Erinnerungen aus, einen großen 
Strauß von meinen geliebten Tubarosen auf mein 
Grab hinzulegen . 

Und da wird einer bei der Rückfahrt in Baden 
sagen: „Ich liebe Dich, noch tausendmal mehr, 
weil Du diesen Dichter so lieb gehabt hast!" 

Aber da müssen Sie kalt erwidern: „Und 
besonders, weil er tot und unschäd- 
lich ist. Nun kann man seinen Rebbach (Profit) 
haben, indem man seinen Wert anerkennt." 

Liebe, liebe Lina, ich weiß den Weg den Sie 
gehen werden 1 1 1 

Weit weit weg von mir . 

Wie ein verkrüppeltes, gefährliches Scheusal 
werde ich Ihnen vorkommen . 

Währenddessen werde ich in tiefer Anhänglich- 
keit an Sie denken, in ganz tiefer. 

Auf einmal werden wir Beide alt sein, Sie 
später, ich früher, und die Erde wird uns meter- 
hoch bedecken. 

Haben wir unsere Zeit ausgenützt?!? 

167 



Nein. 

Es ist ein merkwürdiges Verhängnis. 

Und alles beruht auf Feigheit. Oft hat man 
nicht den Muth, den Duft ihrer geliebten Achsel- 
höhlen in sich hineinzutrinken! Weshalb?!? Weil 
sie es mißverstehen könnte?!? 

Wäre es denn nicht ihre eigene, jedenfalls 
nicht unsere Verurtheilung? Feig, feig, un- 
wahrhaftig sind wir! 

Lina, verleugnen Sie nie Ihren 
Freund Peter Altenberg unter keiner 
Bedingung!!! 

Thuen Sie es ja nicht!!!! 

P. A. 



Liebe, liebe Lina, 

ich will Ihnen keinerlei Complimente machen. 
Es wäre direkt taktlos — aber Sie haben die 
künstlerische Kraft gehabt, das Leben 
als einen complicirtesten Roman zu lesen mit den 
merkwürdigsten Gestalten und Ergebnissen. 

Sie sind nicht schwach daran geworden und 

i68 



y*i>>4iuJ^ jfM/uJmit- fpt- pH t,. 



Poslkarie an Fraa Lina L, Udo 1913 



^n\ 



kopfhängerisch, sondern wachsen in die unaufhör- 
lichen Wirrnisse des Daseins hinein! Solche 
Frauen müssen schließlich, nach allen, allen Er- 
lebnissen der Seele und des armen Leibes, Stun- 
den finden, in welchen sie meine Bücher lesen mit 
anderen Augen als die übrigen Menschen. Mit an- 
derem Verständnisse. 

Ich habe es gedacht, gefühlt, geschrieben für 
solche Frauen, die wie innere Dichter die Fülle 
des Daseins, Höhen und Schrecknisse, an sich 
selbst zu erleben, zu erleiden die geniale 
Kraft haben!!! 

Aus Verständnis und Mitgefühl habe ich es ge- 
schrieben. Wie ein Papa und ein Bruder und ein 
Arzt. Einfach als Erkennender . 

Wievieler ferner Tage und Ereignisse bedurfte 
es, daß Sie nicht feindselig gegen mich wurden?! 

Ich wartete stumm. 

Und wenn es anders gekommen wäre?!? Hätte 
ich mich reinwaschen können?!? Niemals. 

L. sucht eine Frau, wie ein ^Fieberkranker 
Chinin!!! 

169 



\ 



Das ist sein Fluch und sein Verhängnis. 

Eine Frau muß sein für uns wie der Bergwald, 
etwas, was uns direkt erhöht und freimacht von 
unseren inneren Sklavereien, etwas Exzeptio- 
nelles das uns unwillkürlich zu unseren 
e;Lgenen Höhen milde geleitet wie die Fee 
den armen verirrten Handwerksburschen im 
Märchen. 

Aber L. und die anderen besitzen keinerlei 
innere Wege, die noch zu gehen wären zu 
eigenen Gipfeln. In sich selbst eingesponnen und 
eingekerkert, ist ihnen daher das Mysterium, das 
Räthsel Frauen-Organisation vollkommen 
gleichgültig! Sie wollen sie gut behandeln, damit 
sie in der Nacht ihre Dienste tue. Was sonst in ihr 
sich ereignet anmerkwürdigemLeben und 
Weben ist ihnen gleichgültig, unverständlich, 
störend und vor allem unsympathisch. Vor 
allem hassen diese Feiglinge, die sich fürchten, ihr 
Lust-Objekt zu verlieren, die Frau als selbstän- 
diges, durch Erfahrung und Erlebnisse langsam 
sehend und hörend werdendes Wesen. Sie 



170 



wollen sie in jeder Beziehung nur unter sich 
haben. Ihre sogenannte „gute Behandlung der ge- 
liebten Frau'' ist eine schändliche Machina tion. 

Wie wenn man einer gefangenen Nachtigall 
grüne Büsche um den Käfig stellte, um ihr das 
singen abzuzwingen und sie ihr Höchstes, ihre 
edle Freiheit und Selbständigkeit, vergessen zu 
machen 

L. sagte: „Demütigt sie, werft sie hinaus, ver- 
bannt sie vom Stammtische, damit sie sich von 
Allen, Allen verlassen wisse '' 

Und siehe da, auf dem Ozeandampfer war sie 
gleich wieder die umworbene und umschwärmte 
Königin ! 

Kann man die Mysterien, die aus der undurch- 
dringlichen Welt des Nervus Sympathicus stam- 
men, mit Machtworten vernichten?!? 

Kann man die Anziehungskräfte einer merkwür- 
digen Frau mit aschblonden Haaren, hechtgrauen 
Augen, schwarzen Augenbrauen, ambrafarbiger 
Haut, und mit einer unruhvollen, melancholischen, 
freiheitsbedürftigen, immer eigentlich ungebun- 

171 



denen Seele aus der Welt schaffen durch Tyran- 
nei?I? Niemals! 

P. A. 

Theure Frau, 

nach kurzem Erblühen unserer wirklich wahr- 
haftigen Zusammenhänge ist es nun vorzei- 
tig zu Grunde gegangen. Es tut mir schreck- 
lich leid. Schrecklich leid. 

Aber Sie werden in N. vielleicht einen wert- 
volleren Schwärmer finden, als in P. A. Sicher- 
lich. 

Ein Verhängnis ist über meinem Leben. 

Und niemand hat Güte genug, mit mir nicht zu 
rechten; sondern Alles, Alles zu verstehen! 

Niemand hat es. 

Ich habe genug Güte für Sie, Lina. Deshalb 
verstehe ich Sie und habe Sie lieb! Ja, ich hänge 
an Ihnen! 

Ich acht'e Ihre freie Art, mit diesem Un- 
tier „Mann" (mich mitinbegriffen) tapfer fertig 
zu werden. So oder so, und ich liebe fanatisch ihre 

172 



aschblonden Haare, Ihre ambrafarbige Haut, Ihre 
hechtgrauen Augen. 

Es tut mir schrecklich leid, daß es so zu Ende 
gehen mußte. Es tut mir schrecklich leid. 

Behalten Sie Ihre wunderbare Frisur bei und 
die einfache Art sich zu kleiden 

Lina, Ihr getreuester Freund betet für Sie 
unter Tränen, für Ihr Lebensgltick, heute Nacht. 

Ihr Sie verehrender unglückseliger 

P.A. 



Theure Frau, 

Also ein Friedenshafen öffnet sich Ihrem rast- 
losen Lebens-Schifflein ; angezogen von Ihrer 
my^steriösen Persönlichkeit will ein Edelmann in 
ritterlicher Art Ihrem theuren Leben .dienen und 

helfen . Ich halte ihn für gütig, anhänglich 

und fein. Ferner elegant und vornehm aus- 
sehend . 

Sie haben das Glück, in kurzer Zeit Alles be- 
reits kennen gelernt zu haben, was für andere 
noch eine „ewige Gefahr'* oder den „Reiz der Neu- 

173 



heif' bildet. Unverbraucht sitzen Sie da mit Ihrem 
kindlichen Antlitz, den Anziehungskräften Ihrer 
merkwürdigen Persönlichkeit sich fast wie einem 

Schicksale überantwortend . Die Kraft, 

Sie selbst sein zu wollen, geleitet 
Siel 

Sie haben mir ewig abseits Träumendem dreimal 
eine besondere Freude bereitet. Erstens als Sie 
mir sagten, daß M. für Sie verloren gewesen sei, 
weil er gegen meine Bücher war, also nicht mit- 
konnte mit Ihrer eigenen Welt in Ihnen 

selbst ; zweitens als Sie einmal meine 

Hand an Ihre Lippen drückten; drittens als Sie 
mir sagten, ich sei der einzige Mann, der bei bösem 
Wetter einen Regenschirm wirklich schützend 
und leicht über einer Dame halten könne! 

Und dennoch, was sind alle diese zarten roman- 
tischen Dinge gegen einen langen langen Kuß auf 
Stirne und seidenweiches Haar und Aug und 
Wange?!? Oder wäre es mehr?!? 

Ich werde alt, und glaube es fast nicht 
mehr . 



174 



Oh Lina, Lina . 

Ihr getreuer Freund 

Peter Altenberg 

Liebe Lina, 

Zu ihiem 24. Geburtstag sende ich Ihnen meinen 
Glückwunsch. Er kommt wirklich aus freund- 
schaftlichstem Herzen. 

Wie viel mußten wir erleben, um uns wirk- 
lich kennen zu lernen, so daß eine neue Ent- 
wicklungsstufe dieses Wortes „Freund- 
schaft" zwischen einem Manne und einem Weibe 
durch uns Beide erreicht wurde! 

Wir arbeiten an uns, indem wir das Schicksal 
und das Leben an uns arbeiten lassen! Mit 
dem Wagemuthe des Schwimmers im Ozean haben 
wir bisher den zaghaften Philister erlahmend und 
endgiltige Schicksale sich bereitend zurück- 
gelassen am sicheren, aber öden Strande ! 

Mögen Sie nie abirren von sich selbst, 
theure, zarte Freundin! Werde, der du bist! 

Wenn ich so wie beim letzten Nachtmahle im 



175 



„Löwenbräu" Dir liebes Haupt mit den wunder- 
baren aschblonden Haaren, Ihre hechtgrauen 
Augen, Ihre ambrafarbige Haut betrachte, da 
kommt eine unbeschreibliche Rührung über mich 
bei dem Gedanken, daß Sie mich schon ganz ver- 
leugnet hatten und nun allmählig mir freundschaft- 
lich gesinnt geworden sind! 

Es ist mir wie ein Sieg meines Herzens, meines 
Gehirnes, über die dunklen Mächte des Daseins, 
es ist mir wie ein Sieg Ihres Herzens, Ihres 
Gehirnes! Lina, ich begleite Ihr Leben in tiefster 
Anhänglichkeit. Sie werden das nie ganz begreifen 
können. Ich habe Achtung vor denen, die wie 
Maultiere an Saumpfaden wandeln, an Abgründen, 
unentwegt, ihren Weg, wohin er auch ftihrel 
Amen. 

Peter Altenberg. 

Theure Lina, 
Ihr Schreiben ist mir eine Seelen-Medizin ge- 
worden gegen so manche Ungerechtigkeiten und 
Feigheiten der Anderen. 

176 



Ich werde diesen Brief, was auch sonst Bitteres, 
Leidvolles, sich ereignen möge, stets bei mir 
tragen, ich bin geehrt und stolz, daß Sie mir 
nach so manchen tragischen Mißverständnissen ein 
derartiges Zeugnis aus ganz freier leidenschafts- 
loser Entschließung senden konnten . 

Auf die Minuten erhöhter lichtvollerer 
reinerer Erkenntnis kommt es ausschließlich 
an in dem zum leidenschaftlichen Irrttun verdanrai- 
ten Menschenherzen, nicht auf die Tage und Mo- 
nate, da man sich „vor sich selbst versteckt" und 
die Morphimn-Spritze vergänglicher Erlebnisse an- 
setzt . 

Ich bin gestern und heute erst um 7 Uhr Abends 
erwacht, konnte daher nicht mehr hinausfahren. 
Ich bin ganz verzweifelt über diese meine direkt 
unglückselige Abhängigkeit vom Schlafe. 

Hoffentlich gelingt es mir morgen, ohne ge- 
schlafen zu haben, gleich morgens hinauszufah- 
ren . 

Mögen Sie Ihrem heiligen Briefe nie ungetreu 
werden, aus irgend einem Grunde! Ich bitte 

12 F t i e d e 1 1, Das Altenbergbuch. I y 7 



Sie darum inständigst. Ihr Schritt, den Sie 
mit mir gehen konnten, gehört zu den „Mysterien" 
kommender Entwicklungen. So können nur Men- 
schen schreiten, die befreit sind vom „sich anein- 
ander anhalten"! 

Ihre hechtgrauen Augen, die so unweiblich ins 
Leere starren, sind für mich von belebender An- 
ziehungskraft In diesem Blicke liegt die Unab- 
hängigkeit von der Mann-Sklaverei! 
Und Ihre Haut von edlem Pergament-Materiale ist 
wie gewappnet gegen alle Zerstörungen des Zu- 
falls. Man muß Ihre Haut achten und als Kunst- 
werk lieb haben Lina, für mich sind Sie das 

Opfer der schamlosen Sexualität des 
Mannes, dem nichts heilig und künst- 
lerisch ist, sondern eine Freß-Gelegenheit ! Nie- 
mals hatte man Achtung vor diesen aschblonden 
Haaren, diesen lieblichen Achselhöhlen mit dem 
unbeschreiblich zarten und beglückenden Dufte, 
vor dem Schimmer dieser oft verzweifelten und 
jammernden Augen, vor diesem elfenbeinfarbigen 
Rücken, der in einer edelsten elfenbeinfarbigen 

178 



Rundung endete oder seine Krönung fand, vor die- 
sen glatten polierten Beinen. Niemals wußten sie 
es dem Schicksale in exaltierter Weise zu danken, 
diesen ambrafarbigen Leib langsam in seine 
eigene Extase bringen zu dürfen und das heilige 
Maß ihrer tiefsten Erregung in sich hineintrinken 
zu dürfen! Niemals hatten sie Ehrfurcht 
vor den Extasen der Naturl Die „männ- 
liche Eitelkeit", der „männliche Wollust-Egois- 
mus" siegten über diese mysteriösen und märchen- 
haften Welten, und schaffen diese Dichtung 
„Weib" zu einer Kloake tun für ihre überschüssi- 
gen Säfte . Fluch Ihnen III Ihr P. A. 

Theure Freundin, 
Ich bin sehr sehr leidend, wieder einer meiner 
schweren Nerven-Krisen unterliegend, könnte da- 
her auch ohne diese Constellation, bei der Störung 
Taktlosigkeit ärgster Art wäre, nicht Sie besuchen 

kommen . Bitte, schreiben Sie mir wenige 

Zeilen, wie es um Ihr neues Schicksal steht, dem 
Sie entgegenziehen? I? 

i2« 179 



Dieser Mann ist ein Idealist und ein Deut- 
scher, zwei Grund-Eigenschaften, um eine Frau 
nicht als eine vorübergehende Laune oder ein Be- 
dürfnis seiner niederen Sphären zu betrachten. 

Es wäre tragisch, wenn Sie ihn verlören. Denn 
ich halte ihn für ausgezeichnet, zumal sein Aus- 
spruch, er wolle Sie vor allem ökonomisch be- 
schützen und beschirmen, bereits den ganzen Men- 
schen offen zeigt! ! I 

Bleiben Sie bei alledem Sie, die Sie einmal sind, 
er wird es baldigst erkennen, daß es ungleich 
wertvoller sei, an der Seite einer manchmal ge- 
fahrvollen „Persönlichkeit" zu wandeln als die 
Pfade der vorgeschriebenen „conventioneUen 
Lüge" ! 

Vergessen Sie es andererseits nie, daß er ein 
getreuer deutscher Mann und ein sen- 
timentaler Idealist zugleich ist, der plötz- 
lich durch irgend etwas einen „Knacks" in seinem 
Gefühlsleben erhalten könnte, wo wir „über den 
Dingen Thronenden, Raffinirteren" noch begreifen 
und verzeihen können . 

i8o 



Ich wünsche für Sie friedevolle Zeiten, theure 
Frau, und meine ganze Kenntnis der menschüchen 
Seele steht Ihnen zur Verfügung, falls Sie in be- 
drängte Lagen geriethenl Mein letzter Aphoris- 
mus: „Man muß das Mysterium seiner un- 
bewußten Anziehungskräfte bei dem 
Manne, der einem infolgedessen sein Leben 
weiht, in bewußte Achtung zu verwandeln, 
zu erhöhen den Ehrgeiz haben" 1 ! / 

Dir P. A. 



i8i 



SIEBEN BRIEFE 

AN DEN RECHTSANWALT 

DR. EMIL FRANZOS 



(lkUtM4<^. 



^ 



(19^8.) 
Lieber Herr Dr., die Idee einer „Leibrente" zer- 
martert mein ohnedies von Melancholien zerffes- 
senes GehirnI Wie schauerlich der Gedanke, 
mich, den Korrektesten, mit 60 Jahren plötz- 
lich ökonomisch zu entmündigen, mir die 
freiesteVerfügung über mein Geld zu ent- 
ziehen!?! Weshalb?! Ich könnte sonst das Ka- 
pital schön langsam eingeteilt aufzehren, bes- 
ser, glücklicher leben als bisher, diese letzten 
paar Jahre! Der Gedanke, daß eine Millionen- 
Gesellschaft bei meinem Tode das Ganze ein- 
stecken wird, martert mich. Ich flehe Sie an, 
meine kranken Nerven zu berücksichtigen 
und mir das Gesammelte zur freiesten Verfügung, 
ohne jegliche Kontrolle zu überlassen I Ent- 
mündigung mordet mich! 

Ihr unglückseliger Peter 

Lieber Herr Dr., zur Erläuterung der gestrigen 
J. M. -Sache: Ich habe in meiner Renten- 

185 



Angelegenheit 9 verzweifelte, tief aufrichtige 
Briefe an J. M. geschrieben, und die arme Paula 
einen, der „höchste Menschlichkeit" 
enthielt. Alle diese Schreiben wurden nicht mit 
einer einzigen Zeile, mit keinem münd- 
lichen Worte beantwortet! Das was J. M. 
gestern, nach vielen Wochen, mir in Ihrer 
Gegenwart zuschickte, hätte er mir doch wenig- 
stens nach meinen und Paulas Briefen sofort 
sagen müssen 1 Ich sage nur im Namen der „hei- 
ligen Paula": Pfui, pfui Teufel. 

Ihr Peter Altenberg 



Aus der Mitteilung, er wolle mir zwar keine 
Rente, sondern von Fall zu Fall Summen geben, 
die zusammen 1000 Kronen jährlich ausmachen 
sollten, ist zu ersehen, daß er seine Unterstützungs- 
Art so einrichten will, daß ich ununterbrochen sein 
Verkehr-Kuli, ihm unterworfen und ausgeliefert, 
und in ewiger Unruhe und Aufregung leben müsse, 
vor allem mit meiner Paula kein einsames 

186 



Leben mehr führen dürfe, da ich mich sonst ma- 
teriell schädige! 

Da sage ich nur mit meiner „Heiligen Paula": 
Pfui, pfui Teufel 1 Ihr P. A. 

Bitte diese 2 Seiten als Dokument von 
Freundes- Verrath aufzubewahren! 

(Drei Briefe innerhalb einer Woche,) 

I. 
Verehrter Mann, in der schauerlichen 
Trostlosigkeit meines vollkommen zerstörten 
Nervensystems wende ich mich an Sie, obzwar es 
auf Erden für mich absolut keine Hilfe 
mehr gibt! Der pathologischesteLebens- 
überdruß und ökonomische ewige Todes- 
angst, pathologischeste Menschenscheu 
und das Bewußtsein, dem schrecklichsten 
Ende entgegen zu gehen, das jemals einem u n- 
glückseligen und verdammten und ab- 
solut verlorenen Gehirne beschieden war, 
zwingt mich, verehrter Mann, Ihnen in meiner 
Todesnot einen Gruß zu senden, da ich es 

187 



genau spüre, daß meine Lebensmaschinerie bal- 
digst den Dienst versagen wird ! 1 1 
Herzlichen Gruß Ihrer Frau! 

Ihr verlorener unglückseliger 
Freund Peter Altenberg 

II. 
Verehrter Mann, ich befinde mich am Ende 
meiner äußersten Lebens-Verzweiflung! Es 
gibt keine Errettung mehr, ich esse nicht mehr, ich 
wasche mich nicht mehr, ziehe mich weder aus 
noch an; Elsa Körber ist die letzte, die mich auf- 
sucht. Sonst bin ich sowieso gestorben in jeder 

Beziehung! 

Ihr P.A. 

IIL 
Lieber Freund, ich gehe n i c h t ins Sanatoriiun, 
da ich infolge Weglassung des Paraldehyd 
vollkommen geheilt bin. 
Ihr dankbarster 

Peter Altenberg 
Samstag, 26. Mai 1918. 

188 



(ipi8,) 
Es ist immense Gefahr vorhanden, daß mein 
Bruder aus unverstandener Bruderliebe 
irgend etwas gegen meine „bürgerliche Freiheit" 
unternimmt! Gerade jetzt! Ich wünsche unter 
allen Bedingungen mein mir vom Schicksal 
vorgeschriebenes Dasein zu Ende zu führen! Ich 
fordere Sie als meinen Freund und Vertreter drin- 
gendst auf, alles gegen meine persönliche 
Freiheit (ich bin der Autor von „Vita ipsa", 
7 Auflagen seit wenigen Monaten) Gerichtete ener- 
gisch zu hintertreiben, da ich zwar schwer ner- 
venkrank, aber durchaus nicht in die Hände 
von verständnislosesten Meuchelmördern, von 
Seiten der blöd-vorurteilsvollen Bourgeoisie 
auszuliefern bin! Ich verlange meine abso- 
lute persönliche Freiheit, auf eigenste Gefahr ! 
Ich bitte mich zu e r r e t (e n ! Mein Bruder wohnt 
IX. Nußdorf erstraße i o. Bureau : Wipplingerstraße24. 
Ich wünsche auf meine Art allein zu Grund zu 
gehen, da mirdie Art aller Anderen nicht imponiert! 
Ihr Sie verehrender Peter Altenberg 

189 



An Frau Lotte Franzos. 
Hochverehrte Frau, habe soeben, in meiner 
Todes -Noth, 8 Morgens 1918, 13. Dezember 
erst Ihren tief freundschaftlichen Brief 
gelesen 1 Ich bin verloren, aus eigener 
Schuld! Aber ist „Spanische Grippe" ärger, die 
die 22-jährige Schiele, den 25-jährigen Schiele, den 
30- jährigen Otto Landeke hinwegraffte?!? Ich gehe 
an mir selbst zugrunde! Rettung wäre 
nur ein Mäzen mit für mich verhältnis- 
mäßig unbeschränkten Geldmitteln, da ich sonst 
im eigenen Abgrunde versinken muß! Aber ein 
Solcher hat sich bisher schauerlicher- 
weise, merkwürdigerweise, noch nie- 
mals dagewesener Weise, eben nicht ge- 
funden ! Man müßte mir eine Summe zur Ver- 
fügung stellen, mit der ich mich allein, 
ohne Mithilfe der verständnislosen Idioten (in 
Bezug auf meine vollkommen exzentrische 
Persönlichkeit) wieder aus meinem eigenen 
Abgrunde, den ich genauestens kenne, 
herausrette! Helfen Sie u. Ihr Mann mir dazu! 



190 



Ein „Sanatorium" ist direkt ein Mord, nein ein 
Meuchelmord, da diese verbrecheri- 
schen Idioten von meiner exzentrischen Or- 
ganisation nicht die geringste Ahnung haben kön- 
nen, und einen Menschen wie mich mit ihrer b e- 
quem-schamlosen Schablone ermordenl 

Nur Geld, das man mir zu meiner Eigen- 
Rettung zur Verfügung stellt, kann mich noch 
aus meinem eigenen Abgrunde erretten ! Helfen 
Sie mir!!! 

Peter Altenberg 



191 



Q 



FELIX SALTEN: 
PETER ALTENBERG 

(Federzeichnung nach dem Lehen,) 



13 F r i e d e 1 1, Das Altenbergbuch. 



Ist es nicht merkwürdig, wie er so an der Peri- 
pherie des Alltags dahinwandelt, an den äuße- 
ren Rändern des bürgerlichen Lebens? Dirnen- 
lokale, Freudenhäuser, Boheme-Spelunken, Vari6- 
t(§s, Kabaretts. Bei Menschen, die der brutalen 
Neugierde, der stumpfen Lustbarkeit, dem gedan- 
kenlosen Vergnügen der Satten dienen. Bei Men- 
schen, die aufgebraucht, genossen, verachtet wer- 
den und die er anbetet. Dort schwelgt er in sub- 
tilen Wonnen, vergeht in Anfällen feiner und zärt- 
licher Verzweiflung. Dort waren die moskowiti- 
schen Sänger von der Newsky-Russotine-Truppe, 
denen er seine Seele hingab, dort war die spani- 
sche Tänzerin Carmen Aguileras, der er gleich- 
falls seine Seele hingab, das Aschanti-Mädchen 
Nah Bädüh, an das er ebenfalls seine Seele hingab, 
dann die Schwestern Nagel, welche wienerische 
Lieder singen, dann die Leopoldine, die Gusti, die 
Anna, die Helene, die Gabriele, denen er immer 
wieder und wieder seine Seele hingegeben hat. 
In die tobende Musik, in den Bierdunst, in das 
Gläserklirren, Kreischen, Lachen und Lärmen 

13* 195 



eines Nachtcaf 6s tritt er ein, geht mit seinen sanften 
Schritten und mit seinem sanften Lächeki durch 
den Tumult, und der Reihe nach grüßen ihn zehn, 
zwölf, zwanzig Mädchen. „Servus Altenberg! . . . 
O, Peter — wie geht's dir? . . ." Sie grüßen ihn 
nicht wie einen Habitu6, sondern wie einen 
Freund, oder richtiger, wie man in einem Verein 
etwa ein Ehrenmitglied begrüßt. Vertraulich und 
hochachtungsvoll. Vertraulich, weil er ja dazu- 
gehört, und hochachtungsvoll, weil es ein Ehren- 
mitglied ist. 

Man steht mit ihm an einer Straßenecke. Graben 
oder Kärntnerstraße. Spät nachts. Er disputiert, 
regt sich auf, schreit. Die Kutscher vom Standplatz 
hören zu, treten näher heran, bilden einen Kreis, 
lächeln. Dann sagt einer von ihnen mit tiefem 
Baß: „Hab' die Ehre, Herr von Altenberg..." 
Um sich vor uns damit auszuzeichnen, daß er ihn 
kennt. Die anderen wiederholen es, intim und 
respektvoll. Es ist beinahe eine Ovation. Der 
Schutzmann kommt herbei, weü er glaubt, es gäbe 
einen Auflauf. Seine Mienen sagen: ach soo ... Er 

196 



lächelt, salutiert: „Hab' die Ehre, Herr von Alten- 
berg." 

Drei Uhr früh am Hof, wo die Marktweiber 
sitzen, Gemüse und Blumen verkaufen. Er geht 
mitten in dem Gewühl umher, atmet den Duft von 
Erdbeeren, Reseda, Levkoien, von Spinatblättem, 
Artischocken, Zuckererbsen; den Geruch des auf- 
gehenden Tages und des frischbesprengten 
Straßenstaubes; sucht mit den Augen, liebkost mit 
den Augen die taufeuchten Blumen, die axifgetürm^ 
ten grünen Gemüseberge und die hübschen Töchter 
der Marktweiber, die vierzehn- und fünfzehn- 
jährigen. Die Mütter und die Töchter nicken ihm 
zu: „Grüaß Ihna God, Herr von Altenberg..." 

Peter Altenberg erwünscht es sich, daß 
die Seele des Menschen an Terrain gewinne. 
Er hat das selbst einmal geschrieben, und es 
drückt sein Wesen vortrefflich aus. 

Ich lese, was ihm eine von den Spanierinnen 
einmal gesagt hat; eine Sängerin oder Tänzerin, 
vielleicht auch nur eine, die durch die American 
Bars und Chantant-Promenoirs von Europa zigeu- 

197 



nert, jedenfalls eine von den vielen, denen er seine 
Seele hingegeben hat: „Votre lettre . . je com- 
prends, que vous me comprenez . . c'est tout ce 
qu'il nous faut.. c'est plusl" 

Ich lese, wie er zusammen mit dem Pudel der 
Geliebten im Kaffeehaus die Geliebte erwartet, 
die aus dem Theater kommen soll: „Der Pudel 
setzte sich so, daß er die Eingangstür im Auge be- 
halten konnte, und ich hielt es für sehr zweckmäßig, 
wenn auch ein wenig übertrieben, denn bitte, es 
war halb acht Uhr, und wir hatten bis viertel zwölf 
zu warten. Wir saßen da und warteten. Jeder vor- 
überrauschende Wagen erweckte in ihm Hoff- 
nungen, und ich sagte jedesmal zu ihm: ,Es ist 
nicht möglich, sie kann es noch nicht sein, bedenke 
doch, es ist nicht möglich!' Er war direkt krank 
vor Sehnsucht, wandte den Kopf nach mir um: 
,Kommt sie oder kommt sie nicht?!* — ,Sie kommt, 
sie kommt . . .' erwiderte ich. Einmal gab er den 
Posten auf, kam zu mir heran, legte die Pfoten auf 
meine Knie, und ich küßte ihn. Wie wenn er zu 
mir sagte: ,Sage mir doch die Wahrheit, ich kann 

198 



alles hören!' Um zehn Uhr begann er zu jammern. 
Da sagte ich zu ihm: Ja, glaubst du, mein Lieber, 
daß mir nicht bange ist?! Man muß sich beherr- 
schen!' Er hielt nichts auf Beherrschung und jam- 
merte..!" 

Ich lese das Hotelzimmer: „Um drei Uhr mor- 
gens begannen die Vögel leise zu piepsen, andeu- 
tungsweise. Meine Sorgen wuchsen und wuchsen. 
Es begann im Gehirn wie mit einem rollenden 
Steinchen, riß alle Hoffnungsfreudigkeit mit, die 
Lebensleichtigkeiten, wurde zur zerstörenden La- 
wine, begrub die Fähigkeit, dem Tag zu gentigen, 
und der unerbittlichen gebieterischen Stunde! Ein 
lauer Sturm brauste in den Baumwipfeln vor mei- 
nem Fenster...!" Und dann der Schluß: „Das 
Singen der Vögel in den Baumkronen wird deut- 
licher, Ansätze zu Melodien sind vorhanden. Laue 
Stürme bringen Wiesengeruch. Es wäre die schick- 
lichste Stunde, sich am Fensterkreuze aufzuhän- 
gen ..." 

Ich lese die kleine Dichtung von den Märschen: 
„Es gibt drei Märsche, die in Musik umgewandelte 

199 



Todesktihnheit und Blutdunst sind: Lorraine- 
marsch, Stemenbannermarsch, Einzug der Gladia- 
toren. Sie müssen mit einer kurzen und schreck- 
lichen Entschlossenheit gespielt werden ! Die 

Instnmiente mögen direkt in den Tod gehen. Be- 
sonders kleine Trommel und Klarinette seien Hel- 
den 1 Sterben fürs Vaterland 1 Ex! Man muß die 
Bataillone gleichsam sehen, die den Selbsterhal- 
tungstrieb hinter sich zurücklassen! Vor, vor, vor! 
Eine schreckliche Krankheit hat das Gehirn, das 
Nervensystem ergriffen: „Du oder ich, Hund! 
Sonst nichts!" 
Dann aus dem Tagebuch eines Großvaters: 

„Also Arterienverkalkung höchsten Grades . 

Die junge Frau wird leben, leben, die zu mir ge- 
sagt hat: ,Ich glaube nicht, daß mein Erscheinen 

jemanden so glücklich gemacht hat wie Sie!* 

Die Bergwiesen in R. werden duften und leuchten, 
besonders nach Regen am Abend. Niemals ist je- 
mand so begeistert vor ihnen gestanden wie ich. 
Enkelin, süße, bescheidene, allzu zarte, ver- 
legene, in dich gekehrte, immer spürtest du es: 

200 



jMein Großpapa versteht mich besser als alle — J 
Ich möchte dich anflehen aus dem Grabe: , Warte 
auf einen, der dich so, so verstünde wie dein ver- 
storbener Großvater I Aber du wirst ihn nicht er- 
warten können/ Amen Arterien- 
verkalkung höchsten Grades Lebet wohl!" 

Das ist das Caf6 de TOpera im Prater: „Jawohl, 
eine eigentümliche Beziehung ist zwischen diesen 
Dingen: Herr, Dame; Mandolinengezirpe, Birke, 
Platane, Esche; weiße Bogenlampe und kühler 
Auen Nachtduft. Etwas abseits vom Leben ist es. 
Es schleicht nicht dahin wie Brackwasser. Eine 
wundervolle Mischung ist es, welche uns heiter 
macht und leicht. So unbedenklich sitze ich und 
lausche. Niemanden beneide ich. Eine Rose kaufe 
ich und schenke sie Signorina Maria. Eine wun- 
dervolle Zigarette zünde ich mir an. Wie lieblich 
die Mandolinen gebaut sind wie hohle tönende 
Birnen! Wie die Birkenblätter glitzern. Wie ruhig 
die Platane steht. Und wie die Esche mit ihren 
zarten Blätterfingem bebt." 

Ich lese all diese kleinen Werke, diese kleinen 

201 



Predigten, Ansprachen und Dichtungen. Manche 
sind wie stählerne Projektile, so fest in sich ge- 
schlossen, so vollendet und präzise in ihrer Form; 
und sie dringen einem wie Projektile in die Brust; 
man ist getroffen und blutet an Ihnen. Manche 
sind wie Kristalle und Edelsteine, funkelnd in 
allen farbigen Reflexen des farbigen Lebenslichtes, 
strahlend von eingefangenen Sonnenstrahlen und 
blitzend von einem geheimnisvollen inneren 
Feuer. Manche sind wie reife Früchte, warm vom 
Hauch des Sommers, schwellend; und stiß, und 
voll Duft nach Laub und Gärten. Ich lese alle 
diese kleinen Werke, und sie sind entzückend in 
dem Rhythmus ihrer Sprache, in ihrem Tempo, 
in ihren gleichsam mit einer heftigen Gebärde hin- 
geschleuderten Satzformen, die so viel Plastik 
haben und so viel malerische Kraft. Diese Sprache 
ist wunderbar persönlich und erinnert an keine 
andere. Nur hie und da, ganz leise, mahnt irgend- 
ein Klang an den Sprechton von Andersen. Und 
wenn man es weiß, daß Altenbergs Vater für 
Victor Hugo geschwärmt und die französische 

« 

202 



Kultur fanatisch geliebt hat, aber nur wenn man 
das weiß, merkt man, daß die Jugend dieses Dich- 
ters oft den Schwung und das graziöse Pathos fran- 
zösischer Konversationskünste gehört hat, und daß 
davon ein schwaches Echo in seiner Rhetorik 
vernehmlich wird. Sonst aber erinnert diese 
Sprache an nichts. Wenn er sagt: „Sterben fürs 
Vaterlandl Ex" . . . wenn er sagt: „so ist esl 
Schweige, Rekrut des Lebens!" . . oder: „Bastal 
Wozu Ereignisse?" . . oder: „Siehe I Diese Herr- 
liche, Jugendliche, in purpurrotem Samt hat ihr 
Sedan in sich. Sie wird sich verfetten! 

Helas "; wenn er dies sagt, dann ist das wie 

lauter kleine neue Erfindungen, die er gemacht 
hat. Es ist, als ob man ihn reden hörte ; als sprän- 
gen diese Ausrufe, diese verkapselten federnden, 
abschnappenden, pointierten Schlußwendungen 
unmittelbar aus der Hast und Aufregung seines 
Denkens und seines Temperaments. In seiner 
Form ist etwas Zwingendes; diese scheinbar 
asthmatische Beredsamkeit, dieses Klopfen aller 
Pulsadern in seiner Prosa, diese kurze schnalzende 

203 



Prägnanz wirkt verführerisch und lockt zur Kopie. 
Aber er allein nennt diese Echtheit sein eigen. 
Er hat vor sein erstes Buch das Motto gesetzt: 
„Mon verre nest pas grand, mais je bois dans 
mon verre I" Mit der Zeit trinken freilich auch 
manche andere aus diesem Glas. Aber das macht 
nichts. 

Er wählte dieses Motto von Alfred de Musset, 
als er anfing. Damals war er etwa dreißig Jahre 
alt und reif und fertig. Er ist nicht anders gewor- 
den seither, und was man künstlerische Entwick- 
lung nennt, liegt nicht in seinem Wesen. Er wird 
niemals ein großes Werk schaffen, langsam kom- 
ponieren und bauen, wird niemals die Fäden 
irgend einer Handlung spinnen, knüpfen und lösen, 
niemals in seiner Phantasie Gestalten und Schick- 
sale erschaffen. Denn er trägt nicht wie andere 
Künstler einen Teil des Lebens, ein Stück — einen 
„Fetzen", würde er sagen — mit sich nach Hause, 
reißt nicht irgend ein Stück aus dem Leben, um 
es bei sich zu verarbeiten, mn es zu verändern, 
zu erhöhen und sein ganzes Ich darein zu weben. 

204 



Er sieht das Leben wie ein einziges, furchtbares 
und herrliches Schauspiel vor sich abrollen und 
hat keine Zeit, etwas zu versäumen, indem er sich 
mit sich selbst und mit einem Werk einschlösse. 
Er ist von diesem Schauspiel in solchem Maße 
erschüttert, gefesselt, berauscht, daß er keinen 
Moment vom Platze weicht. Ihm enthüllt sich die 
Tiefe der Welt in Worten, die Vorübergehende 
sprechen, in dem Auflachen oder im Erbleichen 
einer Dirne. Ihm öffnen sich die schwarzen Ab- 
gründe der Tragik im Seufzer eines enttäuschten 
Jünglings, in dem Blick, den eine gealterte Frau 
auf eine erblühende richtet. Er sagt: „Gold- 
gelber, wunderbarer Chinatee", und empfindet 
unermeßliche Fernen, exotische Landschaften, 
unermeßliche Möglichkeiten des Daseins. Er wird 
andächtig und ergriffen von dem rosigen gesunden 
Körper eines Kindes, erbebt vor den hellen un- 
beirrten Augen einer Dreizehnjährigen als vor 
etwas Göttlichem. Es ist seine innerste Notwendig- 
keit, daß er dann diese kurzen Briefe an das Leben 
richtet. Manchmal -Anerkennungsschreiben, die 

205 



von seinem Entzücken auf eine rührende Weise 
ganz durchtränkt sind, manchmal wieder Schmäh- 
briefe, in denen ein erstickender Zorn ins Stam- 
meln gerät. Er wird immer nur diese kleinen 
Prosastücke schreiben, und die folgenden Bücher, 
die er noch erscheinen lassen mag, werden auch 
nichts anderes enthalten. Aber unter ihnen sind 
viele kleine Meisterwerke. In diesen wohnt eine 
ungemeine Flugkraft, und sie werden ihn über 
die Jahre hinwegtragen zu Generationen, die erst 
noch kommen. Denn Altenberg besitzt eine wun- 
derbare Macht. Während andere mit der Gewalt 
eines langen Atems Werke schreiben, die man 
morgen schon vergessen hat, kann er mit seinem 
kurzen Atem Dinge sagen, die eifach unvergeß- 
lich sind. 

Er sitzt in den Dirnenlokalen, in den Freuden- 
häusern, in den Vari6t6s, in den Boheme-Caf^s 
und erwünscht es sich, daß die Seele des Menschen 
an Terrain gewinne. Es sind seine eigenen Worte. 
Freilich ist das der Wunsch so ziemlich aller 
Dichter, nebenbei auch aller Priester. Die Dichter 

206 



betonen es nur nicht immer ausdrücklich, streben 
bloß, bewußt oder unbewußt, danach, zur Errei- 
chung dieses Zieles etwas beizutragen. Die Prie- 
ster wieder predigen und verkünden es unaufhör- 
lich und wissen Rezepte, die unfehlbar dazu ver- 
helfen, daß die Seele an Terrain gewinne. Alten- 
berg tut beides. Er predigt, und er dichtet; er 
gibt Rezepte, er tiberredet und schreit das Leben 
an, kanzelt es ab wie ein Priester und wirft sich 
ihm dann wieder bedingungslos, fassungslos, über- 
wältigt in die Arme wie ein Künstler. 

Er sieht eine Akrobatin, einen Fechter, eine 
junge Tänzerin voll Verve in jeder Bewegung oder 
einen Collie von echter Rasse oder ein Tiffany- 
Glas oder eine frische Wiesenblume und ruft mit 
geschnürter Stimme, zitternd vor Begeisterung: 
„Das ist das Höchste! Das Hö—ö— ochste !!" In 
dieser Sekunde ist es ihm wirklich das Höchste. 
Als habe das Leben eine neue Überraschung, 
irgend eine neue Aufmerksamkeit für Altenberg 
bereitgehalten, habe ihm diese Gabe plötzlich dar- 
gereicht, um ihn zu entzücken, und als sei er nun 

207 



fürstlich beschenkt, als sei er vor allen anderen 
begnadet. Es ist aber auch, als umfasse er in dieser 
einen Sekunde wiederum den ganzen Reichtum 
des Daseins. 

Er sieht eine Frau, und in diesem Augenblick 
ist sie die einzige, an die er seine Seele hingibt. 
„Ich habe das Antlitz gesehen", sagt er. Jedes 
andere Antlitz verlöscht in ihm, versinkt und es 
existiert nur dieses eine. Dieses ist ihm für jetzt 
die Erfüllung seines Traumes von Frauenschön- 
heit; dieses ist ihm für jetzt die höchste Meister- 
leistung der schaffenden Natur und ist ihm ein An- 
laß, wiederum ein lobendes Schreiben, einen 
enthusiastischen Dankbrief an das Leben zu 
richten. Er hat seine Seele oft nur für wenige 
Tage, oft nur für eine halbe Stunde hingegeben, 
aber stets ohne Vorbehalt, und als täte er es zum 
erstenmal. 

Er sitzt bei den jungen Männern, die sich Mäd- 
chen kaufen, und sagt ihnen: „Glaubt nicht, daß 
ihr jetzt Rechte über dieses Geschöpf habt! Be- 
achtet, wie herrlich schön dieses Mädchen ist. 

208 



Nehmt sie nicht im brutalen Heißhunger eurer 
Sinne. Nehmt sie nicht so, daß ihr dabei die freche 
Gesinnung hegt, ihr werdet durch die besudelt. 
Beachtet ihre Traurigkeit und ihre Heiterkeit; 
beachtet ihr Schicksal. Seid nicht wie Tiere!" Die 
jungen Leute denken bei sich: er ist verrückt! 
Aber sie schlagen einen anderen Ton gegen die 
Mädchen an. Die Seele des Menschen hat an Ter- 
rain gewonnen. 

Viele junge Männer drängen sich zu ihm; viele 
ältere sitzen an seinem Tisch und hören ihm zu. 
Viele haben sich im Laufe der Jahre nachein- 
ander seiner bemächtigt, haben ihn nicht losge- 
lassen, konnten nicht existieren ohne seinen Zu- 
spruch, ohne seine milden Reden, ohne seine 
Wutanfälle und tobenden Beschimpfungen. Ver- 
wöhnte Frauen, sehnsüchtige Mädchen langen über 
seine Bücher und über gesellschaftlichen Zwang 
hinweg nach ihm, begehren seine persönliche 
Nähe, seine Worte, spüren an ihm eine unbekannte 
neue Zärtlichkeit, eine wunschlose Anbetung, 
irgend eine Befreiung, irgend ein Labsal oder eine 

14 Frieden, Das Altenbcrgbuch. 209 



Aufklärung. Die Leute in den Nachtlokalen, die 
Freudenmädchen, die stumpfsinnigen Trinker und 
Genießer, die Kellner, die Kutscher, die Schutz- 
männer, die Wirte, alle sprechen mit ihm. Er sagt 
ihnen: „Htitet eure Verdauung! Habet Ehrfurcht 
vor eurem Schlaf 1" Er sagt ihnen: „Die einzige 
Perversität, die es gibt, ist, seine- Lebensenergien 
zu schwächen und zu vermindern!" Alle diese 
Menschen verstehen ihn natürlich nicht, aber sie 
verstehen, daß er sie irgendwie liebt, daß er Güte 
für sie hat, und sie lieben ihn auch. Sie lächeln, 
wenn er seine langen Reden hält, sie blinzeln 
einander an, sie zucken die Achseln, aber sie 
lassen nicht ab, ihm zuzuhören, sie kommen nicht 
los von ihm. Wie das Grubenpferd in „Germinal" 
das andere eben von den Wiesen ins Bergwerk 
hinuntergelassene junge Tier beschnuppert und 
an seinem frischen Geruch die freie Luft und die 
Sonne ahnt, so wittern diese Leute, die im Alkohol- 
dampf, im Lärm, in der Nachtmusik, im Rausch 
und Dunst ihrer Welt eingeschlossen sind, an ihm 
etwas von der Unschuld, die ihnen verlorenging, 

2IO 



wittern an ihm die Poesie, die sie nicht mehr 
kennen, und freuen sich, wenn er kommt, und 
grüßen ihn, wenn er geht. 

Er ist in dieser Welt etwa wie der Pilger Luka 
in „Nachtasyl" oder wie in „Macht der Finster- 
nis" der alte Akim. Er ist hier heimisch und kommt 
doch von wo anders her. Er wurzelt hier, und 
doch brennt in ihm eine Flamme, die nicht an 
diesen Lichtem hier unten entzündet worden ist. 
Er ist unter all den Erwachsenen und Beladenen 
und vom Dasein Entstellten vollkommen wie ein 
Kind. Seine Freunde, die ihn begreifen, schauen 
einander an und lächeln, wenn sie ihn wie ein 
Kind gegen das Leben eifern und streiten hören; 
und sie lächeln noch einmal, wenn sie merken, 
wie vielfältig er doch wieder den Wirklichkeiten 
dieses Lebens verstrickt ist und wie naiv er sich 
seiner bedient. Die breite Menge der Gebildeten 
ergötzt sich an seiner wunderlichen Erscheinung, 
verspottet seine kleinen Meisterwerke, hält ihn 
für verrückt oder für einen, der sich zum Narren 
hergibt, wohl auch für gemeingefährlich, jeden- 

14* 211 



falls für sehr verkommen. Im Kabarett Fleder- 
maus erzählt Dr. Egon Friedell Altenberg-Anek- 
doten. So oft er beginnt: „Es ist mir beschieden, im 
Leben des Dichters Altenberg dieselbe Rolle zu 
spielen, die Eckermann im Leben Goethes gespielt 

« 

hat", brüllt das Publikum und meint, damit sei 
nun Altenberg gebührend verhöhnt worden. Es 
gilt ihnen schon als ein Witz, daß der Dr. Friedell 
sagt: „Der Dichter Altenberg. Denn sie meinen, es 
sei im Ernst ganz unmöglich, ihn einen Dichter 
zu nennen." Sie brüllen auch zu den Anekdoten 
und ahnen nicht, wie glänzend diese erfunden 
sind. Die stürmische Heiterkeit, welche Dr. Frie- 
dell mit seinen Altenberg-Geschichten immer er- 
regt, ist gewissermaßen eine falsche, eine miß- 
verständliche Heiterkeit. Denn die Leute ver- 
stehen nicht, wie der ganze Wert dieser ausge- 
zeichneten kleinen Geschichten nur darin besteht, 
daß aus ihnen die rührende und einzigartige Ge- 
stalt Altenbergs mit einem klaren ungemein psy- 
chologischen Humor beleuchtet und manchmal 
verklärt wird. Die Leute sehen ihn von weitem. 

212 



Sie sehen seine Werke aus der Entfernung ihres 
bürgerlichen und an vermorschte Wahrheiten ge- 
klammerten Standpunktes, genau so wie sie seine 
Person nur von weitem sehen, wenn er zufällig 
auf der Straße an ihnen vorbeigeht, oder wenn 
er eben im Saale ist, während Dr. Friedeil von ihm 
spricht. Sie meinen dann ja auch, nachdem sie ihn 
begafft haben, er sähe wüst aus, vernachlässigt 
und beinahe zerlumpt. Und wissen nicht, mit 
welcher Sorgfalt diese weiche, den Körper kaum 
beschwerende Kleidung ausgewählt ist; wissen 
nicht, was für ein gepflegtes, weißes durchleuch- 
tetes Antlitz er hat, was für feine beseelte Züge, 
was für schöne strahlende Augen; sie wissen 
nicht, daß er die schmälsten vornehmsten Alaba- 
sterhände hat, und daß seine Stimme sanft und 
gesanglich klingt und edel. 

Ist es nicht merkwürdig, wie er so an der Peri- 
pherie des Alltags dahinwandelt, am äußern Rand 
des bürgerlichen Lebens, an den Grenzlinien, wo 
das Wohlgeordnete sich löst, wo viele Dinge, die 
sonst als unumstößlich gelten, zweifelhaft werden! 

213 



Er ist in diesem heutigen Wien eine der inter- 
essantesten, subtilsten und ergreifendsten Exi- 
stenzen, ist für alle Wissenden in Europa ein ge- 
liebter, bewunderter Dichter, in dem großen gei- 
stigen Orchester ein Instrument, dessen besonderer 
Klang durchdringend und aus tausend Stimmen 
kenntlich bleibt . . . und für das Amüsierpublikum 
vom Maxim, vom Caf6 Central und vom Kabarett 
Fledermaus eine Kuriosität, ein ridiküles Schau- 
stück neugierigen Bürgersleuten. Eines Tages aber 
wird man Altenberg-Erinnerungen schreiben und 
Altenberg-Biographien. Die dann diese Bücher 
lesen, werden glauben, ganz Wien habe dieses 
Original verstanden, verehrt und gefeiert, und sie 
werden sagen: Schade, daß wir ihn nicht mehr 
gekannt haben, wir hätten ihn ebenso gefeiert 
und verehrt. Eines Tages wird jemand beweisen, 
daß draußen, an den äußeren Rändern des Alltags, 
durch das Wirken Altenbergs die Seele des Men- 
schen an Terrain gewonnen habe. Dieser Beweis 
wird gelingen, weil es einfach wahr ist. Nur heute 
würde das niemand glauben wollen. 

214 



HERBERT EULENBERG: 

WAS ICH VON 

PETER ALTENBERG 

WEISS 



Ich entsinne mich noch ganz genau, wie ich Peter 
Altenberg zuerst kennen lernte. Die Begeg- 
nung mit solch einem ungewöhnlichen Menschen 
vergißt man nicht. Es war in einem unterirdischen 
Vergnügungsraume in Wien. „Kabarett" nennt man 
solch ein „Etablissement". In der Nähe des Gra- 
bens war es und „Casino de Paris" hieß die Stätte. 
Ich erinnere mich noch, daß ich Altenberg in der 
Nacht vorschlug, warum man eine solche Höhle 
nicht an der Donau „Metternich-Keller" oder 
„Gentz-Saal" nach dem berüchtigten weibertollen, 
leichtsinnigen Zeitschriftsteller oder „Zum Für- 
sten von Ligne" nach dem sprühenden, ritter- 
lichen Schwadroneur aus den Tagen des Wiener 
Kongresses benennen sollte. Er, Altenberg natür- 
lich, „Peter", wie ihn seine Freunde riefen, saß 
an einem Tisch, der mit meist leeren Sektflaschen 
beladen war. Aus etwas vom Trinken und Rau- 
chen klein gewordenen Äuglein schaute er den 
Tänzerinnen zu. Vor ihm lag ein dicker Knoten- 
stock, was mir gleich besonders auffiel. Denn an 
solche Orte der Lustbarkeit pflegen die Menschen 

217 



in der Regel nicht solche Knütter mitzuschleppen. 
Er stand auf, als ich zu ihm herantrat. Weniger 
meines Namens wegen, wie es mir schien, als weil 
er hörte, daß ich vom Rhein käme. Irgend etwas 
in diesem geborenen Wiener schlug gleich eine 
Brücke und Verbindung zu jenem Strom, den man 
in Österreich wie die Hauptader Deutschlands 
liebt. Ich setzte mich zu ihm an seinen Tisch. 
Wir unterhielten uns kurze Zeit. Fast nur über 
Kunst. Wie man damals, es war drei oder gar 
vier Jahre vor dem grauenhaften Krieg, zu plau- 
dern liebte. Hernach wurden wir durch andere 
Bekannte voneinander getrennt. Ich merkte bald, 
manche kamen hieher, nur um Altenberg zu 
sehen und zu sprechen. Er war so etwas wie eine 
Seltsamkeit Wiens, ein Wundertier, das man be- 
trachtete und bestaunte. Er ließ es sich menschen- 
freundlich gefallen. Ein Freund von ihm, der 
neben ihn gerückt war, begann ihm ein paar neue 
Witze und Zoten zu erzählen. Nie in meinem Leben 
hab' ich einen Menschen so lachen sehen wie 
Peter Altenberg. Er hielt sich die Schläfen fest, 

218 



damit ihm nicht die Stirnadern wie schwache 
Stricke zerplatzten. Als er sich so krümmte vor 
Lachen und seinen geröteten hohen Kopf mit den 
dünnen Haaren stützte, fiel mir seine Ähnlichkeit 
mit Verlaine auf. Auch innerlich glich er jenem 
großen Dichterkind, wie Anatole France es in 
seinem Roman „Le lys rouge" geschildert hat. 

Ich weiß noch gut, wie Peter im Laufe des 
Abends, als der Sekt an seinem Tisch zur Neige 
ging, sich zu mir wandte und mich bat, die noch 
mehr als halb volle Sektflasche vom Tisch der 
Nachbarn, die sich soeben erhoben hatten, her- 
überzuholen. Als ich ihm lächelnd diesen Liebes- 
dienst abschlug, sagte er einfach ganz seelenruhig: 
„Ach so! Sie tun so etwas nicht 1'' und ließ sich 
weiter Spaße erzählen. Selber hütete er sich frei- 
lich auch, die fremde Flasche herüberzustibitzen. 
Irgend etwas hinderte und hemmte eine scflche 
Zigeunerei bei ihm gleichfalls. Man stammt nun 
einmal aus einem guten, anständigen Bürgerhaus, 
wie unsere Eltern sagten. 

Später bekam ich noch einmal eine Karte von • 

219 



ihm. Voll Anerkennung über mein Schattenbild 
von Mozart. Sie begann echt Altenbergisch: „Weil 
ich doch sonst immer alles verreiße, freue ich mich, 
wenn ich dies einmal, wie in diesem Falle, nicht 
zu tun brauche." Ich habe die Karte lange ver- 
wahrt und war stolzer darauf als auf einen Orden, 
den mir irgend ein Dutzendfürst verliehen hätte. 
Sein seltenes Dichterlob war mir lieber. Wie 
schön sagt P. A. von der Westminster Abtei: 
„Hier ruhen Shakespeare — und die anderen 
Könige von England." 

Das sind meine persönlichen Erinnerungen an 
Peter Altenberg. Oft, wenn ich mich gut zer- 
streuen will, hole ich mir seine Bücher hervor. 
Insbesondere jenes sein erstes und mir liebstes: 
„Wie ich es sehe". Und dann weiß ich gar nicht 
mehr, ob er schon tot ist oder noch lebt. Das ist 
ja dann auch ganz gleichgültig. Mir ist er nicht 
gestorben. 



220 



GEORG KAISER: 
„WIE ICH ES SEHE" 



Tyyrie ich es sehe" wird gültige Formel für 
„ W Schöpfertum. 

Schöpfertum ist Verwandlung der Ansicht des 
Urteils — sich erstreckend, sich ausweitend ins: 
„Wie wir es sehen* ^ 

Vor Peter Altenberg war dieser Blick nicht 
getan — heute sind alle Augen dahin offen. 

Was sieht Peter Altenberg — aus dem Wie 
ein Was schaffend? Kleine Welt von Zärtlich- 
keiten? Matte Mittage — blinzelnd? Nur nebenhin 
Wichtiges? Viertelstündliches? — 

Große Gerechtigkeit brennt in Peter Altenberg 
auf. Volles Auge zielt ins Herz der Schwachen. 
Hand straffte Schlag ins Gesicht dem Nutznießer 
der Schwäche des Herzens. 

Neue Schwäche — Verletzbarkeit am Mitmen- 
schen stellt Peter Altenberg fest. Neue Schonung 
befiehlt sein dichtendes Wort. Entsetzen und Auf- 
ruf formt die Rede dieses Dichters — vor seinem 
besonderen Gegenstand benötigte Verteidigung der 
besondere Laut seines Plädoyers. Es ist Lieb- 
kosung und einer Handfläche Sanftheit über das 

223 



Haarwehen eines Kindes — und Schrei wie in 
jener Notiz über die Memoiren des Grafen Lava- 
lette, die mich zur Formung des „Frauenopfers" 
bestimmte. 
Dank an Peter Altenberg! 



224 



DREI BRIEFE 
AN HUGO SALUS 



• • 



Über Peter Altenberg, das hochbegabte Kind, . 
etwas Neues zu sagen, halte ich für un- 
möglich; er hat als trotziges Kind gelebt, war 
auch manchmal fröhlich wie ein Kind und immer 
zärtlichkeitsbedürftig wie Kinder. Er hat in seinem 
Vorsichhinleben oft Augenblicke gehabt, wo er 
sich an seinen Schnurrbart griff und erkannte, 
daß er eigentlich ein ganz erwachsener Mann sei; 
aber ihm behagte nun einmal seine Sonderstellung 
als das gescheite Kind, er schrieb seine Eindrücke, 
die oft greisenhaft tief sind wie Kinderweisheit, 
hin, und Alle, die seine Bücher lasen, erinnerten 
sich unbewußt, daß sie in ihrer Kindheit Glei- 
ches empfunden haben: man denke nur, was alles 
in den Jahren vor der Ordnung ins Denken brin- 
genden Schule sich in solch einem Kinderhim 
aufstapelt! Peter Altenberg besaß sein Lebtag 
sein Knabenhim. Alles, was er schaute oder 
hörte, war ihm immer wieder neu, und Tausende 
dankten ihm, weil ihnen der Dichter ihre eigenen, 
verwischten Kindheitsträume und -klugheiten 
wieder vorzauberte. 



15* 



227 



Ich schweige schon: aber die drei Altenberg- 
briefe an mich werden viel mehr sagen, als ich 
jemals vermöchte. 

Prag Hugo Salus 

(1896.) 
Lieber Herr Dr. Hugo Salus 1 
Ihr Brief hat mich riesig gefreut. Wozu schreibt 
man solche Bücher?! Um den Zusammenhang 
herzustellen mit den gleichen verwandten Seelen. 
Wie Eisenbahnen zwischen den Völkern ist es. 
Man lernt sich kennen, findet sich, die Gegensätze 
verschwinden. Etwas Internationales begibt sich 
zwischen den Seelen. Etwas Friedevolles. Und 
die Wilden, die Barbaren bleiben zurück. Sie 
können diese Eisenbahnen der Seelen, Bücher, 
noch nicht benützen. Sie hassen die Seelen, zu 
welchen sie nicht kommen können, brechen 
Schienen aus, machen entgleisen die „fremden** 
Züge. Als ich Ihren Brief gelesen hatte, fragte ich 
meinen Freund Max Messer (Buchkritiker der 
„Zeit"): 

228 



„Kennen Sie Etwas von Hugo Salus?!" 

„Ich halte ihn für den ersten deutschen Lyri- 
ker", erwiderte er mir. 

„Wo sind seine Sachen?!" 

„Verstreut ". 

Bitte, können Sie mir nicht dazu verhelfen?! 
Ein Mann mit einer so edlen jünglinghaften Be- 
geisterung, der die unausgesprochenen Dinge in 
der Kunst versteht, muß gut dichten, frei emp- 
finden. 

Adieu, herzlichsten Gruß von Ihrem 

Peter Altenberg 

(1897-) 
Lieber Herr Dr. Salus! 
Wie leicht sich die Geordneten, Bevorzugten 
und Friedevollen das Leben vorstellen ihrer unter 
unerhörten Belastungen zusammenbrechenden 
Kollegen ! 

Unter unbeschreiblichen ökonomischen Drang- 
salen und körperlichen Leiden ringe ich thatsäch- 
lich täglich mit dem gräßlichen Leben, bin zu 

229 



muthlos, es rasch zu Ende zu bringen. Und da 
sprechen Sie von Höflichkeit 1 ? I 

Höflich, unhöflich, Pflicht, Pflicht-los, Allem 
bin ich femegertickt und eingekerkert in die Noth 
meiner Tagel 

Bücher trage ich nach Hause, unfähig, zu 
lesen, zu verstehen. 

Nun sagen Sie mir, Sie hätten mir ein Gedicht 
gewidmet. Ich habe es nun gelesen, es ist sehr 
zart, ich danke Ihnen von ganzem Herzen dafür. 
Ich bin ein Unglückseliger, Verlorener, Verkom- 
mener! Ich hätte eine Frau nndenmüS3en,eineSeele, 

die mich hätte beschützen, betreuen können. Ich 
habe nichts gefunden und mich hat Niemand mögen. 

Aus soll es sein, aus! 

Wie geht es Ihrer lieben feinen zarten Frau?!? 

Ich sende ihr nächstens mein neues Buch. 

Rechten Sie nicht mit mir, bedauern Sie einen, 
der am Wege verhungern muß. 

Ihr Peter Altenberg 

Selbst einen Brief zu schreiben, kostet mich die 
größte Anstrengung. P. A. 

230 



(i897) 
Lieber Herr Dr. Hugo Salus! 

Ich hatte vor einigen Tagen das Vergnügen, 
Ihren Schwiegervater kennen zu lernen und habe 
mit demselben einen Tag in „Aschantee" ver- 
bracht. 

Am nächsten Tage war ich als „Führer durch 
Aschantee" von einer ganzen Anzahl Damen von 
3 Uhr Nachmittag bis 8 Uhr Abends so sehr in 
Anspruch genommen, daß ich erst im Restaurant 
Ihren Herrn Schwiegervater begrüßen konnte. 
Aber auch da wurde ich in einer Angelegenheit 
meiner „schwarzen Freundin" von anderer Seite 
sogleich in drängenden Anspruch genommen und 
so kam es, daß wir diesen Abend wenig beisam- 
men waren. Wie oft schon habe ich mir auf diese 
Weise ganz unschuldig gute Beziehungen zerstört, 
indem in Aschantee eine ganze Reihe von Men- 
schen gleichzeitig meine Gesellschaft für sich 
forderten. Es thäte mir leid, wenn Ihr Herr Schwie- 
gervater verletzt wäre. Zu alledem bin ich selber 
durch meine Neigung zu einem Aschantee-Mäd- 

23 T 



> 



chen in ewiger Erregung und gerade dort höchst 
unfrei und schwer belastet und preoccupirt. Ich 
thue das Äußerste um Allen gegenüber immer lie- 
benswürdig und rücksichtsvoll zu sein, aber man- 
chesmal kenne ich mich selber nicht mehr aus. 
Bitte grüßen Sie Ihren Schwiegervater recht herz- 
lich und seien Sie; selbst freundschaftlichst gegrüßt 
von Ihrem 

Peter Altenberg 



232 



ZEHN BRIEFE 
AN ANITA M. 



(ipo6 — ipo8.) 



Adeligste Seele, die es auf Erden gibtl 

Neidloseste Beste Tiefste! Mein allermenschlich- 
ster Gruß gilt Ihnen und Niemand kann es ahnen, 
weshalb mir oft Thränen den Augen entrieseln I 
Niemand . 

Es ist der Gedanke, daß es noch reine Seelen 
gibt auf Erden, die unbehindert ihre idealen gött- 
lichen Pfade schreiten in ihrem lichten Innernlü 

Könnte, dürfte ich immer betreuend, be- 
schützend über Ihr geliebtes Haupt wachen, ich 
weiß, es würde Ihnen nie Böses, nie Trauriges ge- 
schehen. Wie ein alter häßlicher getreuer Drache 
würde ich an den Thoren Ihrer Lebens-Märchen- 
Burg wachen und Jeden tödten, der nicht mit 
gleicher Hochachtung, mit' dem gleichen 
Verständnis Ihnen nahte, wie ich es habe für 
Ihren Seelen- Adel! Mögen Sie nie, Anita, das Ver- 
trauen zu mir verlieren denn dann sind Sie 

in Ihrer eigenen Persönlichkeit ver- 
loren undmüssen Pfade wandeln derAnderen, 
die nicht die Ihren je werden können! Wie ge- 
nial sagen Sie von Ihrer süßen Schwester, sie dürfte 

235 



weder Abgründe noch Gipfel kennen lernen, sondern 
müsseebene rosenbestreute Wege gehenf ortundfort ! 

Ja, ein scdcher weiser adeliger Ausspruch ver- 
pflichtet mich beiieits für immer dem, der ihn ge- 
than hat! 

Meine Freundschaft, die außerirdisch und 
mystisch ist, meine geistige Zusammen- 
gehörigkeit mit Ihnen, der Achtzehnjährigen, 
w ä c h s t in mir wie eine Blüthe in Nacht-Einsam- 
keiten! Betreut von Allem, was Sie Edelste, 
dachten, empfanden, sagten, schrie- 
ben, verschwiegen — , blüht diese 

Blüthe „Freundschaft" in mir weiter, wächst, 
blüht, wird größer, in Nacht-Einsamkeit! Anna! 
Amen! Anita! Dein P. A. 

Liebe, liebe liebe Anita, 

es ist 2 Uhr Morgens und eine krankhafte 
Sehnsucht ist in mir. Ich könnte bittere Thrä- 
nen weinen, um mich zu erleichtern . 

Eine tiefe tiefe Sehnsucht ist in mir, geliebtes 
Geschöpf! 

236 



Du, Du, Du Zarte, Sanftmütige, Intelligente, My- 
steriöse, warst die Einzige, die Einzige von Allen, 
die es zuwege brachte, kraft ihrer schönen, hei- 
lig edlen Seele an der Seite eines alten kranken 
unglückseligen Dichters dahinzuwandeln, ober- 
halb der Sphäre der primitiven Menschen und 
ein Zauberland mit ihm zu betreten von adeli- 
ger Zusammengehörigkeit! 

Auf meinen Knien, Anita, theure geliebte Anita, 
danke ich Dir für die edle Kraft Deiner süßen un- 
vergeßlichen Seele und flehe das Schicksal an. Du 
mögest die heiligen Stunden nie verleugnen, in 
denen 2 Menschen es gewagt haben, aus den 
schweren und dumpfen Stunden des Lebens ein 
Märchendasein zu erschaffen . 

Wie vor einer mystischen zarten Heiligen 
möchte ich niederknieen vor Dir, Anita, ge- 
liebte Freundin! Meine Sehnsucht 
wird ewig sein und ich sehe Dich nun mir 
entschwinden . 

Ich liebe Dich. 

Peter Altenberg 

^37 



Soeben Freitag 9 Morgens erwacht. Es geht mir 
etwas besser. Dein letzter Brief war der Gipfel- 
punkt menschlicher Auf Opferungsfreudigkeiten ! 
Es war die „erreichte" Heil-Herrschaft der 
Seele, aus der allein eigentlich alles wirkliche 
„glticklich-sein" im Sinne Gottes erblüht. Denn 
selbst das Sexuelle wird da erhöht zu einem 
mystischen Gnadengeschenke der Natur, um dem 
geliebten Menschen auch noch das Allerletzte 
spenden und sich entäußern zu dürfen ihm 
zuliebe seiner verborgensten Spendekraft! 
Ja, Anita, ich habe in Dir Gott erweckt, das heißt 
Intelligenz und Seele in Dir zur Vorherr- 
schaft gebracht. Man schwebt nun gleich Engeln 
über den Niederungen des Lebens, eigentlich 
stets holdselig lächelnd, und unten wandeln, 
schleppen sich die Dummen und daher 
Schlechten, die Un-Verständnisvollen und daher 
Verbrecherischen, und siehe, auf ihren blöden 
Antlitzen liegen Unmuth, Ängstlichkeit und Sorge ! 

Satan in ihnten führt sie, auf Irrwege — . 

Heil Dir, Anita! 

238 



Du bist ein „Beweis", ein Beweis für den Geist- 
lichen und den Theosophen, nur noch erhöht durch 
das hehre Walten der natürlichen Urnatur, die in 
heilige Dienste gebannt wurde. 

Und Gottes Seele schwebte über den Was- 
sern eigentlich müßte es heißen : Über 

den Sümpfen! 

Ich muß nun wieder versuchen, einzuschlafen. 
Es ist gutes kühles Wetter, Gott sei Dank. 



Wer weiß wie der heutige Tag sein wird?! 

Ich fürchte das Pulsiren im Rückenmarke. 
Es ist wie das Klopfen an den Toren des Todes. 
Das Leben kann seine schwere Arbeit nicht mehr 
leisten, es möchte zur Ruhe sich begeben vor ver- 
geblichen Anstrengungen. Man möchte sterben 
und kann nicht, weil noch Leben in der zerbroche- 
nen Maschinerie vorhanden ist! Schreibe täglich 
Deinen ganz tief dankbaren Peter 

Zwei bis drei Stunden nach Deinem Weggehen 
beginnt in mir der eigentliche Kultus mit Deiner 
Persönlichkeit. 



239 



Da beginnt etwas, was Du nicht ahnen kannst. 
Da muß ich tatsächlich mir meine Thränen zurück- 
halten. Da sage ich oft leise in die Nacht hinein: 
„Theures Geschöpf, vornehmstes, bestes, intel- 
ligentestes, liebes gutes tapferstes — ". 

Ja, Du hast einen „geistigen" Einklang mit mir, 
das ist vielleicht zum erstenmale im Leben, und es 
ist bestimmt, weil ich genügend alt und Du für 
mich nicht genügend hübsch bist. Da können die 
tief versteckten einzig wirklich mensch- 
lichen Welten hervor aus ihren Verstecken und 
endlich zu Leben kommen. Es ist wie ein erstes 
nie bisher gewesenes Experiment der tieferen 
Kräfte im Menschen, sich hervorzuwagen! Intelli- 
genz, Seele und die Mysterien des „Nervus Sym- 
pathicus" in einer ganz märchenhaften Sphäre 
bringen einen nie gewesenen Akkord 
zwischen zwei Menschenleben!!! Wie 
wunderschön, als Du heute über J. sagtest: „er ist 
der einzige von Diesen, der allein sein kann und 
sein möchte. Da kann er er selbst sein und in das 
Dasein still und stumm hineinwachsen -. 



240 



^«i 



Er kann, er möchte jedenfalls allein sein 
und ungestört. Und so, so bin ich. Nur mit Dir 
kann ich sein, weil Du mich nicht störst in mir 
selbst! Da bin ich allein und dennochin Ob- 
hut ". 

Ja, Anna, in kurzen lo Stunden bis Du im 
Stande, mir das zu bringen, was Väter, Gatten und 
Liebhaber in Jahren nicht bekommen. Es ist das 
merkwürdigste Pendeln zwischen Bewußtem und 
Unbewußtem bei Dir; eine Achtzehnjährige, die 
über sich selbst bereits hinüber geflogen ist, be- 
reits das Dasein tragisch betrachtend mit dem 
Gottes-Auge, dem nichts entgeht von Allem, 
Allem. 

Seitdem ich das geschrieben habe, habe ich ge- 
schlafen, bis jetzt 5 Abends, habe soeben in der 
W W angefragt, ob W. oder H. mit mir ins Apollo 
gehen wollen?!? Als ich verbunden war, überfiel 
mich eine krankhafte Sehnsucht nach Dir und 
ein unbeschreiblicher Schmerz war in mir. Dich 
nicht sprechen zu können!?!? Jetzt bin ich ganz 
krank vor Sehnsucht. Anita, Du wirst es nie nie 

16 Frieden, Das Altenbergbuch. 24 1 



nie ahnen, was Du mir geworden bist. Da müßtest 
Du mich viel viel genauer kennen ; was Dir nie ge- 
lingen wird. Du hast Alles Alles Alles gehalten, 
was Du geschworen hast, und noch dazu in der 
allermenschlichsten wunderbarsten Art. 

Wenn Du mich jetzt sehen würdest, mit meinen 
in Wasser schwimmenden Augen, Du würdest es 
momentan erkennen, daß Du ein menschliches 
Herz in einer nie mehr wiederkehrenden Art ge- 
wonnen hast. Du hast alle alle Frauen dieser Erde 
beschämt, zarte Achtzehnjährige. Gib mir, gib mir 
Gelegenheit, Dich irgendwie, irgendwo zu sehen. 
Ich kann vor Weinen nicht mehir schreiben. Mögest 
Du nie nie mich mißverstehen. Du bist wirklich 
wie Du es gesagt hast, meine „Heilige Fraue" ge- 
worden. Wieviel Reue ist in mir über so manche 
Brutalitäten meinerseits. Ich bete Dich an, liebes 
zartes außerordentliches Geschöpf. Ich gedenke 
Deiner in leidenschaftlicher Seelenneigung. 

Schreibe, schreibe bald und viell 

Jeder Atemzug für Deine allerbeste allerzarteste 
feinste gebenedeite Seeliell Wenn Du mich 

242 



jetzt hier im Caf6 bitterlich weinen sehen könntest, 
würdest Du sogleich begreifen, welches Myste- 
rium zwischen uns ist. Denn weshalb so herzzer- 
brechend weinen?!? Und dennoch. 

Dein, Dein Dein P. A. 

Komme, Liebling, j a b e stimm t heute und 
wiederholt zu dem Grabenkiosk. Ich 
bin sehr sehr leidend und weiß nicht, wann ich 
mich werde aufraffen können, aus dem Bette auf- 
zustehen. 

Aber ich muß heute unbedingt mit Dir beisam- 
men sein, Du Alleredelste, Du, Liebling 
meiner sterbenden Seele, ich muß Dir 
heute mit meinem Blicke sagen, wie sehr, wie sehr 
ich Dir danke . 

Vertraue, vertraue mir, meine kleine zarte Ade- 
lige. Bleibe an der liebevollen Hand Deines alten 
kranken müden Begleiters. Dann werden vielleicht 
doch noch Prinzen kommen für die zarte Träu- 
merin ! 

Dein P. A. 

16* 243 



Alles Alles ist eingetroffen, wie Du es in 
Deiner edlen Güte vorausgesagt, vorausgeahnt 
hast 

Du hättest bei mir verbleiben müssen — . 

Ich gehe vollständig zugrunde . 

Ich schlief 48 Stunden, kann jetzt, 12 Uhr Mit- 
tags noch nicht aufstehen . 

Morgen, 2. April, ist Referat im Apollotheater. 

Ich möchte nur schlafen, schlafen, schlafen. 

Oh Helga, Du warst meine Beschützerin. 

Heute also trittst Du in Dienst, in Sklaverei 
für 70 Mark! 

Und Deine Familie hat kein Mitleid mit Dir, 
gönnt Dir hohnlachend Dein armes Schicksal! Ich 
aber erlebe, erleide Deine tragischen Dinge mit 
Dir, Du Adeligste; unser beider Dasein ist uner- 
träglich, denn wir sind umgeben von Rohheit 
und Unverständnis! Ich gedenke Deiner 
edlen feinen, unerhört intelligenten Persönlichkeit, 
die mich mit jedem ausgesprochenen Satze einfach 

verblüffte, und tiefst rührte . Was soll man 

da noch sagen?!? Da giebt es nur zu schweigen 

244 



und zu weinen ! ! ! Du hast Dich selbst übertroffen 
in Pflege und Gutmütigkeit!!! 

Sinke nie unter Dich selbst herab! 

Bleibe auf Deiner möglichen Höhe! 

Das bist Du mir, das bist Du Dir schuldig, 
Anita! Wozu sonst die tiefen Leidens- 
wege?!?! 

Ich bitte Dich aus tiefstem Herzen, bleibe auf 
Deinen errungenen Höhen! Sinke mir nicht in die 
Niederungen der Bourgeoisie, die nur in Lüge 
lebt, in jeglicher Beziehung!!! 

Annie, tue mir nicht diesen Schmerz an ! ! ! Es 
würde sich n u r an Dir rächen, glaube es mir ! ! ! 

Ich warne Dich vor Deinen eigenen 
Schwächen! Gib ihnen nicht nach! Es wäre 
Dein eigenes Verderben ! ! ! Bkibe meine „heilige 
Freundin", ich glaube, das ist besser für Dich! 

Dein verfallender P. A. 

Semmering, am Sonntag, Januar 1908. 
I Uhr Nacht. Mondnacht. — 11 Grad. Liege in 
herrlichem Bett, bei geöffneten Fenstern. Es war 

245 



ein Tag unerhörter außermenschlicher Pracht. 
War um 8 Uhr bereits in den Wäldern, dann den 
ganzen Tag am Ski-Platz auf einer riesigen Wald- 
wiese. Manche junge Dame war in herrlicher 
Herrendreß ; schwarzer Sammt, Pumphosen, weiße 
Mütze, weißer Shawl. Man sah sie in allen Stellun- 
gen hinfallen, purzeln, nicht mehr sich erheben 
können, lachen und jammern I Dabei die Atlas- 
decke „Schnee' zerissen, staubend, und Alle be- 
schützend in ihren irrsinnigen Läufen und Sprün- 
gen . Der „Flirt" erstirbt, und Alles ist 

nur Athmen und Bewegung. Eine Sommerluft bei 
— II GradI Der höchste Fortschritt der modernen 
Zeit! 

Keinerlei Seelengefahr oder auch andere hier für 
Dich! Keinerlei. 

Deine getreue Anhänglichkeit und Opferfreudig- 
keit hat mich „unverwundbar" gemacht. 
Auch das verdanke ich Dir! 

Montag Morgens lo Uhr. 

Ich bleibe noch im Bett Sonne, Sonne, und 
eisige Luft Draußen Sturm und Schellenklingeln. 

246 



50 Jahre sind an meiner Seele unzerstörend vor- 
übergeglitten. Ich habe dieselben Empfindungen 
wie seinerzeit, mit meinem geliebten Hofmei- 
ster . 

Montag 2 Uhr Nachmittags. 

Soeben wieder erwacht. 

Herrlichster sonnigster Tag. Gehe nun speisen, 
Bristol- Qualität. Dann endloser Wald-Spa- 
ziergang. Gedenke Deiner, nur Deiner, in Liebe 
und Dankbarkeit! Dein Peter 

DIE BRAUT. 
Von Peter Altenberg, Anita gewidmet. 

„Weshalb, Elisabeth, die Du doch wählen konn- 
test unter so Vielen, hast Du gerade diesem Einen 
dei Vorzug gegeben?!?" 

Weil er einst an mich schrieb: „Mögest Du, 
Elsabeth, bei allen zärtlichen Blicken die 
man beglücktes Antlitz streifen, immer noch 
einen zärtlicheren Blick haben für ein 
Blimenbeet in einem Garten, ein Vögelchen auf 
eiiem Aste !" 



347 



Allerverehrtestes Geschöpf, 
ich kam gestern Montag, 7./9., um Mittemacht nach- 
fragen, ob ein Telegramm von Dir da sei. Ich war 
einfach erlöst, als ich es las. Ich las es während 
der ganzen Nacht, immer wieder. Nur schone mich 
nie, und berichte über Alles und Jedes! Ich bin, wie 
wenn ich mein Kind, mein Töchterchen verlorea 
hätte. Und niemals hatte je ein Vater eine solche 
geistig-seelische Tochter, ein w i r k 1 i c h e s Kinc- 
chen, gezeugt aus seinen allerbesten Kräften, betreut, 
beschützt, und dem Leben gegeben, das gefahrvoll ist! 

Verleugne mich nie, Anita, Du verleugnest da- 
durch Dichselbst! Halte zu mir innerlicl, 
über Alles hinüber . 

Es wird Dir, Dir zugute kommen. Du wirjt 
nicht, wie alle alle Anderen in seelische oder 
noch gefährlichere Abgründe hineinstürzei, 
aus denen es schwer einen Ausweg wieder gibt atf 
richtigere Pfade — . 

Selbst die alte Jungfer hat noch „Hoffnunga 
und Träume" oder den herrlichen Frieden der R<- 
signation, der durch ein wenig Schmerzen nur g<- 

248 



würzt wird . Aber die, die sich „endgiltig" 

einem Schicksale ergeben hat, ist eine im wahr- 
sten Sinne „V e r 1 o r e n e" für ihr eigenes, in ihr 
ewig lebendes und webendes Leben, das ununter- 
drückbar ist, und zu vergleichen ist mit dem „ewi- 
gen Lämpchen" in sonst düsteren und schatten- 
vollen Kirchen . 

Anita, ich bin krank und alt, umgeben von bös- 
artigen, weil verständnislosen Menschen, Du allein 
bist eigentlich mir der Beweis, wer ich bin! 
Deine Lebensführung ist mein Zeugnis 
meines eigenen Wertes, dien ich hatte! 
Denn es ist der einzige Fall, in dem Theorien 
über die Frauenseele und den Frauen-Organismus 
überhaupt ins Praktische, Lebendige, 
Lebensreife sich umgesetzt haben! 

Bleibe mir getreu, getreu! 

Mein Zinmier steht Dir weit offen, in allen Stun- 
den, da Du zu mir flüchten müßtest aus eigenen 
Verzweiflungen . 

In grenzenloser Dankbarkeit 

Dein Peter Altenberg 

249 



Ich danke Dir für diesen Abend des Frie- 
dens . 

Während der langten Fahrt bis in den Prater er- 
faßte mich die tiefste Sehnsucht nach Dir, obzwar 
ich Dich erst verlassen hatte. Wie ich einst in 
meiner Kindheit meiner schönen Mama mich nach- 
sehnte, wenn sie Abends ins Theater ging oder in 
Gesellschaft und ich doch wissen mußte, ich würde 

sie morgens wiedersehn diese mysteriöse 

Sehnsucht war nun auch heute Nachts in mir in 
Bezug auf Dich . 

Anita, verlasse mich nie! es würde Deine 
eigene organische Entwicklung zu 
Deinen eigenen Gipfeln zerstören — ! 

Du und ich, wir sind End-Organisationen in der 
heutigen Kultur. Die Anderen sind hinter uns 
zurückgebliebene. Das vor allem müssen 
wir spüren und es nie vergessen! 

Deine Liebe ist die Liebe zur wirklichen V e r- 
körperlichung von etwas Seelisch-Gei- 
stigem im Menschen ! Das ist' der Fortschritt! 

Dein an Dir unbeschreiblich hängender P. A. 

250 



THADDÄUS RITTNER: 

DER LEHRER 
WIRD VORTRAGEN 



Der Lehrer wird vortragen: Heute will ich 
euch, liebe Kinder, von P. A. erzählen. Als 
er noch lebte, war dies nicht erlaubt, aber nun ist 
er tot und die Welt erwachsen. 

Sein Werk war nicht erlaubt in der Schule, denn 
es war zu eigenartig. Seine Augen sahen die Welt 
neu; das war es. Auch euch sah er neu. Euch vor 
allem. 

Ja er war gewissermaßen selbst so wie ihr. Wenn 

er auch im Leben eine Glatze und viel Unglück 

hatte. 

« 

Aber merkt euch genau diese paar Einzel- 
heiten: die Welt neu sehen, wie ein Kind sein und 
Unglück haben im Leben! Denn das alles zusam- 
men heißt Dichter sein. 

Darum war es schlecht, daß man vergaß, P. A. 
mit euch durchzunehmen. Denn er war ein beson- 
ders gutes Beispiel. 

Und alles, was in seinen Büchern stand, 
waren solche Beispiele. Wie die Menschen, 
Bäume und Eisenbahnen, mit denen ihr spielt; 
genau so klein und wunderschön. Beispiele 

253 



aus einer neuen Welt. Aus einer, die er erschaffen 
hat. 

Er klein geschrieben. Nicht der liebe Gott, son- 
dern P. A., der Dichter. 



254 



ALFRED POLGAR: 

WIRKUNG 
DER PERSÖNLICHKEIT 



In das manuskriptraschelnde Caf^ Griensteidl kam 
er, mit wehender Pelerine, und hielt Reden über 
das Christentum. Zahlkellner Heinrich schwenkte 
das versoffene Haupt Seine Macht war machtlos 
gegen dieses Gastes Tempo. 

Die Literatur, um Tischchen amikal und strebe- 
voll versanunelt, lächelte dem wilden Menschen zu. 
Aber er war ihr schon damals unheimlich. Sein 
ganzes Wesen hatte so was Anti - Papierenes, 
Schreibtisch-Müh'-Entwertendes, Etikette des Be- 
rufs Mißachtendes. Die saubere Dreiteilung der 
Literaten-Existenz — Leben, Reden, Schreiben — 
schien in dieses Sprechdichters Person umgestürzt 
und aufgehoben. Er tobte Essays, stegreifte Dra- 
men, lebte Lyrik. Seine Tinte war: Nervensaft 

Er hatte keinen Schreibtisch, nur einen ambu- 
lanten Schreitisch. Wo er hinkam, entstand Un- 
ruhe, Verlegenheit, Stockung im glatten Ablauf 
sicherster Kausalitäten. Die Heftigkeit, mit der 
sein Hirn Glühendes und Kaltes, Tiefsinn und 
Abersinn auswarf, beschämte das Temperament 
ringsmn. Der allen Widerspruch umreißende, 

17 Frieden, Das Altenbergbuch. 257 



schäumende Zustrom von Einfall, Bild, Witz, Para- 
doxie, der seine Reden speiste, machte der Zunft 
Ohrensausen. 

Die Angelangten, die Großen kehrten sich bald 
von ihm, dessen unproduktive Fülle ihre produk- 
tive Armut entschleierte. 

Die Beginnenden, die Kleinen, hielten ihr Töpf- 
chen unter den sprudelnden Überfluß. 

Am Tisch, an dem er saß, war nur er. Die an- 
deren? Publikum, Staffage, Stichwortbringer. Aber 
sie kamen auf ihre Rechnung. 

Er war eine Persönlichkeit von solcher Stark- 
spannung, daß in ihrer Nähe Sein schon zu er- 
höhtem Ich-Gefühl verhalf. Der Widerschein sei- 
nes Feuers schon lieh geflissentlich nah hinzu- 
gestreckten Gesichtern eine Helligkeit, die sie aus 
inneren Lichtbeständen niemals hätten produzieren 
können. Er ging so weit ab dem Gewöhnlichen, 
daß, wer bei ihm sich hielt, auch schon der Illusion 
eigener Ungewöhnlichkeit teilhaftig wurde, süße 
Schicksalsbestimmung zur Abgetreimtheit vom 

258 



Dutzendmenschen im Busen wähnte. Schön vom 
Wind, den er machte, strich den anderen erquick- 
liche dunstverjagende Frische ums Hirn. Von den 
Katarakten seiner Wut und Begeisterungen tiber- 
sprüht, däuchten sich die Genossen der Stunde in 
Wildnis-Bezirken hoher Leidenschaft heimisch und 
den Gemsenpfaden seiner herrlich verstiegenen 
Suada folgend, fühlten sie sich Immerhin Hoch- 
touristen im Geiste. 

Sie kamen auf ihre Rechnung, die sie im Wirts- 
haus für ihn zahlten. 

Alles an ihm war besonders, überraschend, 
seine Optik vergrößerte, was ihm augenblicklich 
die Netzhaut reizte, zum „Höchsten", verkleinerte, 
was sie unberührt ließ, zum „Letzten". Was ihm 
galt, hieß ihm „heilig", was ihm nicht galt, 
„tierisch". 

Die Umgebung, gelehrig, gab ihrem Urteil 
gleiche Unbedingtheit. Von matten Lippen spran- 
gen da seine Superlative, und stimmlose Geister 
fistelten das dreigestrichene C der Bejahung und 



17* 



259 



Verneinung. Das war nicht einfaches Nachahmen, 
sondern unbewußtes Deckung-Suchen hinter den 
Ausdrucksformen seines Extremen Geistes vorm 
Gefühl der eignen Mittehnäßigkeit, das jener wach- 
rief. Seine leidenschaftliche Antwort auch auf 
kleinste Reize machte, daß den anderen mieß 
wurde vor der Lauheit, Halbheit, Diunpfheit, 
Wackeligkeit ihrer Reaktionen. Solcher Beklem- 
mung entflohen sie in seine Worte und Gebärden. 
Wie komisch das war, die zaghaftesten Bursche 
Fäuste gen Himmel recken und mit einfältigen 
Augen Ekstase rollen zu sehen! 

Seine Geste, Mimik, Rede, hemmungslos hinaus- 
geschleudert aus bewegtem Innern, trug solcher 
Herkunft Merkmal. Nicht um ihrer Schönheit oder 
Prägnanz, sondern um dieses Merkmals willen 
(dem eigen schien, vor Gott und Menschen bedeu- 
tend zu machen) wurden sie von den Schülern 
übernommen. Das große Spiel seiner Aufgeregtheit 
war Bote ungemeinen Innenlebens, und wer gleich 
livrierter Boten sich bediente, auf dessen unge- 
meines Innenleben war Rückschluß zwingend. 

260 



Weithin breitete sich ein Geschlecht in jeder 
Hinsicht verstohlener Jünger, die, eigner Sprache 
nicht mächtig, den Argot seiner Persönlichkeit 
stotterten. Er gab, in des Wortes Sinn, den „Ton" 
an. Mode wurde so zum Beispiel seine Art, starr in 
verzücktem Schauen der geliebten Frau an ihr 
Kleid, ihr Haar mit einer so Andacht wie heftigste 
Passion ausdrückenden Geste zu rühren, eine sanf- 
teste Hand, deren Tremolo die mächtige Arbeit 
des inneren Motors verriet, auf ihre Hand zu sen- 
ken und vor sich hin und doch ihr zu Worte zu 
murmeln, die wie Blasen einer von 2^rtlichkeit 
überkochenden Seele auf die Lippen stiegen. 

Die Freunde wußten gar nicht, wie großes 
Recht in dem Unrecht war, mit dem er ihre ero- 
tische Beute als sein Eigentum reklamierte. 



Ein Schauspiel, wenn Schriftsteller und Künstler 
gesicherter Geltung an den Stammtisch kamen, 
dem Außenseiter gütig zuzulächeln. Wie verduf- 
teten, in der Mischung des Gesprächs, vor seinen 

261 



Essenzen ihre schwachen Zusätze! Wie waren im 
Nu die Solisten zur Statisterei abgedrängt! 

Alles Gefestete, im Wert Bestätigte, Sichere 
wurde, eben weil es das, irgendwie lächerlich 
neben ihm, der das menschgewordene Prinzip 
der Beweglichkeit war, stets in Auflehnung gegen 
das Gesetz der geistigen Schwere, sein Lebtag 
immer wieder, treulos Ruhe-Verträgen, in heiße, 
freilich oft donquichottische Geftihls- und Gedan- 
ken-Abenteuer verstrickt. 

Widerspruch schien blaß neben der heftigen, in 
späteren Jahren unheimlich apoplektischen Röte 
seiner Meinung. „Vernunft"-Einwände schleuderte 
seine wirbelnde Irrationalität schon fort, ehe sie 
überhaupt herankommt. Er war immer „hinge- 
geben", immer „außer sich". Alles in den Paradies- 
garten seiner Illusion Eingelassene — Speisen, 
Kunst, Huren, Freunde, — bekam Flügel, und 
erbarmungslos arbeitete das Flammenschwert. 

Nie war der ungeheure Appetit dieses heiß- 
hungrigen Herzens gestillt. Es konnte immer noch. 

In seine Natur hineingestellt schien anderes 

262 



Menschentum immer irgendwie Theaterkulisse: 
gefärbt, zurechtgeschnitten, gekleistert, mühevoll 
befestigt. In seiner Wärme verschrumpelte aller 
Pappendeckel. 

Gebrannte Jünger schützten sich vor der Ge- 
fahr durch Imprägnierung mit Liebe oder Spott. 

Er war Agitator. Immer für andere und anderes 
und ebendadurch zwingend für sich selbst Das 
machen ihm die Schüler nicht nach. Ihre Agitation 
vermeidet die Umwege. 

Er war kein Sparer mit sich und kein beschei- 
dener Zurückhalter. 

Im karrierten Anzug mit zu kurzen Hosen, den 
Ledergürtel sportlich umgeschnallt, ohne Hut, 
sandalenklappernd, die Zwickerschnur breit wie 
ein Meßband, .den keulenförmigen, knolligen 
Stecken unterm Arm, stocherte er, schäumend im 
Selbstgespräch, über den Graben. „Sie machen 
zu viel Aufsehen!'* sagte der Wachmann. 

„Zu wenig!" schrie der arme Peter, „zu wenig!'* 



263 



Fliegen war seines Leibes und Geistes Sehn- 
sucht. 

Und dies kränkte die Umgebung am tiefsten, 
daß er so gar nicht zu domestizieren war, nicht 
einzufrieden, nicht festzuhalten bei Meinung, 
Liebe, Haß. Nicht einmal beim Stammtisch. 

Er hatte auch wirklich etwas von Loge, dem 
Schweifenden, nicht zu Bändigenden, Flamme- 
Verwandelten. 

Nur war seine Wandelbarkeit und Treulosigkeit 
kein Verstandes-, sondern ein durchaus erotisches 
Phänomen: bedingt durch ungezähmt sinnliche 
Verliebtheit in die Welt, durch grenzenlose Gast- 
freundschaft, die er gegen das Leben übte. Sein 
Herz mußte immer Platz machen für neue Ein- 
quartierung. Das ging nicht ab ohne Hinauswurf 
und Kränkung. 

Er war überhaupt ein Tyrann, der Worte und 
Wahrheiten, wie es seine Laune, in Gnaden nahm 
oder in den Dreck verstieß, mit Adelserhebungen 
so wenig knauserte wie mit Todesurteilen, Augen- 
blicke zu Ewigkeiten ernannte, Tribut und Lehens- 

264 



Zins nahm, und auf Einbrüche in den Harem mit 
orientalischer Grausamkeit die furchtbarsten 
Strafen setzte. 

Über ihn hinweg kam keiner. Es galt, ihn zu 
lieben oder zu meucheln. Ganz Vorsichtige taten 
Beides. 

Zmn Gltick war er bei all seiner unvergleich- 
lichen Genialität auch ein gewaltiger Narr, voll 
Marotten, Kinkerlitzchen, wüster Absonderlich- 
keiten. So ließen sich doch archimedische Punkte 
finden, von denen ^us die Beklemmung, die seine 
Persönlichkeit erzeugte, wegzuhebein war. 

Vor das Außergewöhnliche haben die Götter 
das Pathologische gesetzt. Zum Schutz der Ge- 
wöhnlichen. 



265 



SIEGFRIED JACOBSOHN 

P. A. 



\ 



Als ich Peter Altenberg zum erstenmal sah 
und hörte — wo? selbstverständlich im Cai€ 
Central der Wiener Herren-Gasse: da war ich 
nicht wenig überrascht, daß er die Legende, die 
sich um ihn und von ihm gebildet hatte, kaum 
Lügen strafte. Wirklich: er war so, wie ihn Egon 
Friedeil kopierte. So, genau so tobte und schwärmte 
er, stieß wilde Verwünschungen aus, mit ge- 
ballter Faust, und steigerte seine Verzückungen 
auch in der Stiomie bis zum Diskant. Aber: er 
verfluchte und segnete, die es verdienten. Mochte 
er Frauen maßlos überschätzen, was sein bestes 
Recht war, was der Besucher aus Berlin nicht 
beurteilen konnte, und was ihn ja nur noch liebens- 
werter machte: sein literarisches Augenmaß litt 
von keiner Erschütterung seines gewaltigen Tem- 
peraments. Es half nichts: er erkannte durch allen 
dicken Nebel der Augenblickswut den Künstler 
— und ehrte ihn durch geziemende Atempause, 
sobald irgendwer von der Tafelrunde das Ge- 
spräch etwa zu dem Kitscher überleitjen wollte, 
der gerade den Maurischen Saal betreten hatte. 

269 



P. A. war und blieb auf der richtigen Seite. In 
den eruptiven Briefen, die ich durch beinahe fünf- 
zehn Jahre von ihm erhalten habe, findet sich 
nicht ein einziges Fehlurteil. Über diesem sehn- 
süchtig fiebernden, nie beruhigten, immer abwech- 
selnd himmelhoch jauchzenden und zu Tode be- 
trübten Kinderherzen waltete ein untrügliches 
Hirn, das doch nicht imstande war, die impulsive 
Naivität seiner Dichtungen anzukränkeln. Rüh- 
rend, wie lunsichtig er das Fest seines sechzigsten 
Geburtstages vorbereitete. Dreiviertel Jahre vor- 
her erhielt man Stöße eines schön kartonierten 
Aufrufes, den man abdrucken und zugleich im 
Original ringsherum versenden sollte. Zweck: 
eine Geldsammlung. Die war, erfuhr man aus 
Wien, gar nicht nötig. Aber, fragt König Lear: 
„Was ist denn nötig?" Wie gerne hätt' man dem 
guten Peter zu mehr verholfen, als nötig ist! Da 
starb er — der sicherlich ohne Bedenken die 
ganzen zusammenerbetenen Beträge seiner Ver- 
ehrer und Freunde dafür gegeben hätte, als blü- 
hend junger Sechziger verwöhnt und gefeiert zu 

270 



werden. Ist er zu früh gestarben? Es wird schon 
im Weltplan beschlossen gewesen sein, daß mit 
der Stadt Wien dies sein wandelndes Wahrzeichen 
umkommen mußte. 



271 



^^^-{L IfO^ 



FÜNF BRIEFE 

AN DEN 

THEATERDIREKTOR 

DR. RUNDT 



(^9^5') 
Lieber Rundt, 

ich bitte Dich flehentlich, mir die P r i v a t- 
Adresse der von mir vergötterten Anni 
Mewes mitzuteilen, aber streng verschwie- 
gen! Ich erlebe „Symphonieen des Leides'', und 
dabei weiß ich, daß nur ich allein die Schätze 
dieses einzig-edlen Organismus heben könnte. 
Denn ich habe das P. A.-Herz! Aber, siehe, sie 
ist Schauspielerin, muß also ihr eigen- 
stes Ich opfern Dem, Jenem, und Allen! 
Ich allein aber hätte sie führen können. Möge 
sie mit 40 Jahren wenigstens einst zurück- 
denken können, daß sie einem alten kranken 
armen Dichter Alles war, trotz Allen und 
trotz Allem! 

Dein Peter 

(^9^5-) 
Es gibt keine bessere Regie (und Dekoration) 

als die Regie Deines Stückes „Wozzek"! Es gibt 

bessere Stücke, aber keine bessere, sinn- 



18* 



275 



gemäßere, einfachere, eindringlichere, primitivere, 
vollkommenere, romantischere, poetischere Regie 
eines solchen Stückes! 

Dein Peter 

Liebster Rundt, 

ich wende mich in tödtlicher Verzweif- 
lung an Dich! Von dem Augenblicke an erst, 
als „gewisse Leute" Kenntnis erhielten von 
meiner unermeßlichen Begeisterung für 
Anni Mewes, von diesem selben Augenblicke an 
erst, haben sie nachträglich und nur des- 
halb und nur dadurch, ihre Werte entdeckt, 
zumal sie es genau wissen, daß sie mich nur da- 
durch meinem gieistig-seelisch-körperlichen 
Ruine preisgeben! 

Daß die armen Mädchen sich zu diesem 
allerschändlichsten Manöver hergeben, 
ist verrucht, gemein, feig!, undank- 
bar, unmenschlich. Anni Mewes soll den 
Verkehr mit Alfred Polgar und seiner 
Clique für ewig aufgeben. Sonst trifft 

276 



sie der Fluch eines gemarterten Dichter- 
herzens!!! 
Dein tief verzweifelter, vor dem 

Abgrund stehender Peter 

Zeige ihr den Brief! P. A. 



(Über den „Sohn** von Hasenclever, 26. I. 1917.) 

Lieber Rundt, 

dieses gieniale, eigentlich „K r a f t - g e n i a- 
lische" Stück müßte unbedingt den Unter- 
Titel haben: „Ein Geist er spuck eines 
hysterischen durchgefallenen Maturanten." 

Dann hätte das Publikiun sofort einen „Schlüs- 
sel" zu den Pforten tieferer Auffassung! 

Unübertrefflich Barnay und Wolfgang. 
Momber wie stets viril, simple, et plein de 
vigueur contenue. Die Rolle des Marlitz 
würde ich in der Maske Mephisto's spielen. Er war 
ausgezeichnet. 

Dein Peter 



277 



(^9^5-) 
Lieber Freund Rundt, 

Du hast mir durch die „Fee" einen wunder- 
baren und ganz unvergeßlichen Abend 
bereitet! Paula und ich schwärmen seitdem un- 
unterbrochen von dem allerreizendsten 
Stück, von der heiligen (Kunst und Natur, 
sie haben sich hier vereinigt!) Anni Mewes (Ant- 
litz, Leib, Spiel, Stimme!); von dem unüber- 
trefflichen Kurt V. Lessen, von dem Basser- 
mann — mindestens — gleichen Blümner, 
der überaus tüchtigen Maja Sering; wie kann 
dieses altväterisch-süße Stück, diese wunder- 
volle Aufführung nicht 200 vollste Häuser 
machen?!? Pfui Wiener Publikum, pfui! 

Dein dankbarer Peter 

Aber in 's jidische Pseudo- Psychologie, do 

rennen se hinein! Pfui! P. A. 



278 



ZWEI BRIEFE 
AN JULIUS MUHR 



Holzstataette von Franz Zelezny, Wien 1909 






• (ipl^-) 

Liebster Julius, 

möchtest Du nicht, irgendwo in einem Deiner 
Zimmer und Vorzimmer, Vorräume etc. etc. meine 
eingerahmten, mit Text versehenen P h o- 
tografien an allen 4 Wänden, gleich einer 
Tapete, Alles ausfüllend, unregelmäßigst, 
nur Bild an Bild, aufhängen, da meine 
Schwester Hofrätin M. ihr Häuschen verkauft und 
eine kleine Wohnung nimmt wegen des Todes 
ihres geliebten 12 jährigen Töchterchens!?! Ich 
möchte die Bilder gern bei Dir und Deiner Frau 
haben; sie stellen eine Art „biografical essay" 
meines Lebens und Ftihlens dar. 

Mir geht es seit 14 Tagen wieder sehr, sehr 
schlecht, ich verlasse nicht mehr mein Zimmer 
infolge schrecklicher körperlicher Qualen, seeli- 
scher Depressionen und Menschenscheu 

Es geht eh bald zu Ende mit mir, diese neuer- 
liche Krise ziehrt mich auf. Habt also noch ein 
wenig Geduld mit mir, dann könnt Ihr sagen: „Er 

281 



war doch ein tieferer Mensch als viele, viele 
Andern!" 

Dein dankbarer, jetzt verzweifelter 

Peter Altenberg 

Semmering, Hotel Panhans. 

Lieber Julius, 
meine Verzweiflung über Deine totale Ver- 
kennung des „Wesens meiner Art" und vor 
allem meiner künstlerischen Per- 
sönlichkeit, zwingt mich, Dich mit diesen 
Zeilen zu belästigen I Niemand hat ein so einwand- 
freies Leben geführt wie ich. Bis zum 35. Lebens- 
jahre lebte ich, ohne j e einen Kreuzer Schul- 
d e n zu machen, von 240 Kronen monatlich« Dann 
ging mein Bruder zugrund, ich erhielt einen 
Europäischen Namen, und habe auch 
bisher nie einen Kreuzer mehr ausgegeben, als 
unbedingt nötig war. Geld brauche ich aus- 
schließlich, nicht wie alle diese idiotischen 
Verschwender um mich herum für stin- 

282 



kende unmenschliche Huren, sondern 
nur für die Kraft und den Frieden meines 
Dichterherzens, meines Ktinstler- 
h i r n s, die der Menschheit in Österreich, Deutsch- 
land, Rußland, Polen, Dänemark 9 Lebens-Bibeln, 
in 33000 verkauften Exemplaren, gespendet 
haben II! 

Täglich erhalte ich aus der ganzen 
Welt Dankesbriefe fremder Frauen, kann 
also auf die zweifelhafte Ehre, eine ein- 
zelne Funzen „glücklich" (?I) gemacht 
zu haben, leicht und triumphierend ver- 
zichten. 

Was nun die „sexuelle" Seite meines Charakters 
betrifft, so habe ich es Gott sei Dank bald genug 
herausgefunden, daß der „Coitus" ein atavistischer, 
historischer,, gänzlich unzulänglicher, roher, 
seelenloser und schwächlicher Vor- 
gang ist, der der zarten und vor allem ewig 
warten könnenden Frauenseele unmöglich 
endgültige Seligkeiten bereiten könne. 

Dein ergebener Peter 

283 



BRIEF AN DEN 

ARBEITERFÜHRER 

VICTOR ADLER 

(Herbst 1913-) 



Lieber Herr Victor Adler, ich wünsche eine 
Gesellschaft zu gründen, zur Reorganisation 
der Volks-Tracht der armen Mädchen, der Ar- 
beiterinnen, damit sie stets edel-vornehm 
gekleidet sind, ganz billig, und dem bürger- 
lichen Putze und elenden Tand einen auffäl- 
ligen Protest entgegensetzen, in ihrer 
Kleidung! Neid, Sehnsucht nach soge- 
nannten besseren Verhältnissen, Eifer- 
sucht in äußerlichen Dingen, Verführt- 
werden wegen elender Fetzen, Hüten und scheuß- 
lichen Schmuckes, sind dadurch aus der Welt 
geschafft! Es ist in seiner Art eine Lösung eines 
kleinen Teiles der „socialen Frage"! Ich 
schlage einfach vor: die ewig gleiche, 
herrliche, vornehme, kleidsame, ein- 
fache Volks-Königinnen-Tracht der V e n e t i a- 
n i s c h e n Mädchen ! Ein schwarzer Wollschal 
mit langen Fransen, schwarze Strümpfe, schwarze 
Halbschuhe, kein Schmuck außer Bernsteinkette, 
kein Hut! An Wochentagen, an Feiertagen 
ganz gleich! Man schaff t dadurch eine Mauer 

287 



zwischen der unheiligen Prunksucht der bürger- 
lichen Weiber, und der heiligen Einfach- 
heit der armen arbeitenden, sogenannten 
Enterbten I Kein Kavalier kann sie mit Geld ein- 
fangen, denn siehe, sie bedürfenkeinesi 
Wenn sie „aufgeputzt" gehen, sind sie sogleich 
gebrandmarkt! Jedermann weiß, woher 
sie es besitzen I 

Ich schlage diese Reform, diese Refor- 
mation vorl Ich will der Poiret sein der 
Armen! Es ist kein Ehrgeiz, sondern eine Ver- 
pflichtung! 

Ihr 
Peter Altenberg 



288 



BIBERRATTE <i. »«. i. 

Ein zicmlidi unwabrtchciiüichc* Tier. Wit «nw lUttc «m GnlUvm 
Kckli dn. RieMD. Immerhin du tüchtiger SAwimma and mf dtm 
Ltod* putit de nth liemlich anmutig, lufrceht dtnnd, mit den Voider' 
pfeten. Sie trägt im guuen nicht vid iiir Unttrhahuog bcL Dcnnach 
■teht miJn itundenlangc vor dem kleinen Biuin. Hui erwirtet rieh touuer 
ctWM BeeondtKi von dieicm Tiere. Da* iit du Bcfondcre an ihm. Hin 
möchte es ihm dmch Wüten ertrotiec Dei Kofmeiitet natürlich bccSt 
dch, dcauclben lofort seinen guuin Reiz lu nehmen, und crteugt mit Hilfe 
Ton Dctdl*childenu^n bd jdntn Zöglingen «ine Sin Leben ditunidc 
Gleichgült^keit gegen Biberratten. Die GouTirauite hingegen bat uch 
künct und t»ff: .D« groi rat*, fidoncl" 9*. A. 



Eine Seile aus der von Peter Altenberg herausgegebenen 
Zeitschrift „Kunst", verkleinert 



PETER ALTENBERG 
ALS REDAKTEUR 



Während des Winters 190314 redigierte Peter 
Altenberg eine illustrierte Zeitschrift, die den Titt^l 
führte: „Kunst. Halbmonatsschrift für Kunst und 
alles andere^ Sie enthielt fast ausschließlich Beiträge 
von ihm und Adolf Loos, Nach etwa acht Nummern 
ging sie in andere Hände über und wurde ein Re- 
klameblatt für Grammophone und photo graphische 
Bedarfsartikel. 

Auf dem Umschlag stand das Motto: Natura 
ar ti s magistra. Die erste Nummer wurde von 
Peter Altenberg mit den nachfolgenden Worten ein- 
geleitet. 



KUNST, 
wie ein edles Phantom bist du bisher gewesen, 
wie ein wundersames Gespenst, das am hellichten 
Alltage der Straße vor den geschäftigen, allzu 
geschäftigen Leuten auftaucht! So entfernt von 
ihrem Alltagdasein, so ohne Beziehung zu ihrem 
Selbsterhaltungstriebe, der doch immer ist und 
wirkt! Ein mattes Überflüssiges, geschaffen von 
überflüssigen Künstlers Gnaden! Eine luxuriöse 
Tändelei! Wir wollen dich lebendig machen, dich 
dem Leben des Alltags naherücken, du blut-, du 
fleischloses Gespenst „Kunst"! In die Stunde 
wollen wir dich rücken, die erlebt wird, daß du 
befruchtend und bereichernd wirkest auf Alltag- 
menschen I 

Die größte Künstlerin vor allem ist die Natur 
und mit einem Kodak in einer wirklich mensch- 
lich-zärtlichen Hand erwirbt man mühelos ihre 
Schätze. Sehet euch die Birken an, die Pappel- 
bäume, zur Winters- und zur Sommerszeit, die 
Hausgärten voll Schnee und strohumhüllten Rosen- 
stöcken. Sehet euch den rotgrauen Käfer aus 

19* 291 



Ceylon an oder die drappfarbige Muschel aus dem 
Ozean — und ihr werdet die Künstlerin „Natur" 
in euch aufnehmen mit liebevoll bereicherten 
Augen. Und der blau-braun schillernde Schmetter- 
ling aus China, auf weißes Holz gespannt unter 
Kristallglas, ist schöner als alles, was ihr von 
Menschenunzulänglichkeit in euren öden Zimmern 
aufhäuft! Auf euren nippes-verunreinigten 
Tischen 1 

Die Kunst ist die Kunst, das Leben ist das 
Leben, aber das Leben künstlerisch zu leben, ist 
die Lebenskunst! 

Wir wollen die Kunst, dieses Exceptionelle, dem 
Alltage vermählen. Die Hand der Dame R. H. ist 
ein Kunstwerk Gottes. Wir bringen sie photogra- 
phiert. Oder das im Volksgarten spielende Kind 
R. O. Oder das Schreiten eines Alt-Aristokraten 
über die Straße. Der Reichtum des Daseins, näher 
gerückt für die, deren notwendige Geschäftigkeit 
sie hindert, ihn zu erleben! In deinen Tätigkeiten 
eingekapselt, kannst du nicht rechtzeitig Halt 
machen vor einem regenbeperlten Spinnennest im 

292 



abendlichen Walde und kannst nicht schauen, 
staunen und verharren ! Wir wollen dich erziehen, 
das heißt aufhalten in deinen Ratlosigkeiten, auf 
daß du verweilest, schauest, staunest! Es gibt 
so viel zu schauen und zu staunen! Innezuhalten, 
zu verharren! Stillgestanden, Allzugeschäftiger! 
Nütze deine Augen, den Rothschildbesitz des Men- 
schen! Wir wollen euch nur zeigen, woran ihr 
blindlings vorüberraset! Es gibt Menschen, die 
nichts zu tun haben. Vollkommen Überflüssige 
des Daseins. Mit weit aufgerissenen Augen schauen 
sie und staunen. Diese hat das Schicksal bestimmt, 
die Vielzuvielbeschäftigten zum Verweilen zu 
bringen vor den Schönheiten der Welt! 

Peter Altenberg 



2Q3 



ILKA MARIA UNGER: 
VIER GEDICHTE 



In den ersten Nummern derselben Zeitschrift be- 
fanden sich vier anonyme Gedichte einer jungen 
Lyrikerin, die bald darauf starb. Sie sind an Peter 
Altenberg gerichtet. 



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BIST DU AUCH SO? 

Wenn nun auch dir die knospenfesten Brüste 

Mehr Süßes böten als die hohe Glut 

Der Liebeseele; wenn dein Jünglingsblut 

Nach meinem zitterte im Sturmgelüste 

Und dennoch nie dein Herz das meine küßte; 

Wenn du nur Taumel tränkest, aber nie 

Vor meinem Besten bebend in die Knie 

Mir sänkest — glaube du, wenn ich es wüßte, 

Daß ich mir bang zu sterben wünschen müßte! 

ER GRÜSST SIE KÜHL 

Kühler Gruß auf der Straßen 

meinst du, es gäbe erloschene Klänge 
und zerrissene Zusammenhänge, 
kühler Gruß auf der Straßen?!? 
Meinst du, das könne verderben: 
Wie in dem Park die Bänke stehen 
und über der Liebe das Wipfelwehen 
und jede Rast an der Häuserplanke 
und jeder in Liebe gefaßte Gedanke, 
meinst du, das könne verderben?!? 



297 



Wisse: die stillste der stillen Gebärden 

will in der Seele ewig werden, 

du kühler, kühler Gruß auf der Straßen ! 



SCHIKSAL 

Wißt ihr, wie es kam, 

daß ihn das Elend in die bitteren Arme nahm? 

Er konnte nur sich neigen 

vor dem Lächeln des Kindes, 

vor der ewigen Wälder Schweigen, 

vor dem Brausen des Windes, 

nicht anders könnt er sich neigen. 

Wißt ihr, wie es kam, 

daß ihn das Elend in die bitteren Arme nahm? 



DIE LIEBEN HÄNDE 

Liebster, deine schönen weißen 
träumerischen Dichterhände 
küsse ich so oft im Geist, 
jetzt, da alles, alles aus ist. 

298 



Liebster, deine schönen weißen 
träumerischen Liebes-Hände 
betete ich an dereinst. 
Und ich kniete auf den Teppich 

Hin, in Liebe stumm vor ihnen, 
und ich drückte stumm mein Antlitz 
in die kühlen Innenflächen, 
Liebster, deiner weißen Hände. 



299 



PETER ALTENBERG 
ALS VARIETEKRITIKER 



Es gehört in die Reihe der vielen Wiener Speziali- 
täten, daß der größte Dichter, den Österreich seit 
Walther von der Vogelweide hervorgebracht hat, von 
seiner Vaterstadt öffentlich zu nichts anderem ver- 
wendet worden ist als zu Varietekritiken. Peter AHen- 
berg schrieb jahrelang für ein monatliches Fixum von 
hundert Kronen in die „Wiener Allgemeine Zeitung*' 
regelmäßige Referate über das „Etablissement Apollo*', 
die „Ronacherbühne*' und andere derartige Wiener 
Unternehmungen. Zum Theaterkritiker ist er niemals 
avanciert. Als Proben seiner Tätigkeit seien die drei 
nachfolgenden Berichte über das Kabarett „Fleder- 
maus** mitgeteilt. 



(4^ Februar ipo8.) 
(Kabarett Fledermaus.) Das Kabarett 
Fledermaus macht wirklich alle besonderen Be- 
mühungen. Nach den allgemein anerkannten und 
bejubelten Schwestern Wiesenthal nun eine junge 
marokkanische Tänzerin. Und das alles zu einer 
Zeit, 5 Uhr nachmittags, in der „die Welt, die sich 
langweilt" sich besonders langweilt. Nun kann 
man die Zeit hinbringen mit Exzeptionellem. Eine 
ganz neue Sache ist mehr als ein noch so gedie- 
genes Gewohntes. Es ist ein energisches An- 
regungsmittel wie Tee, Kaffee, Zigarette. Mag man 
auch skeptisch bleiben und zurückhaltend, irgend 
etwas vom trägen Althergebrachten wird in Ver- 
wirrung gebracht und aufgestört. Man beginnt ein 
wenig sein wohlgehütetes Kapital von Gewesenem 
nachzuzählen, auf Werte zu kontrollieren; ein Be- 
ginn, sich zu verändern, zu verbessern. Der Mar- 
kensammler, der plötzlich sähe, daß auch Münzen 
schön sind, ein Beginn, eventuell beides für ver- 
fehlt zu erachten und als keine Lebensauf gäbe 1 
Aber vorgehen muß etwas in uns, vorgehen, vor, 

303 



vor! Marokko bringt einjen neuen Rhythmus in 
unsere Gliedmaßen. Es lebe Marokko! Wir*sehen 
eine besondere hellbraune Haut, besonders ent- 
wickelte Muskeln. Merkwürdig befremdlich ist der 
Schwerttanz, merkwürdig aufregend der Bauch- 
tanz. Wie wunderbar ist der Frauenleib ohne die 
Verlogenheit der Gewandung! Es ist so natürlich, 
daß man dieses Veirbrechen „Trikot" nicht mehr 
begreifen kann. Goethe bewunderte einst stunden- 
lang eine junge Person in ihrer vom Schicksal 
ihr verliehenen Vollkommenheit. Er war glücklich, 
nicht einmal ihre Fingerspitzen berührt zu haben. 
Er hielt sich für belohnt genug durch den An- 
blick. Er ging beglückt hinweg wie nie jemals 
zuvor. Unser Schamgefühl konzentriere sich auf 
das Unvollkommene. Es bleibe in Verborgen- 
heiten, es schäme sich mit Recht, weil es den 
Plänen des Schöpfers nicht entspricht. Aber die 
orangefarbige Haut der Sulamit Rahu besteht vor 
dem Künstlerauge die Probe auf Vollkommenheit 
In ebenso exzeptionelle Welten bringt uns der 
edelgroteske Tanz der Gertrude Barrison, in einem 

304 



grünen Kosttim von Kolo Moser, in dem sie aus- 
sieht wie eine neue unbekannte Vogelart. In einem 
von der Tänzerin unbeschreiblich lieblich und 
eindringlich gesprochenen Texte teilt sie vor dem 
Tanzen mit, daß alle, alle Damen sich nur feig 
richteten nach demjenigen, von dem sie seelisch 
oder ökonomisch abhängig seien. Sie aber sei ihre 
eigene Laune, wolle niemanden einfangen, nicht 
einmal das Publikum. Und dann kommt ein gro- 
tesker Tanz, mit Ausgelassenheiten von Kindern 
und Clownerien. Dazu das liebliche Gesichterl 
mit einer Frisur, die populär werden sollte bei 
allen, die ein ebenso liebliches Antlitz haben ! Aber 
nur bei solchen ! Die dritte Exzeptionalität ist Lina 
Loos. Eine ungewöhnliche Persönlichkeit, die un- 
gewöhnliche Sachen vorträgt zu den Tönen einer 
Oboe und in blauem Mondenschein. Eine junge 
Dame drückt ihren Schmerz, ihre Verzweiflung 
darüber aus, daß der Mann nicht romantisch 
reagiere. Sie träumt von den Minnesängern 
und erlebt Herrn So und So. Ein echter Altenberg 
in besonderer Umrahmung. Man erblickt wirklich 

20 Frieden, Das Altenbergbuch. 305 



eine wunderbar anziehende und enttäuschte Frau, 
vernimmt direkt ihre Klage, nicht mehr nur auf 
dem Umwege des mitfühlenden Dichterherzens 1 
Und diese Oboemelodie ist so poetisch. Kapell- 
meister Scherber hat sie erfunden. Das ganze ist 
gerichtet gegen die armselige Realität des täg- 
lichen Daseins. Deshalb sind alle eigentlich da- 
gegen und fast beleidigt. Sogar für sorgenlose 
Kinder ist nur einmal im Jahr Weihnachten, ein- 
mal Geburtstag, einmal Namenstag. Und gar erst 
bei Erwachsenen? Die Feste der Seele und der 
Sinne sind eben selten. Die Dichter verkünden 
sie unentwegt, aber sie konmien nicht! Deshalb 
wird man resigniert und begnügt sich mit dem 
Pofel. Was soll man machen? Jedenfalls die träu- 
menden Dichter nicht anfeinden, die andeuten, 
wessen man eigentlich bedürfte 1 

P. A. 

(6, März ipo8.) 
(Kabarett „Fledermaus".) Das März- 
Programm ist noch nicht ganz herausgekommen. 

306 



Als besonders ist zu erwähnen Hollitzers „Fauler 
Landsknecht", Gedicht vom Prinzen Schönaich- 
Carolath, Musik von Kapellmeister Scherber. 
Hollitzer singt das tiefernste Lied fast ohne Be- 
wegung in einer echten alten Landsknechtrüstung. 
Man ist ergriffen, weiß nicht, wodurch. Es ist wie 
das Verhängnis. Man ist gepanzert und bewehrt, 
aber das Herz ist ungepanzert und weint. Ein 
düsteres Erlebnis, dargestellt fast ohne jede Be- 
wegung. Ein Kunstwerkchen, ein allerliebstes, ist 
Amalia Nagel, die Fünfzehnjährige, als Dirndl in 
einem Alt-Linzerischen Kostüm mit Goldhaube, 
ein altösterreichisches Lied vortragend. Sie ist 
unbeschreiblich diskret in Bewegung und Mimik, 
künstlerisch sparsam und edel zurückhaltend, eine 
zarte, aber vollwertige Persönlichkeit! Sie 
hat bereits von selbst keinerlei Mätzchen, sondern 
eine anmutige Nonchalance, die bezaubert Möge 
sie sich um Gotteswillen nichts dazu einlernen 
lassen 1 Vorläufig besitzt sie von selbst höchsten 
Takt und Geschmack. Man muß sie loben, damit - 
sie sich ja nicht verändere, denn unter Hunderten 



20* 



307 



ist sie allein eine Persönlichkeit! Sie ist eigentlich 
das allerbeste, was es an „Wiener Sängerin" gibt. 
So jung sie ist, ist sie ein vornehmes Überbleibsel 
von vergangenen Zeiten, so 1850 ungefähr. Wenn 
sie nur den Mut behält, sie selbst, ganz sie selbst 
zu bleiben!? Das wäre wirklich wunderschön. 
Eine neue Szene: „Die Wohltäter", ist eine Satire 
auf die harten Herzen und ist gedacht wie eine 
lebendig gewordene Illustration von Gul- 
bransson im „Simplicissimus" samt Text. Man 
liest eine Seite besten „Simplicissimus", oder viel- 
mehr man erlebt sie, statt sie zu lesen! Diese 
ausgezeichnete Intention ist nicht ganz er- 
reicht worden, obzwar sehr wenig dazu noch fehlt. 
Die Gestalten des Professors, des Pastors, des Ein- 
jährigen sind besonders gut. Jedenfalls ist es eine 
neue Anbahnung, Karikaturen, in kurze be- 
deutsame Szenen umgewandelt, lebendiger „Sim- 
plicissimus" ! Ein wundersam feines Quartett von 
Kapellmeister Scherber, „Die schöne Dorothee", 
gesungen von Scherber, Lebrun, Koppel, Horace, , 
meisterhaft inszeniert von Hollitzer, ist für viele 

308 



der Höhepunkt des Abends. Es ist wirklich etwas 
Vollkommenes, Musik, Spiel, Gesang und Milieu. 
Dr. Egon Friedeil trägt leicht, eindringlich und 
trocken wirkungsvoll eine seiner humoristischen 
Skizzen „Die Regieprobe'' vor und bringt als Zu- 
gabe Altenberg-Anekdoten, die den Dichter zwar 
als Halbidioten, aber immerhin ganz richtig 
charakterisieren. Das März-Programm ist überaus 
reichhaltig. Ich habe mir da nur meine „Perlen" 
herausgefischt. 

P. A. 

(j. Februar ipop.) 
(Kabarett „Fledermaus'*.) Februar- Pro- 
gramm. Es ist ein herrliches, reichhaltiges Pro- 
gramm. Es ist ein so rührender Versuch darin, dem 
Publikum, das sich amüsieren will, alle nur mög- 
lichen Konzessionen zu machen und dennoch der 
„Würde der Angelegenheit" ein bißchen zu die- 
nen. So entstand der „Kabarettgedanke", so ent- 
stand jetzt sein zweiter lustigerer Teil: „Die zehn 
Gerechten". So entstand die feine und zugleich 

309 



groteske Parodie „Der Schatten des Lord Rahu", 
in der Dr. Egon Friedeil den Sherlock Holmes in 
eleganter unpointierender Manier darstellt. Es ist 
ein fast tragischer Kampf in der „Fledermaus" 
zwischen Künstlern und ihren Welten und dieser 
Welt „Publikum". Die Himmelsstürmer sind die 
Besiegten, die Konzessionen machenden an allen 

Ecken und Enden sind die Besiegten hier 

wird ein reservierter, fast idealer, weil möglicher 
Mittelweg eingeschlagen. In den „Zehn Gerech- 
ten" wird das Publikxmi der „Fledermaus" selbst 
in den eigenen Räumen dargestellt, während einer 
Kabarettvorstellung. Es wird also dem wirklichen 
Publikum ein Spiegelbild vorgehalten seines Be- 
nehmens, Fühlens und Denkens. Das ist ein lie- 
benswürdig-gefährlicher Versuch. Von den Dar- 
stellern erwähne ich nur den tüchtigen „Mostrich", 
der sich schon seit langem auch in der „Operetten- 
parodie" als Kammerdiener ganz besonders durch 
diskrete und dennoch groteske Charakterisierung 
hervortut! Welcher Direktor wird ihn entdecken, 
bis ihn alle bereits entdeckt haben? ! Es steckt ver- 



310 



borgene Kraft in ihm, man könnte sich patzig 
machen mit seiner Entdeckung. Aber auch dazu 
hat niemand die Lust. Laube hatte sie noch und 
Dingelstedt. Aber seitdem findet man das bessere 
Geschäft darin, „protokollierte Firmen" zu über- 
zahlen, anstatt billige zu „entdecken"! — Ich 
möchte nun einen Hymnus schreiben auf Mimi 
Marlow. Aber diese natürliche, einfache, liebens- 
würdigste Urkraft versteht man entweder mit freu- 
digstem Herzen oder man versteht sie gar nicht. 
Sie ist die „Seele" der reizenden „Operettenparo- 
die", sie belebt und erwärmt, wirkt wie ein aller- 
herzigstes Kindchen, ohne sich irgendwie darum 
zu bemühen! Ein jedes ihrer neuen Lieder ist er- 
füllt von ihrer lieblichen Naturkraft, sie belebt alles 
sieghaft, weil in ihr selbst natürliches Leben ist, 
das dann naturgemäß ausströmt, sich auslebt im 
Chanson. Miß Olga George hat „künstlerische Ab- 
sichten", aber es wird niemandem plausibel, selbst 
dem geneigtesten Schmock nicht! Sie hat es sich 
zu bequem gemacht, zu leicht vorgestellt Im 
Publikum sind viel mehr „geniale Nicht-Tänzerin- 

3" 



nen"! Beardsley war ein „genialer Irrsinniger"; 
einen Schritt weiter und er wäre ein Trottel ge- 
worden. Ihn rettete ein Irgendetwas. Aber die an- 
deren sollten vorsichtig sein. Nur nicht an solchen 
gebrechlichen „G e n i e - T r o 1 1 e 1 n" sich hinauf- 
ranken wollen, wie Beardsley, E. T. A. HofFmann, 
Novalis, Strindberg, Wedekind, Hamsun etc. etc. 
Sie wissen alles, alles, nur nicht, daß drei und fünf 
acht ergibt, diese einfachen Dinge begreifen 
sie nicht. Dazu sind sie zu kompliziert, zu 
genial. Infolgedessen sind sie natürlich T r o t- 
telndeseinfachenLebens. „Mundus v u 1 1 
decipi" ist eine der größten Gemeinheiten des 
menschlichen Denkens. Wie wenn man sagen 
würde: „Ein Kind will mit Zündhölzchen 
spielen''! Selbst das Kabarett kann eine „Welt 
voll Aufklärung'' sein, aber es muß Leute geben, 

die „aufgeklärt" werden sollen ! 

P. A. 



312 



il 



Sä 






ZWÖLF BRIEFE 
AN EGON FRIEDELI. 



(1907- ) 
Ich habe in Erfahrung gebracht, daß der Herr, 
den Du und Fischer mir als den Schriftsteller 
F^dor V. Zobeltitz vorgestellt haben und der mir 
mitteilte, die Berliner Vorlesung meiner Skizzen 
durch Gertrude Barrison sei Stadtgespräch, ein 
Schauspieler in Wien bei Gabor Steiner sei, der 
sich zu dieser feigen Mystifikation her- 
gegeben hat. Ich hätte niemals es für möglich ge- 
halten, daß ein so überaus intelligenter Mensch, 
wie Du es bist, aus Neid, Bosheit und Heim- 
tücke eine so unendlichfeige und bei un- 
seren intellektuellen Beziehungen, so traurige 
Gemeinheit hätte begehen können! Daß ich 
mich über den Erfolg der edlen Gertrude über-' 
aus freute, konnte kein Grund sein, mich vor 
fremden Menschen (Mila Barry, Dr. M., der Schau- 
spieler) als eitlen Idioten hinzustellen. Es wird 
genug Feindselige und feige Neidlinge geben, die 
sich über Deinen gemeinen Schurken- 
streich freuen werden. Die wenigen Gerechten 
aber werden ebenso entrüstet sein über die boden- 

315 



lose Infamie wie ich. Es ist selbstverständlich, daß 
ich j eglichen Verkehr für immer ab- 
breche! !1 Ich erinnere Dich nur an unseren 
gemeinsame Ausspruch: „Ohne Herz ist alle 

Intellektualitat eine ewige Unfruchtbarkeit .*' 

Peter Altenberg 

(1908.) 
Lieber Egon, 

Du weißt es gar nicht, wie sehr Du „in meinem 
Herzen" Dich befindest . 

Du bist der einzige Mensch auf der Welt, 
den ich nicht für einen „irrsinnigen, feigen und 
verbrecherischen Idioten" halte, obzwar das 
Wort „Idiot" bereits alle anderen Verbrechen 
in sich birgt! 

Dein „Alkoholismus" errettet Dich vor den 
„menschlichen Schwächen", das sind einfache 
Probleme des komplizierten Daseins ! Betrun- 
ken sein können, heißt außerhalb der 
kleinlich-werthlosen Lebenssphäre, für wenige 
Stunden, sich befinden können. Das kannst eben 

316 



vor allem Dul Deshalb allein schon liebe ich 
Dich ernstlich! Du bist „ein Bankrottirer", der 
Carrifere macht! Ein seltener Fall im Leben! 
Mögest Du um Gotteswillen weise bleiben wie 
bisher! Das Verhängnis „Weib" bedroht Dein 

Leben unaufhörlich, ohne daß Du es weißt . 

Deshalb bitte ich Dich inständigst, ent- 
täusche mich nie, nimm diese hundsgemein 
verlogene Komödie „Leben" niemals ernst, 
und glaube es nie, daß die Eitelkeit, Blödheit und 
feige Frechheit ausduftende Frau wertvoller 
sei als der Alkohol !! 

Dein Dich liebender 
Peter Altenberg 

(1903-) 
Lieber Egon, 

Ich bitte Dich dringendst, mir meine 23 Gulden 

zurückzugeben. Wenn Otto Erich sein Geld von 

Dir dringend verlangte, würdest Du wol nicht 

einen Augenblick lang es wagen, ihn mit rohen 

Spässen abzuspeisen! Soll ich wirklich meine 

317 



Noblesse und gutmütige Art überall nur zu büßen 
haben?!? 

Es ist ein Unrecht, mit mir unter Angabe, 
25 Gulden zu besitzen, zu „Maxim" zu gehen und 
mich dann Alles bezahlen zu lassen! 

Ich ersuche dringend st um Begleichung Deiner 
Schuld! 

Dein P- A, 

(Semmering 1912,) 

(Privat! Geheimnis!) 

Liebster Egon, 
also ich habe durch heimtückischen Zu- 
fall und Komplikationen, die ich natürlich mit 
meinem „Krupp-Stahl-Gehirn" hätte unbe- 
dingt voraussehen müssen, meinen ein- 
zigen wirklichen Versteher und „objekti- 
ven Freund" verloren? ! Gut! Auchdasnoch! 
Weshalb nicht? Solche Kraftnaturen wie ich wer- 
den langsam zerprackt vom Schicksal, so A b- 
brucharbeiten an halbversteinerten 
Gebäuden ! Als mit ihrem Vater erschien und 

318 



mir mitteilte, sie hätte mit Dir Rendezvous, 
da erkannte ich Dein und also auch mein 
Sedan + Königgrätz + Waterloo! I ! Ich halte 
Deine „Entwicklung" durch diesen absolut irr- 
sinnigen, seelisch-sexuellen Fall in- 
folge Gesamtreizung des Gehirnes wegen 
nicht mehr vertragbaren Alkohols (von 
Seiten des Magens und Darmes!) für gehemmt 
und zerrüttet. 

Dein dankbar ergebener Freund 
Peter Altenberg 

De femina: 

Das Obers abschöpfen können, ist alles! 
Die Tiefe, d. h. die stinkende Flachheit 
dem Philister! 

(Semmering 1912,) 

m 

Neueste Forschungen. 
Das „Skorpion-Weibchen" lockt das „Skorpion- 
Männchen" unmerklich in eine flache dunkle Stein- 
höhle hinein. Dort geschieht etwas dem Forscher 
bisher Unerforschliches. Aber später findet er 

319 



das „Skorpion-Weibchen" in voller Tätigkeit, das 
durch irgend etwas geschwächte „Skorpion- 
Männchen" bei lebendigem Leibe anzufres- 
sen und zu vernichten! 

Man hat eigentlich kein Mitleid mit dem „Skor- 
pionmännchen", da es doch einem unwider- 
stehlichen Zwange zum natürlichen Opfer 
fällt ! 

Ha, ha, ha, ha, Ihr Über- Ober- Unter-Men- 
schen I 

P. A. 

(Semmering 1912,) 
Liebster Egon, 

Habe tatsächlich „unter Tränen" in dem heute 
mir zugeschickten Hefte „Die Neue Rundschau" 
die Ankündigung Deines Buches gelesen I 

Egon, wir müssen zusammenhalten, gegen 
alle diese neuen Schwindler, Hochstapler, Gauner, 
Impotente in Litteratur, Musik, Malerei, wir müs- 
sen sie vernichten! 

Eine Dreck-Hure ohne Seele, Geist, Anmuth, 

3^0. 



Peier Altenberg an seinem 
Stammtisäi im „Löwenbräa" 
Karikatur von Karl Holliizer 






Talent etc. etc. etc. darf uns nicht ent- zweien, 
sondern muß uns vereinigen, zu ewiger 
Abwehr der Reptile! ! 1 Dein P. A. 

(1907^) 
Lieber Egon! 
Ich glaube, daß ich Alles leiste, was überhaupt 
einer an selbstloser Bethätigung leisten könnte! 
Und da thust Du mir das Ärgste an, weckst mich 
aus dem Schlafe! Bis 10 Uhr Nachts mußte ich in- 
folgedessen liegen und meine ohnedies unerträg- 
lichen Leiden waren unbeschreiblich. Hättest Du 
nicht die theure Frau abhalten können, einem Men- 
schen, der ihr nichts zu leide that, unnötige Qua- 
len zu bereiten?!? Nein, Du konntest es nicht! 
Denn die Menschen sind schrecklich in ihrem un- 
ermeßlichen Egoismus. Nichts, nichts, nichts ist 
ihnen wichtig als die Rücksicht auf den schäbigen 
Augenblick! Ich verzeihe es der theuren, unbe- 
schreiblich verehrten Frau, aber Du, Du?!? Wes- 
halb mußt auch Du mir beweisen, wie brutal die 
Männer sind?!? P. A. 

21 Frieden, Das Altenbergbuch. 32 1 



Ich liebe Dich! 

Hoffentlich verstehst Du es, was das heißt . 

Es heißt, daß unsere beiden Gehirne einen „Ein- 
klang" haben, daß sie „recte" funktioniren, so, wie 
man es eigentlich von sämmtlichen Gehirnen er- 
warten sollte!! 

Aber sie thuen es nicht, kein Mensch weiß 
warum, aber sie thuen es nicht! 

Mögest Du mich nie verleugnen, es würde näm- 
lich an Dir ausgehen, denn mein Leben ist 
bereits verpfuscht und verloren! Egon, Egon, sei 
weise! Das ist Alles, was ich Dir zu sagen 

weiß , 

Dein Dich liebender 
Peter Altenberg. 

(19^2) 
Liebster Egon, 
vergiß es nie, daß ich es genau weiß, wer Du 
bist, und wer alle Anderen sind! Tue mir die 
Ehre an, daran nicht zu zweifeln! 

* 

322 



Ich leide namenlos unter der Unzulänglich- 
keit der Menschen, was Du mit Alkohol auszu- 
gleichen verstehst! Während es mich noch ver- 
zweifelter macht und Alles Alles Alles durch- 
schauend! Man sagt mir also ins Gesicht, daß ich 
„aus ökonomischen Gründen" zu Dir 
halte!?! Das sagen mir Leute, die den einzigen 
Irrsinn begehen, den es überhaupt gibt, an 
Frauen ihre ökonomischen Kräfte vergeuden?!? 
Du hast mir vom i. Oktober bis i. April 140 Kro- 
nen geschenkt, bist mir seitdem 180 -{- 20 schul- 
dig. Du bist also trotz Deines immerhin bedeuten- 
den Verdienstes, mir noch 60 Kronen schuldig. 
Ihr seid Alle merkwürdige Menschen. Wenn ein 
Mensch eine Geschlechtskrankheit hat, so könnte 
man es, sagen wir, aus Eifersucht, ihm einmal 
sagen! Das wäre doch verständlich. Aber woher 
die Menschen die schrecklich heim- 
tückisch-perfide Kraft hernehmen, einem 
etwas absolut Unwahres ins Gesicht zu sagen, 
das, das versiehe ich nicht!!! Ich bin also 
für Dich „aus ökonomischen Gründen"?!? Egon, 

21* 323 



ich fordere Dich auf, streite für mich I Tue mir 



diese Ehre anül Nein, Dirlü 



Dein P. A. 



(1903-) 
Du hast in tief feindseliger Weise und ohne 

durch irgend etwas dazu gedrängt worden zu 
sein, gegen mich strenge Partei ergriffen in einer 
Sache, die zu heikel war, um darüber ein dezidir- 
tes Urteil fällen zu können. 

In dieser Situation, in der meine Freundin weg- 
geht, weil ich bei einer anderen Dame sitze, wird 
ein Gentleman niemals gleichsam gegen mich und 
mich verurtheilend, dieser Weggehenden Dienste 
leisten, gleichsam sie bemitleidend und die Lage 
gegen mich zu verschärfend I Im Gegentheile wird 
in einem solchen Falle überall strenge Fernhal- 
tung stattfinden, besonders aber bei Solchen, die 
einem angeblich freundschaftlich gesinnt sind. Du 
u. Herr N. thaten jedoch das Feindseligste; sie 
standen von dem Tische der Frau R. auf u. obwol 
sie Beide meine heikle und schwierige Situation 

324 



erkannten, eilten Sie auf Emma P. zu, gleichsam 
sie bedauernd wegen der schlechten Behandlung, 
die ich ihr zutheil werden ließ. 

Nachdem ich Herrn N. schon oft u. flehentlich 
gebeten hatte, auf meine, nehmen wir an übertrie- 
benen oder krankhaften Besorgnisse Rücksicht zu 
nehmen, hätte er unter allen Umständen an diesem 
Abende Emma unter keiner Bedingung nach 
Hause begleiten dürfen. Ich glaube, man kann das 
von einem Menschen, den man seit einem Jahr 
werkthätig über Wasser hält u. dem man in der 
letzten Aff'äre „Mitzi'' so freundschaftlich bei- 
gestanden ist, verlangen und erwarten! 

Für Alles also, was ich für N. gethan, meine 
Fürsprache bei Dülberg, meine Collecten, meine 
Verwaltung der Gelder etc. etc. konnte Herr N. 
also meinen armen Nerven nicht das geringe 
Opfer bringen, Emma zu sagen, daß er, meinet- 
wegen sie nicht zu begleiten wage?!? Und Du, 
Du, Du, ein gänzlich Unbeteiligter, machst in un- 
verschämter Weise Front gegen mich, ohne daß 
ich Dich irgendwie provozirt habe?!? 

325 



In welcher wirklich ritterlichen Weise habe ich 
mich sogleich von der süßen Vilma zurückgezogen 
und wurde Dein selbstloser Vermittler!?! Wie 
habe ich für N. bei Mitzi gesprochen!?! 

Ich kenne Deine dunklen Pläne nur 
zu genau und weiß, weshalb Du mich 
jetzt gerade absichtlich reizen 
willst, damit ein Bruch entstehe!!!!! 

Außerdem ersuche ich um die 4 fl., die Du mir 
schuldest ! 

Peter Altenberg 

(^905-) 
Ich bitte Dich aus tiefster Noth meines zermar- 
terten Herzens, beginne nun nicht auch Du aus 
Männchen-Eitelkeit, mit dieser bösen und schreck- 
lichen Coquetten anzubandeln! Es stünde nicht 
dafür meinen unermeßlichen Leiden gegenüber, 
dieser billige, ach so billige Triumf, eine irrsin- 
nige unerzogene Hysterische einzufangen! Es 
wäre schändlich-feig, ihr die Handhabe zu geben, 
mich und Erna zu martern ! ! ! 

326 



Anka ist eine Teuferin. Du hast ^chon gestern' 
ostentativ ihr Burgtheatersitze gekauft, ferner 
beim Abschiednehmen ihre Hand absichtlich 

lange in der Deinen gehalten ; . Mußt Du, 

ehe Du wegfährst, noch die paar Tage benutzen, 
meine Qualen unnötigerart noch zu vermehren?!? 

Albert Heine würde so etwas mir nie, 
nie, nie anthunll! Dein unglückseliger 

P. A. 

(190p.) 
Liebster Freund, ich könnte eigentlich sagen, 
einziger Freund, denn es gibt menschlicher- 
weise nur geistige Beziehungen, und bei allem 
allem Anderen beginnt bereits der Höllen- 
Schwindel, und Satan mengtsichirgend- 

wie darein . 

Nur Un-Geistiges, sentimental- verehrungs- 
volles, ist eine Gefahr! Denn es erwischt uns 
eventuell bei unseren atavistischen Schwä- 
chen, die plötzlich wieder hervorschießen können 
als Unkraut in unserem edlen Weizenfelde! 



327 



Ich darf Dir nicht danken für Alles, was Du für 
mich geleistet hast, denn es war Dir und mir o r- 
ganisch, selbstverständlich, und not- 
wendig! 

Ich flehe Dich nur um eines an, arbeite dennoch 
Tag und Nacht an Deiner „Entwicklung" und 
sonne Dich nicht in bequemen Sonnen!!! 

P. A. allein ist heiß und herb zugleich. 

Z. B. das „Peloton-Feuer", das „Wort-Magazin- 
gewehr-Geknatter", die Wort-Schüsse aus Repetir- 
kanonen neuester Konstruktion hast Du noch nicht 
los! Du machst es noch mit „Intelligenz" und „e r- 
höhtem Willen", so im Schlachtenrummel, 
aber der „Mechanismus" muß bei solchen exorbi- 
tanten Leistungen das Ganze gleichsam leicht 
tragen können! 

Trotzdem könnte mich Niemand auch nur 
annähernd so vollendet lesen wie Du ! Beson- 
ders das „Märchen" ist ein erlesenes Stück! Deine 
Conference erklärte meine Schwester Gretl 
einfach für rührend-wahrhaftig, ja für das Einzige, 
was man ewig über mich zu sagen hätte! 

328 



Peier Altenberg während einer 
„ Ftückenmarkskriese" 
Karikatur von Karl Hollitzei 



^ 



Da Gretl selbst kolossal wahrhaftig und natür- 
lich ist, ist das ein höchstes LobI Fast mehr 
als von allen allen Anderen. Jedesfalls sei für 
immer meiner Anerkennung und meiner ech- 
ten Freundschaft versichert! 

Dein Peter Altenberg 

Bitte diesen Brief Niemandem als Deiner 
Tante zu zeigen. 
Ehrenwörtlich! 

P. A. 



329 



VIER BRIEFE 

AN DIE TÄNZERIN 

BESSIE B. 



(ipo6.) 
Liebe Frau Bessie, 
ich sage Ihnen nun, da Sie für längere Zeit 
wegreisen, noch schriftlich adieu. Ich habe 
gestern gesagt, Ihr Leben sei vergleichbar (com- 
parable) mit dem Leben des Beethoven. Und das 
war unbedingt so! Eingeschlossen (enclosed, 
retired in yourselve), in Ihr eigenes, den An- 
deren unbekanntes Leben, sehen Sie 
nun England als Ihre ersehnte (longed) Heünath, 
die Ihnen Frieden bringen soll und Kraft zu 
existirenl Alle Menschen hier (Mr. L. ausgenom- 
men), haben Sie nervös und unruhig gemacht, 
eigentlich aber nur schrecklich gelang- 
weil tl Niemand hat Respekt und Freund- 
schaft zugleich . Sie sind eine 

Dichterin! Das Leben ist nicht so reich- 
haltig (copious, various) als Ihr eigenes 
Inneres! Daher entsteht (f or that is Coming) in 
Ihnen eine gewisse melancholische Gereiztheit. — 
Das Glück ist aber weder in Österreich, noch in 
England zu finden, sondern nur in der Tiefe des 

333 



eigenen Herzens! Hier allein ist das Reich des 
Friedens oder des Unfriedens! 

Ich bete Sie an, Kindlich- Adelige! 
Aristocraticaly child! You are living allways in 
your own world (the „Bessie world"), 
and for that you are the sister of Beethoven 
and of all poets! They all are living in a world, 
which is u n k n o w n by all the other people — . 

Pieter Altenberg 
(don't be vexedl) 

(ipo6,) 
By the shemaker. 

I whas seeing two beautiful pears of boots by 
the shoemaker Magy in the Wallner street in 
Vienna. Two g r e a t boots and two little. 

And I whas seeing theese two little m o s t 
grieves . Sorrow and grieves . 

And I whas seeing theese two little most 
most beloved boots going in the beautiful 
and silent woods and mountains, together with 
the most heated two great boots, together 

334 



in the beautiful and silent woods and moun- 
tains . 

And I was seeing my own very old and ugly 
boots, remaining in Vienna, in the bad and hot 
stressts in spring and summer, and without her, 
without her ! My heart was to to sorrowf ul . 

And than I gave on every of the beloved little 
new boots a kiss of all all my tenderness and I 
was praying: God save Bessie and all the ways 
which her beloved feets will be gqing. Amen! 

(ipo6.) 
The beauty of all the world is imprimed in your 
beloved and adorated front, Bessie, in your 
f earing and melancholic sweet eyes, Bessie I I love 

your eyes fanatically . The heart of a 

mother is Coming in my heart as I saw your eyes, 
Bessie! Now you are at London, and I am crying 
and sick here. You sweered me, to 
wright! 

God, only God see me and He knows what my 
soi^ had to bear . Bessie, I wish to die 

335 



for you. Most beloved, adorated Bessie, 

I can not wright more. 

Yours. Yours. 

Peter Alteöberg, 

swimming in tears. 

(191^0 
PA's Landschaften. 

„Hochweg am Semmering, einst bewunderte 
ich alle Deine schönen Details und liebte ein 
jedes . Seit Du Bessie's Morgenspazier- 
gang geworden, seh' ich nur piehr ihren 
Schritt!" 

Peter Altenberg 

„Semmering, Du beglückst Tausende, 

Tausende Müder ; 

aber Dein größtes Verdienst ist, daß Du 
Bessie beglückst I " 

Peter Altenberg 

„Immer und überall bist Du gangbar, Hochweg, 
, Parkettboden' des Semmering gleichsam 1 Und 

336 



Semmering 1912. 



Bessie's Schuhe und Strümpfe werden nicht 
naß — . Geliebtester Semmering, den ich schon 
seit meiner Kindheit verehrte, behüte mir sorg- 
sam die zarteste Frau im Patschwetter des 

März !" 

Peter Altenberg 

„Alle anderen Frauen sind 'im Laufe ihres 
Lebens von ihrer eigenen Natur irgend- 
wie abgewichen . Nur Du, Bessie, 

bliebst Bessie! So bleiben Wald und Wiese, 
Wiese und Wald immerdar!" 

Peter Altenberg 

„Möge der heilige Athem von Wiese und Wald 
Tag und Nacht Dich anathmen wie ein leiden- 
schaftlich liebender Mund, auf daß Du gedeihest, 
Allerholdeste, Bessie!" 

Peter Altenberg 



22 Fried eil, Das Altenbergbuch. 337 



NEUN BRIEFE 

AN DEN ARCHITEKTEN 

ADOLF LOOS 



[Als Loos sich verlobte,] 

(1902,) 
Hast Du so rasch vergessen, daß Peter Alten- 
berg nur Peter Altenberg sei und niemals, nie 
ein Anderer werden könnte, wollte?!? Mußt 
Du mir so rasch beweisen, wozu es keines Be- 
weises bedurft hätte, daß Du von den Gipfeln 
eines Vogelperspektive-Daseins, von den 
heiligen Höhen vielleicht unerreichbarer 
Ideale in das Daseins-Thal voll eklen Dunstes und 
träger Armseligkeiten heruntergestürzt bist?!? 
Vae victis! 

Peter Altenberg 

[Als Loos ihm eine Katze geschenkt hatte.] 

(1902,) 
Lieber Loos! 
Du hast mir mit dem Kater die größten Unan- 
nehmlichkeiten gemacht. 

Georg duldet es absolut nicht; Du mußt ihn 
zurücknehmen! 

Dein P. A. 



341 



[Als Loos ihn eingeladen hatte, mit auf den Semme- 

ring zu kommen,] 

(1905-) 
Lieber Loos, 

ich bin in tödtlicher Verzweiflung; ich flehe 
Dich auf meinen Knieen, lasse mir zu Tode er- 
schöpftem Menschen noch um Gk)tteswillen 2 Tage 
Zeit Ich bin den neuen Veränderungen nicht 
gewachsen. Niemand ahnt, was in mir vorgeht 
Ich habe psycho-physiologische Hemmungen und 
Lähmungen in der Energie-Sphäre, die vom 
Rückenmark und Gehirn ausgehen. Nur zwei Tage 
Ruhe-Zeit Dränge mich nicht, das vergrößert nur 
meine Lähmtmgszustände I Ich bin wie ein ge- 
hetztes Wild. 

Zwei Tage brauche ich noch. Es wäre furcht- 
bar, gerade in diesen kritischen Tagen mir eine 
solche mich vollkommen erschöpfende Verän- 
derung aufzubürden! 

Gnade für 2 Tagel 

Zwei Tage müssen mir gegönnt werden, 
2 Tage. Dein unglücklicher P. A. 

342 



[Aus der Sommerfrische ohne Anlaß.] 

(1903-) 
Ihr frech-feiger Antisemitismus 

ist die Krönung Ihrer Schändlichkeit, da Sie 

Ärgeres, Gemeineres gethan haben, als 100 Juden 

im düstersten Galizien zu thun im Stande wären I 

Pfui Teufel. 

(1903.) 

Lieber, edler, wunderbarer, zärtlichster Freund, 
ich flehe Dich an bei Deinen idealen Gefühlen 
für mich, entziehe mir nicht Deine unbeschreib- 
liche, nie dagewesene Freundschaft wegen dieser 
schweren Tage, die ich noch durchzukämpfen 
habe. Jeder Nervenarzt würde Dir es sagen, daß 
ich schuldlos binl Häufe nicht noch Unglück 
auf Unglück und bleibe mein Freund, Du Aller- 
bester! 

P.A. 

(1905-) 
Wenn man M.'s Art gegen Dein schäbiges Ver- 
halten vergleicht, so begreift man, daß die 



343 



Noblesse eines mit natürlichen Kräften ausgestat- 
teten Adels- Menschen noch immer einen rohen 
amerikanischen Porzellan-Wascher unendlich 
übertrifft. Ich bin zu gutherzig geschaffen für 
diese Welt von schamlosem Barbarentum und 
hinterlistigem Egoismus. Du wirst mich nicht 
täuschen über Deine rohe Seele! Es ist keine 
Kunst, die „Tulpen" für gut zu finden. Sonst hast 
Du nur aber meine Lebens-Leidens- Wege nur 
erschwert und contre-carriert! 

Peter Altenberg 
Auch bist Du mir noch 4 Gulden schuldig! 

Mein lieber Freund Adolf Loosl 

Ich kann Dir zu Weihnachten nichts, nichts 
anderes geben als die Versicherung, namenlos 
glücklich zu sein, in den schweren Bedrängnissen 
meines Lebens, bei den tiefen unbeschreiblichen 
Enttäuschungen, Dich zmn Freunde zu haben! 

Es ist ein absolut lügeloser und völlig natur- 
gemäßer Einklang zwischen uns, nicht mühselig 

344 



herbeigeführt durch die unzuverlässigen Zufällig- 
keiten des Lebens, sondern aus den innersten 
Organisationen heraus von selbst geworden ohne 
verlogenes Bemühen 1 Deine Art, das Leben zu 
erfassen, die Kunst, die Liebe und Alles, ist 
meine Art! Und was uns trennt, ist nur, daß du 
als Junger und Gesunder einen Weg gehst und 
hoffnungsreich bist, während ich, älter und 
sterbenskrank, am ^Ziele meines eigenen Seins 
und fertig bin! Dennoch verbindet mich mit Dir 
allein eine wirkliche ungefälschte Zusammen- 
gehörigkeit 

Von dem edlen Schlangenholze und getriebenen 
Eisen und Kristallglas an bis zur „schweigsamen 
Frau", die Ruhe bringt, nicht r a übt, unter- 
schreibe ich Alles, was Du denkst und empfindest. 

Ich hatte das Bedürfnis, Dir dies eyimal zu 
sagen I Peter Altenberg 

(1902.) 
Ich muß Dir noch rasch vor dem Schlafengehen 
einige Zeilen schreiben, ich muß es. 

345 



Ich war nie im Leben tiefer und menschlicher 
gepackt als durch die Art und wunderbar edel- 
offene Weise Deiner von mir tiefst verehrten 
Freundin. 

Ihr stilles Weinen und die Ohrfeige, die sie 
Egon gab und ihre Worte: „Das hat mich er- 
löst -\ sind ja doch direkt heilige unver- 
geßliche Erlebnisse. 

Dein P. A. 

[Als Loos ihm einen Anzug schenkte,] 

(ipo6.) 
Du wolltest also nicht mir eine Freude machen 
mit dem neuen Anzug, nicht mir einen Freund- 
schaftsdienst erweisen, sondern wolltest nur, in 
frech-tyrannischer Art, mich zwingen, 
meinen unantastbaren Geschmack deinem ver- 
fehlten elenden verkommenen, den 
idiotischen Engländern und Amerikanern 
abgeguckten, irrsinnigen, wider- 
sinnigen Geschmacke anzubequemen !?! 
Schmeckslim Du Sklave fremder Völkerlll 

346 



Ich pfeif auf deinen Lovath-Anzug, oder wie 
der „grüne Mist" sonst heißt, den die St. Moritz- 
Kretins jetzt tragen! Die „Mode" ist die 
größte Torheit der, sonst auch schon 
genug törichten Menschen! 
Mich wirst du nicht blöd machen, du Mode- 

torheit-Gigerlster aller Gigerln! 

Dein P. A. 



347 



ADOLF LOOS: 

ABSCHIED 
VON PETER ALTENBERG 



Mein lieber Peter, 

man hat mich gebeten, etwas über Dich zu 
schreiben. Der Leser erwartet vielleicht etwas 
Feierliches, große und klangvolle Worte, wie sie 
eben ein Freund finden wird. 

Aber ich weiß, mein lieber Peter, Du erwartest 
das nicht von mir. Du warst selbst gegen alles 
Feierliche. In Deinen Büchern erscheinst Du 
dem Leser oft pathetisch. Aber wer einmal den 
Klang Deiner Stimme gehört hat — o, welche 
schöne Stimme hast Du gehabt! — , dem erschien 
Deine Schreibweise das Natürlichste von der 
Welt, directement nonchalant. 

Aber ich soll Dich den Leuten erklären. Man 
weiß von Dir nur, daß Du bei Tage schliefst und 
bei Nacht in den Vergnügungslokalen henim- 
saßest. 

Also ein Lump, einer, der sein Geld vergeudet! 
Aber nein, das warst Du nicht; Du warst der 
Sparsamste der Sparsamen. Jeden Morgen, bevor 
Du Dich zur Ruhe legtest, zähltest Du Dein Geld. 
Über jeden Heller konntest Du Dir Rechenschaft 

351 



geben. Jeden ersparten Groschen trugst Du in 
die Sparkasse. Und als Du einmal — es war in 
Gmunden — von einem Hotieleinbruch hörtest, da 
wurde auch der letzte Heller deponiert, und iDu 
hast folgendes Telegramm an Deinen Bruder aus- 
gegeben: 

„Lieber Georg, schicke mir hundert Krönen, 
habe mein ganzes Geld auf die Postsparkasse ge- 
tragen und starre nun dem Hungertod ent-, 
gegen.'- 

Also ein Geizhals. Nein, bei Gott, das warst 
Du nicht Stets hattest Du eine Kleinigkeit für alle 
die mißhandelten K}tndefr, von denen P. A. in 
den Zeitungen erfuhr. Peter Altenberg — zehn 
Kronen. Das war eine ständige Notiz in den Aus- 
weisen der Kinderschutz- und Rettungsgesell- 
schaft. Und man frage die Kellner, Marköre und 
Stubenmädchen. Nein, kein Kavalier gab größere 
Trinkgelder, als P. A. Und wenn es sich darum 
handelte, jemandem eine Herzensergießung rasch 
zukommen zu lassen, dann wurde der Hausdiener 
in der Nacht aufgeklingelt, und er mußte ein 

352 



Peier Altenberg und Adolf Loos, 1918 



^ 



zehn Seiten langes Telegramm am Hauptamt auf- 
geben, für das die hundert Kronen fast aufgingen, 
die er von Dir mitbekam. Inhalt: Ich liebe dich! 
Aber auf Altenbergisch. 

Also doch ein Verschwender! Nein, denn die 
letzten zwei Jahre hast Du nur von Kartoflfeln, 
drei Portionen täglich, gelebt, weil Du es für 
eine irrsinnige Verschwendung gehalten hast, 
zehn Kronen für eine Fleischspeise auszu- 
geben. 

Also ein Genügsamer, dem alles recht war! 
Nein, das warst Du schon gar nicht Nie hat die 
Welt vor Dir einen empfindlicheren, sensibleren 
Feinfschmeckeir gesehen als Dich. Unter Hun- 
derten von Äpfeln konntest Du mit Todsicherheit 
den köstlichsten heraussuchen, nicht mit Deinen 
Händen, nein, mit den Augen. Mit Deinen Augen 
erkanntest Du den zarten Krebs, den Nieren- 
braten. Von jedem Tier aßest Du nur das leich- 
test verdauliche Stück: das Filet. Vom Rebhuhn 
und Fasan hast Du nur das Brustfleisch gegessen; 
das schwarze Fleisch blieb liegen. Spargel, ja, 

23 Frieden, Das Altenbergbuch. 353 



aber nur den edelsten Solospargel. Und als Du 
einmal, nachdem Du den Kellner schon zum 
drittenmal zurückgeschickt hattest, Dir doch den 
Nierenbraten einreden ließest, da versuchtest Du 
ihn, ließest den Braten stehen, bezahltest ihn und 
bliebst hungrig. Peter, willst Du denn gar nichts 
essen? — Nein, mein Budget für heute ist bereits 
erschöpft. 

Also warst Du genußsüchtig. Denn Du warst 
am liebsten dort, wo Zigeunermusik spielte, Cham- 
pagner getrunken wurde und die Mädchen tanzten. 
Also warst Du ein Alkoholiker, mein Lieber. Aber 
nein, kein Mensch hat den Alkohol so tief gehaßt, 
wie Du. Wie die Kinder die bittere Medizin ver- 
abscheuen, so graute Dir vor Wein und Schnaps, 
Getränke, die literweise auf Deinem Nachttisch 
standen und von denen Du glasweise trinken 
mußtest, um Dir den Schlaf zu verschaffen. Aber 
bei Tisch hätte es niemand vermocht, Dir ein 
Gläschen Likör einzureden. Bier und Cham- 
pagner? Als aber das erstere zum Schlafmittel 
wurde — vierunzwanzig Flaschen für die Nacht 

354 



— da mußtest Du auch Deinen philisterhaften 
Stammtischschoppen aufgeben. 

Also waren es die Frauen, die Dich hinzogen. 
Aber Du saßest in einem Winkel und sprachst 
mit Freunden und kümmertest Dich nicht um die 
Mädchen. Der Walzer war Dir verhaßt. Nur wenn 
eine amerikanische oder englische Melodie ertönte, 
da konntest Du zuhören, begeistert zuhören und 
mitsingen. Wie eine Oboe klang Deine Stimme, 
manchmal gefiel Dir auch ein Mädchen. Aber 
reden wolltest Du mit ihr nicht. Mit Deinen Augen 
wolltest Du sie genießen — jedes Wort, das sie 
sprach, brachte Dir eine Enttäuschung. 

Also warst Du ein Weiberfeind? Ja und nein. 
Aus Deinen Büchern wollten die Leute heraus- 
gelesen haben, daß Du der letzte Troubadour 
seiest. Wie enttäuscht waren sie, wenn sie Dich 
sprechen hörten. Denn Du kanntest die Frau, Du, 
der Du eine Frauenseele in deinem Manneskörper 
trugst. Eine perverse Frauenseele allerdings, so 
daß für die Welt alles in Ordnung schien. Nur 
Dein Verhältnis zu den Kindern mußten sie miß- 

23^ 355 



verstehen. Sie wußten nicht, daß es ein weibliches, 

mütterliches Verhältnis war. 

Weiblich war Deine peinliche Ordnungsliebe, 

Deine Reinlichkeitsliebe für Deine Sachen. Deine 

Wohnung ist rührend, und ich fordere Wien, die 

Stadt Wien auf, diese Wohnung im Museum der 

* 
Stadt Wien unterzubringen. Diese Kammer, in der 

P. A. gehaust hat, wird doch noch Platz finden. 
Die Tapete, die er ausgesucht hat, wird noch auf- 
zutreiben sein. Und alles an die alte gehörige 
Stelle, samt dem kleinen Weihwasserbecken, dem 
Rosenkranz und dem Bilde der Muttergottes aus 
Mariazeil um zehn Kreuzer, das ihm das Stuben- 
mädchen mitgebracht hat. 

Die Stubenmädchen! Sie haben im Grabenhotel 
an Deinem Todestag sicher alle geweint. Aber 
auch der Hausdiener. P. A. war ein Tyrann. Aber 
noch nie wurde ein tyrannischer Herr so geliebt 
wie dieser, weil er der menschlichste unter allen 
Tyrannen war. 

Habe ich mit diesen paar Zeüen Dich den 
Leuten verständlich gemacht? Ich glaube nicht. 

356 



Und wenn auch! Keine Stimme wäre stark und 
mächtig genug, den Wienern begreiflich zu 
machen, daß seit dem Begräbnistag GriUparzers 
kein größerer ihrer Söhne zu Grabe getragen 
T^nirde. 



3v57 



AUS DEN 

LETZTEN AUFZEICHNUNGEN 

PETER ALTENBERGS 



Letztes Bild, Winter !9IS 



Regenerationskur, Beginn 7. 2. 19 17: Sandalen 
und Fuß-Woltat-Bäder. Kopf-Woltat. Magen-Diäte- 
tik. Darm-Diätetik. Schlaf bei weitgeöffneten Fen- 
stern! Rheum et Magnesia usta. Natur, Geist, Seele, 
frische Luft, Abtrocknung. Gust. Klimt starb am 
6. 2. 1918, im 56. Lebensjahre. Schicksale be- 
rechnen wollen oder korrigiren ist ein Irrsinn! 
Wandle den dir zugemessenen Weg und ver- 
schwinde I ! ! 

P. A. 

9. 3. 19 18. 59. Geburtstag, 6 Abends im Tuch- 
lauben-Kino: Erna Morena in „Die Geschichte der 
Julie Tobaldi", mit Dr. D. und Cousine Lotte. 
Habe Alles duchge weint, was hienieden durch- 
zuweinen ist für einen vorzeitig Verlorenen! 

P. A. 

Donnerstag, 24. 5. 1918. Vollkommene Zer- 
störung. Zum Selbstmord keinen Mut, also ein 
Leben ertragen, das unertragbar ist! 

Peter Altenberg. 

361 



25- 5- 1918. Mein Leben ist absolut verloren! 
Es handelt sich nur mehr um Wochen, die ich 
mich noch künstlich erhalten kann! 

11. 6. Rekonvalescenz, aber keine Gesundheit. 
Irgendwo in der Maschine stockt es! Schade. 

P.A. 

12. 6. Die „Erlösungen" haben aufgehört. Die 
Lebensmaschinerie stockt trotz alledem. Verzweif- 
lung. Ich schreibe meine letzten Skizzen zur 
Aufklärung für die anderen. Das ist meine natur- 
gemäße und eigentlich unentrinnbare Verpflich- 
tung! — Was ich besser, richtiger erfahren habe, 
muß ich weiterspenden I Gebot seines eigenen 
Geistes, seiner eigenen Seele. P. A. 

14. 6. 1918. Ich erwache zum erstenmal im 
Leben mit „Zahnschmerzen**. Am 9. 3. 191 9 
werde ich 60 Jahre alt. Was ich zu sagen hatte, 
den Anderen, habe ich gesagt. Hoffentlich in 
einer annehmbaren Art! Bis zum 9. 3. 19 19 muß 
ich also „durchhalten", obzwar es mir eigentlich 
bereits fast unmöglich ist. 

362 



Es beginnt heute eine neue Regenerationskur I 
29. 6. 1918. 

26. 6. 19 18. Von IG Uhr Morgens bis 2 Uhi* 
Nachmittags plötzliche Erlösung von 6 Monate 
langen unermeßlichen Leiden! In inniger Dank- 
barkeit dem gütigsten Schicksal! 

P.A. 

Die Nacht, i Uhr, 23. 12. 19 18, vor dem Weih- 
nachtsabend. Das Ende meines Dichter- und 
Menschenlebens. Gezwungen, den Leidensweg 
eines unerbittlichen Richters zu gehen. Gezwun- 
gen aus innersten Gründen, aus verhängnisvoll- 
ster fatalster, dem Untergang zuführender, unent- 
rinnbarer Bestimmung!?! Begeisterung verzehrte 
alle seine wenigen Lebens-Energien, die zu dem 
naturgemäßen „Kampf ums Dasein" so wie für 
Alle auch für ihn zweckmäßig hätten selbstver- 
ständlich verwendet werden müssen! So brach er 
etwas vorzeitig, vor dem 60. Geburtstag, 
9. März 191 9, zusammen. 



363 



FRANZ THEODOR 
CSOKOR: 

DIE VORLETZTE 
RUHESTÄTTE 



Der große Friedhof. Krähentag. Himmel wie 
trübes Eis. Baumgestrüpp zersplittert es 
zwischen seinen erzblanken Ästen. Am Ende der 
Allee stemmt sich die städtische Leichenhalle ent- 
gegen; Pavillon so und soviel; Abfahrtsperron in 
das ewige Leben. 

Morgen soll der Dichter P. A. von hier aus die 
unausbleibliche Reise antreten. 

Ich stehe im Raum. Er ist nüchtern, rein sach- 
lich. Seine Mitte und seinen Zweck betont eine 
Art Katafalk. Das Wort klingt zu festlich für das 
leere Gerüst. Rechts und links davon, längs der 
Wände, Ställe; durch dünne Zwischenwände ge- 
trennt voneinander. Drinnen auf Bahren über 
Platten, Särge. Es sieht aus, als seien sie aus einem 
Keller in diesen Himmelsfrachtbahnhof herauf- 
gekurbelt worden. Sie wurden es auch. 

Eilig ein Priester mit Chorknaben. Aus einem 
Stall wird ein Sarg gebracht, ein kahler ungestri- 
chener Kriegssarg und auf seine letzte ober- 
irdische Haltestelle gesetzt. Vom Hintergrund 
lösen sich etliche schwarzgekleidete Figuren; 

367 



andere bleiben; die gehören zu dem Nachbarsarg, 
der danach an die Reihe kommt. Das Schluchzen 
einer Frau überfließt das Murmeln des Priesters. 
Dann schultern Träger die Truhe. Hinaus damit! 
Keine Pause im Betrieb! Irgendwo werden 
Schollen fallen und den irdischen Wandel eines 
Gleichgültigen oder eines Genies besiegeln. Viel- 
leicht wird jemand einige Sätze äußern; vielleicht 
geht man aber auch gleich jausnen. 

Morgen soll der Dichter P. A. von hier aus die 
unausbleibliche Reise antreten. 

Oder irre ich? Ein amtliches Organ wird be- 
fragte. Er schüttelt den Kopf. „Peter Altenberg? 
Ham mir den überhaupt heut?" 

„Nein. Erst morgen. Aber ich dachte — die 
Aufbahrung — ." 

„Aso! Erseht morgen? Ja, lieber Herr, da liegt 
er wohl noch am Eis; da unten oder drüben." 

Er geht. 

P. A. hat sein Ende geschaut, aufgezeichniet 

Als wehrloser einsamer Mensch mußte er seinen 
Tod zu sich lassen, den letzten von vielen, die er 

368 



i 



« 

^ 




















^ 
•-J 



schon vorher gestorben war. Und dennoch schrie 
und stritt er wider ihn bis in die letzte Sekunde 
mit siedendem Herzen durch den Flammenkreis 
eines fieberlodemden Lagers. 

Aber die letzte Einsamkeit, die war so groß, 
daß das Bett zu Eis wurde. Und das kochende 
Herz Gefrierfleisch. 

Die Wirklichkeit tibertrumpft doch noch alle 
Phantasie. 



24 Frieden, Das Altenbergbuch. 369 



DR. GENIA SCHWARZWALD: 

EIN EHRLICHES 
BEGRÄBNIS 



Ein weltfrommer und weltweiser Dichter ist 
gestorben, weil er die Sündhaftigkeit und die 
Torheit des Weltkrieges nicht überleben konnte. 
Kurz vor seinem Tode hat er beschrieben, wie er 
sich sein Begräbnis vorstellt. Die großen Wiener 
Blätter, verlangte er, sollten ihm hübsch große 
Strohkränze, mit altem Spagat verschnürt, spen- 
den, denn „man soll doch im Tode wenigstens es 
genau wissen, wie ein jeder im Leben zu einem 
gestanden hat!" 

Dieser letzte Wunsch ist Peter Altenberg erfüllt 
worden. Ein efirlicheres Begäbnis hat es schwer- 
lich jemals gegeben. 

Das Ehrengrab, mit dem sich die Gemeinde 
Wien selbst geehrt hat, umstanden wirkliche Leid- 
tragende, wirkliche Tränen wurden geweint, 
wirkliche Empfindungen waren auf Gesichtern 
zu lesen. Keine mine de circonstance, keine 
Heuchelei. 

Es war ein schönes, ein würdiges Begräbnis. 
Das ganze offizielle Wien fehlte wie ein Mann. 
Kein Undichter von bedeutendem Namen hatte 



373 



den Mut aufgebracht zu erscheinen. Altenbergs 
Bruder und Schwestern schritten hinter dem 
Sarge. Sie weinten nicht. In gelassener, beinahe 
heiterer Achtung geleiteten sie den, der augen- 
scheinlich nicht nur zufällig ihr Bruder war. Sie 
weinten nicht, wohl aber Altenbergs Freun- 
dinnen: das alte Stubenmädchen aus dem Graben- 
Hotel, dessen mysteriöse Ergebenheit in das 
zufällig unglückliche Schicksal des gebeugten 
Rückens er liebevollst besungen hat; das junge 
Mädchen aus gutem Hause, dem er weibliche 
Demut beigebracht hat und Einsicht in die Nutz- 
losigkeit seines Damendaseins; die Tänzerin aus 
dem Casino de Paris, die allmählich all das Herr- 
liche geworden ist, was er in ihr sah. Ohne seine 
Überschätzung glauben die Frauen nicht leben 
zu können, so weinen sie. Seine Freunde, die 
Männer, weinen nicht, aber sie sehen so fahl aus, 
als sei alle Farbe, alle Buntheit aus ihrem Leben 
gewichen. Wie sollen sie weiterleben ohne seine 
Ekstasen, seine Leidenschaften, seine Lächerlich- 
keiten? Sie fühlen, daß nicht nur die letzte, daß 

374 



die wertvollste Spezialität Wiens weg ist. Jetzt 
erst haben sie den Weltkrieg ganz verloren. 

Es herrscht eine merkwürdig tiefe Stille in dieser 
Versammlung, nur durch das Murmeln lateinischer 
Gebetworte unterbrochen, bis endlich erlösend 
eine Stimme ertönt, eine Edelmetallstimme. Karl 
Kraus, das strenge Gewissen Wiens, spricht den 

m 

letzten Gruß. Und der konventionelle Vorgang: 
„Rede an der Bahre", den man schon hundertmal 
im Leben, peinlich berührt, hat über sich ergehen 
lassen, wie ist er diesmal mit neuem Inhalt gefüllt 
bis an den Rand. Man fühlt es, was jedes Wort 
den menschenscheuen Denker kostet Aber er 
kennt seinen Altenberg, der gesagt hat: „Keiner, 
dem lauttönend zu sprechen ist, hat' das Recht, 
stumm abzutreten." Innerlich bebend, äußerlich 
männlich gefaßt, spricht er: Nänie, Hymnus, An- 
klage. Er verkündet, was die Welt an Altenberg 
versäumt hat, was er den Besten in Wien war 
und was er der Welt künftig einmal sein wird. 
Man glaubt Kraus jedes Wort. Jeder weiß plötz- 
lich, daß jeder gegen den toten Dichter gefehlt 

375 



hat. Jeder leistet sich selbst das Gelöbnis, zum 
Menschen heranzuwachsen, nach Altenbergs Ge- 
bot „der zu sein, der er ist, nicht mehr, nicht 
weniger". 

Loos, der Architekt, Altenbergs Freund und 
Apostel, will auf dem Grab im Gegensatz zur 
prunkvollen Umgebung ein einfaches Holzkreuz 
aufrichten. Das ist ganz in Altenbergs Sinn, der 
alles geliebt hat, was schön ist und wenig kostet. 
Wenn dann noch in späten Zeiten einmal reizende 
kleine Mädchen (aus Buben hat er sich sein Leb- 
tag nichts gemacht) auf seinem Grab Diabolo 
spielen oder an schönen Frühlingsabenden farbige 
Luftballons zum Himmel auffliegen lassen werden, 
dann wird Altenberg sehr zufrieden sein. 



376 



Peter Altenberg 1918. 
Aufnahme Trade Fleisdtmann, Wien. 



BRIEF EINER 
PROSTITUIERTEN 



(Januar 1919.) 

Sehr geehrter Herr Docktor Friedel 

Was nur hat den lieben guten Hern Peter ge- 
fehlt? Ich kan es nicht glauben, das ich nun nie 
mehr ein liebes gutes Wort von ihm hören werde. 
Ob Herr Docktor sich an meinen Namen erinern, 
weis ich nicht. Mein Namen ist Fini, in tiefen 
Schmerze bitte ich mir einige Zeilen zu schreiben, 
wie es Hern Peter in letzter Zeit ergangen 
und woran der Arme gestorben, mir ist so weh 
und es tut mir so sehr leid das ich nicht doch 
einmal hinauf gegangen, ich habe einige Mal 
beim Portier gefragt wie es Hern Peter ginge, 
da hies es imer gut aber er wäre nicht zu 
sprechen weder Vorraitag noch Nachmitag. 
Und nun werde ich die liebe gute Stime die 
doch nur so wenige gekant nie mehr hören, 
ich verlire damit sehr sehr viel den ich bin arm 
und mit mir war noch nie jemand so lieb 
und gut. 

Nun werde ich halt hie und da hinaus wandern 

379 



zu den stillen Hügel und weinen weinen um 
meinen lieben guten Hern Peter. 

In aller Hochachtung 
Fini D p. Atr. Cafee R 



380 



PETER ALTENBERG 

UND DIE 

NACHWELT 



In Nr. 546 — ^50 der „Fackel" hat Karl Kraus eine 
Anzahl von Zeitungsstimmen wiedergegeben, die beim 
Tode Peter Altenbergs laut geworden sind. Ich bringe 
einige dieser eigenartigen Nekrologe hiemit zum 
dritten Abdruck, denn mir scheint, daß sie in einem 
Versuch, ein Bild von Peter Altenbergs Erdenbahn 
zu geben, nicht fehlen dürfen. 



Ostdeutsche Rundschau, Wien, lo. Januar 1919: 

Gestern ist Peter Altenberg gestorben. Er gehörte zu den 
wunderlichsten Erscheinungen des Wiener Nachtlebens, das im 
Kabarett mit heimlichen Sehnsüchten nach lilafarbenen Seelen- 
beichten gestrandeter Halbweltkoryphäen begann und im Caf6 
de L'Europe «Ende nie!» markierte. Dort war er von GafTem aller 
Art stets umdrängt. Die einen zahlten ihm aus Mitleid, die andern 
aus «Hetz» einen Schwarzen oder einen Knickebein. Er nahm sich 
in dieser Gesellschaft von Dirnen, Lebemännern und Kulturgigerln 
seltsam genug aus. Einem Toten soll man nur Gutes nachsagen. 
Wir bescheiden uns danmi in Erinnerung zu bringen, was Max 
Geissler in seinem «Führer durch die deutsche Literatur des 
20. Jahrhunderts» über den lebenden Dichter Peter Altenberg aus- 
gesagt hat. Es heißt dort: «Eine sehr üble Erscheinimg auf dem 
deutschen Parnaß, die ein groteskes Spiel mit sich selbst und etwa 
dem Kaffeehauspublikum spielt, oder was auf seiner Höhe steht. 
Der Dichter als Karikatur. Aber allem Anscheine nach aus raffi- 
nierter Berechnung. Bohemien in seinem Leben und Schaffen — 
ein Gaukler, der in Peter HiUe einen Bruder besaß, zu dessen Zerr- 
bild er sich hinabarbeitete. Dabei vergißt er das Hängekleidchen 
einer mitunter recht schlecht gespielten Kindhaftigkeit abzutun. 
Aber — warum denn nicht? Solange es ein Publikum gibt, das 
zu so etwas sich bekehrt, und Literaturgeschichtenschreiber, die 
über seine Dirnenfreundschaften und Dirnenseele sich entzücken — 
warum denn nicht? Er steht sich besser bei dieser Sorte Boheme 
als in anderem Kostüme . . . Für seine sogenannten Dichtungen 
wählt er den Telegrammstil der Seele, und Albert Soergel, der 
Schreiber einer artistischen Literaturgeschichte, bringt es fertig, ihn 
«den lieben Boten einer sanften Kultur der Liebe und Schönheit» 



383 



zu nennen . . . Gesunde Menschen nennen solche Leute anders. 
Aber er wird wenigstens auf diese Weise noch einigermaßen fertig 
mit seinem Leben. Seine Dichtung ist unreif wie die Komödie 
seines Daseins, ein Mosaik von banalen Gemeinplätzen und Frivoli- 
täten, und möchte die Dimenmoral auf den Thron setzen». 

Deutsche Tageszeitung, Berlin, 9. Januar 1919: 

Der bekannte Dichter Peter Altenberg ist heute Mittag gestorben. 

Peter Altenberg war am 9. März 1859 zu Wien geboren. Von 
Hause aus Mediziner, mußte er seinen Beruf eines schweren Nerven- 
leidens wegen aufgeben und lebte nun oder wurde der Literatur 
gelebt. Sein stärkstes Buch — wenn man bei ihm von Stärke 
reden kann — blieb: «Wie ich es sehe.» Altenberg oder P. A., wie 
er sich nannte, gab, wie er einmal sagte, keine Geschichten oder 
Skizzen, sondern «Extrakte» und überließ es dem Leser, daraus 
«eine schmackhafte Bouillon» herzustellen. Auf die Art mögen 
ganz niedliche Sächelchen entstehen, aber weiter auch nichts. 
Manches davon kann man lesen; das Ganze aber macht einen 
labberigen Eindruck. Seine Freunde wußten von einer überfeinerten 
Kultur bei ihm zu reden, wo wir nur Gestaltungsarmut und viel- 
fach auch literarisches Rückenmärkertum sehen können. P. A. hat 
auch Verse gemacht. Das hätte er nicht tun sollen. 

Neue Hamburger Zeitung, 10. Januar 1919: 

Spielerisch und daseinsschlürfend und andern von den Extrakten, 
die er genoß, in mitunter lotteriger Form servierend, blieb seine 
Art bei allem witzelnden Geistreichtum im Feuilleton erschöpft. 
Ein literarischer Sonderling, mehr ist nicht an ihm, Mokka mit 
viel, viel Sahne und Zucker. Das ist er. Wäre er doch ein bißchen 



384 



kaltschnäuziger, spitzbübiger gewesen, wünscht man oft, nicht gar 
zu wienerisch. Maskuliner, muskulöser, mehr Zigarre als Zigarette, 
nordisch, aber beileibe nicht nach Berlin zu orientiert, das ihn 
völlig verdorben hätte. — Doch wozu ihn anders wünschen? Er 
fühlte sich in seinem wohlig temperierten geistigen Badewasser 
wohl, und wenn er als Lieblingsbeschäftigimg einmal angab: «den 
Sommer in Gmunden verbringend und den See anstarrend vom 
Morgen bis Abend», so ist damit eigentlich sein Lebenslauf er- 
schöpft. 

Wiener Mitteilungen, Wien, Februar 1919: 

Wahrer Christenpflicht gehorchend, wollen wir dem Verblichenen 
keine spitzfindige Nachrede halten. Seine Originalität als Mensch 
mag unbestritten bleiben. Das beachtenswerte an Gedankengut, das 
Altenberg mutwillig oder notgedrungen auf den Weg gestreut hat, 
ist sicher auch von Literaturfreunden, die nicht gerade zu seinen 
Lobrednem gehörten, willig aufgelesen worden. Nur gegen die 
ungebührliche und aufdringliche Art einer gewissen Gemeinschaft, 
Altenbergs leicht aufgeschossene Arbeiten als etwas ganz Hervor- 
ragendes und Nachahmenswertes zu preisen, mußte man sich zeit- 
weilig kehren. 

Germania, Berlin, ii. Januar 1919: 

Kleine Mitteilungen. 

Peter Altenberg, der sattsam bekannte Wiener Literat, ein 
schwacher Impressionist, ist am 8. Januar gestorben. 



25 Frieden, Das Altenbergbuch. ^gc 



PETER ALTENBERG: 

REPLIK 



(ipii, aus dem Manuskript,) 

Ein Herr Ludwig Wehrig sprach mir im Unter- 
haltungsblatt des „Berliner Lokalanzeigers'* 
jegliches Talent ab. Das kann ich nun nicht finden; 
es sind manche hübsche Sächelchen in meinen 
Büchern. Nur muß man sie aus dem Miste heraus- 
zuklauben verstehen. Herr Wehring hat etwas 
gegen mich; er will mich für kein Genie halten, 
heute, wo doch in jeder halbwegs annehmbaren 
Familie drei sich befinden, sei es in Gesang, 
Klavier, Malerei oder Dichtkunst, oder selbst noch 
ganz unausgesprochene, hinter denen ein gewisses 
Etwas schlummert, pst, nur nicht aufwecken ! Herr 
Wehring hat behauptet, bei mir einen Satz über 
das Wesen der Freundschaft gefunden zu haben, 
den auch Nietzsche ausgesprochen habe. Ja, was 
kann ich dafür, daß dieser Herr Nietzsche und 
ich über das Wesen der Freundschaft ganz der- 
selben Ansicht sind? Ich habe sie ihm nicht bei- 
gebracht, also höchstens er mir. Aber auch das 
ist nicht möglich, da ich von ihm niemals etwas 
gelesen habe, was alle meine Freunde gerne be- 

389 



stätigen werden, die von meiner krassen Un- 
wissenheit tiberzeugt sind. Gott, weshalb sollen 
zwei Genies nicht auch einmal dieselben Gemein- 
plätze niederschreiben?! Herr Wehring meint, ich 
sei etwas zu sehr mit einem gewissen Peter Alten- 
berg beschäftigt. Ja, dieser Mensch kam eben 
leider mit mir auf die Welt, verließ mich nicht 
eine Sekunde lang während 52 Jahren. Da nünmt 
man freilich manche Eigenheiten an, die man 
unter anderen Umständen nicht besäße. Ich könnte 
Herrn Wehring fragen, weshalb meine Bticher ins 
Tschechische, Russische, Französische, Dänische, 
Ungarische, Polnische übersetzt seien?! Aber er 
könnte mir darauf erwidern, daß gerade Schund- 
literatur den größten Absatz habe. Worauf ich 
replizieren könnte, daß meine Bücher gar keinen 
Absatz haben. Worauf er sagen würde: „Das 
glaube ich Ihnen gerne." Aber mit solchem gei- 
stigen Geplänkel kommt schließlich nichts heraus. 
Ich bitte Herrn Ludwig Wehring ganz einfach 
inständigst, mir zuliebe, mich dennoch für ein 
Genie zu erklären, und mich nicht gegen eine 

390 



Menge anderer zurückzusetzen, denen es in jeder 
Beziehung viel besser geht als mir. Ich habe mich 
mein ganzes Leben lang redlich geplagt, gar nichts 
zu leisten, und jetzt will man mich nicht einmal 
für ein Genie halten, das geht nicht, irgend etwas 
muß man doch vorstellen in einer geordneten Ge- 
sellschaft. Also Herr Wehring Ludwig, überlegen 
Sie sich's, gehen Sie in sich, oder vielmehr gehen 
Sie aus sich heraus! 



391 



.^ 




FÜNF BRIEFE 

AN DEN 

MALER KARL HOLLITZER 



(1907^) 
Lieber Karl, 

glaube ja nicht, daß ich nicht Alles Alles weiß 
und spüre . 

Dir, Kurzsichtigem, ist das obgleich 
organische Emporwachsen Deiner Gelieb- 
testen zu einer ersten Vortragsmeisterin eines 
ersten modernsten Dichters, unsympathisch, er- 
füllt Dich mit eigentümlichen und kleinlichen Be- 
sorgnissen . 

Lasse Dich von Ortrud und Telramund nicht 
um Deine lichte Größe bringen, Karl! 

Ich habe, ich kann keinerlei persönliches Inter- 
esse daran haben als den Triumph, ein klar- 
sehender Mensch zu sein . 

Gertrude ist die Realisirung aller Deiner in 
Dir bisher verborgenen Träume vom Leben! 
Lasse Dich nicht irre machen, um Gotteswillen, 
durch Leute, die das Lebensglück bereits ver- 
spielt, verthan haben!!! 

Ich habe einen fanatischen Idealismus für die 
edle unerhört intelligente Gertrude und werde 

395 



mit jedem Atemzuge für sie sein, ohne sie persön- 
lich zu lieben. 

Lasse Dich von mir berathen, mein Freund, 
und mißtraue ewig Denen, die organisch 
die Feinde Deines Glückes und der adeligen Frau 
sein müssen; sein müssenll Gertrude ist 
die Vollkommenheit, der erfüllte Traum 
des modernen Menschen. 

Lieber, lieber Karl, ich kann Dich nur bitten: 
„Sei, der Du bist! 

Nicht mehr, nicht weniger, aber der sei! 
Und in Allem und Je dem!! I" 

Dein b e s o r g t'e r P. A. 

(^905-) 
Liebster bester Freund Karl, 

Ich war heute morgens 7 Uhr, nach unermeß- 
lichen seelischen Qualen, gezwungen, der geliebten 
vergötterten Frau es zu sagen, daß mein armes Herz 
endlich gemordet wurde durch sie, heimtückisch 
und grausam, grundlos und in kindischer Bös- 
willigkeit. 

396 



Mein lieber guter Karl, wenn Du meine Todes- 

Noth auch nur ahnen könntest . Wenn Du es 

sehen könntest, wie ich, in Thränen gebadet, mich 

in unermeßlichem Leide verzehre . Sie 

hat mein armes an ihr krankes Herz behandelt wie 
einen alten stinkenden Hund, den man nur rasch 
los werden will, so oder so. Nun aber sage ich es 
Dir, daß ich es nie, nie, nie für möglich gehalten 
hätte, daß gerade Jemand von den Deinen, aus 
Deiner Familie, mir kalt und nachsichtslos den 
Dolch ins blutende Herz hätte senken können! 

Gerade Herrn Franz und Herrn Emil habe ich 
vom ersten Augenblicke an in ein freundschaft- 
liches Herz geschlossen, ja von ihnen exaltiert 
geschwärmt . 

Und Herr Franz, der junge blühende kraft- 
strotzende Mensch, der auf tausend Wegen tausend 
Herrlichste finden könnte, mußte mir diese Eine, 
Einzige, die ich fanatisch und irrsinnig liebhabe, 

grundlos, nur aus Laune, wegnehmen . 

Er hätte sich es doch sagen müssen: „Weshalb 
muß ich gerade mit dieser Einen, an der ein armer 

397 



alter kranker Narr leidet und vergeht vor Schmer- 
zen, weshalb muß ich gerade mit dieser Einen 
einen einsamen Spaziergang im Parke machen?!? 
Weshalb gerade diese Eine, vor ihm, neben ihm, 
auf den Schoß nehmen, um ihm unermeßliche 
Seelenqualen zu bereiten, während es für mich 
höchstens ein sexuelles Vergnügen ist?l?" Ich 
hätte das weder Dir noch Herrn Franz noch Herrn 

Emil jemals angetan . 

Ich liebe Anka fanatisch, irrsinnig. Sie ist 
das äußerste einzige Ideal meiner ästetischen 

Träume .Da hätte Herr Franz, ein Junger, 

Blühender, dem Tausende doch zur Verfügung 
stehen, doch mir Unglückseligem ein Opfer brin- 
gen können . Wenn er es auch nur an- 
nähernd gewußt hätte, welchen entsetzlichen 
thränenreichen Leiden er mich aussetzt, er hätte 
bestimmt es nicht thun können an mir! Bestimmt 
nicht. Es gibt noch Hundert und Hunderte von 
Frauen, mit denen man Gelegenheit hat, sich in 
Beziehung zu setzen. Muß es gerade Jene sein, 
die einem Freunde ein Leben bedeutet?!? 

398 



Herr Franz hat an mir fast verräthe- 
risch gehandelt, da er einerseits meine fana- 
tische Liebe zu Anka kannte, andererseits meine 

zärtliche Freundschaft zu ihm selbst . 

Stand es ihm wirklich, wirklich dafür, 
mein armes banges ersterbendes Herz zu foltern?!? 
Stand es ihm wirklich dafür?!? Die Qualen des 
heutigen Abends und der Nacht mir zu bereiten?!? 
Stand es ihm dafür?! kann er es „seelisch" ver- 
antworten? ! ? 

Ich kam Euch mit meiner ganzen freundschaft- 
lichen warmblütigen Seele entgegen — . 

Karl, Dein Cousin hätte mich schonen sollen, 
schonen müssen . 

Aber er hat es nicht gethan . P. A. 

(1907^) 
Sie dringt ein. Von Peter Altenberg. 

I. Ein Brief. 

Liebster Freund, 
in zärtlicher Sorge lege ich es Dir ans Herz, 
ununterbrochen daran zu denken, daß Du 

399 



nun von zwei der adeligsten feinfühligsten diskre- 
testen und exzeptionellsten Frauenseelen umgeben 
bist, während die „Hollitzers" gleichsam dagegen 
ein altes robustes Bauerngeschlecht repräsen- 
tirenl Verlasse Dich unbedingt auf den Takt 
und Geschmack dieser beiden Adelsgeschöpfe. 
Es wird daraus nur Gutes für Dich entspringen! 
Dieses Trio könnte ein heiliges werden mit be- 
sonderen nie vernommenen Akkorden und Klän- 
gen, wenn Du, mein Freund, der überzarten 
Melodie, die von diesen beiden Frauenseelen aus- 
geht. Dich unterordnest . 

Glaube hierin zum erstenmale nicht dem 
Freunde, sondern dem Dichter Peter Altenberg, 
der, ein krankhaft empfindlicher Organismus, 
eben auch noch Untertöne erlauscht hat der 
Frauenseele, die dem gesunden Mann des Lebens 
und der Kraft entgehen. 

Aber Frauen und Kinder, mein Freund, sind 
den Dichtern nahe verwandt. Auch sie haben 
geheimnisvolle und überzarte Welten in sich. Da 
möchte ich Dich denn bitten, diesen Poesien 

400 



.8 ^ 




Deiner beiden geliebten Geschöpfe zu lauschen 
und zu lauschen, denn es belohnt sich wirklich 
reichlich in sich selbst . P. A. 

IL Die Stiefmama. 

Sie war ganz jung und unbeschreiblich anmutig 
in ihren Bewegungen. Sie war jedenfalls wie aus 
einer anderen Region, besonders in ihrer Art, 
ängstlich zu schauen und zu schweigen und 
immer sie selbst zu sein in. jeder Stunde, ganz 
ganz sie selbst. Deshalb war ihr Lächeln so ge- 
quält und fast verzerrt, wenn sie im Gespräche 
bei irgend einer liebenswürdigen Bemerkung 
sagen mußte: „Ja wirklich, finden Sie es?I?" Diese 
junge Stiefmutter zog nun in das neue alte Heim 
ein. Der Gatte war gespannt wie vor einer lebens- 
entscheidenden Prüfung, verlegen und verwirrt. 
Sein zehnjähriges Töchterchen war ein wenig 
blaß an diesem Tage, wie unausgeschlafen. Die 
Wirtschaft des Hauses ging ihren gewohnten wohl- 
geordneten Gang wie eine gutfundirte erprobte 
Maschine. 

26 F r i e d e 1 1, Das Altenbergbuch. 40 1 



Aber als Alle drei Nachmittags friedlich bei- 
sammen saßen, beugte sich der glückliche Mann 
zu dem Ohr seines Töchterchens hin und sagte 
leise zu ihr: „Umarme Sie /* 

Da erwiderte das Töchterchen: „Ich werde sie 
xmiarmen, bis es an der Zeit ist — ." 

Und der Vater senkte tief gerührt den Kopf. 

Und es kam die Zeit und die Stunde . Da 

sagte der Vater: „Weshalb habe ich es, gelieb- 
testes Geschöpf, damals voreilig von Dir verlangt, 
weshalb ?I?" 

Da sagte das Töchterchen: „Das macht nichts. 
Du hast halt das ganze Glück schneller haben 

wollen, als es von selbst kommen kann !" 

Peter Altenberg. 

Lieber Karl, 
teile Dir im vorhinein mit, daß dies kein 
Bettel- oder Pumpbrief sei, sondern ein Brief, 
in dem ein bedeutender moderner Künstler 
und Mensch, den Anderen an seine fast 
unentrinnbaren menschlich-künst- 



402 



lerischen Verpflichtungen gemahnt I ^ 
Gründe hieftir: 

1. Meine wirklich schrecklichen ökonomi- 
schen Verhältnissei 

2. meine seit jeher Anerkennung 
Deiner genialen Fähigkeiten als „Karika- 
turist" (viel besser als Gullbransson) 

3. meine exzeptionelle Anerkennung 
Deines einzigen Kindes als Malerin und mein 
Bestreben, ihr hierin ganz hinaufzu- 
helfen 1 

4. mein Alter von 59 Jahren und meine 
schwere Nervenerkrankung und Verein- 
samung wegen Paula! 

5. Dein Glück einer großen Erbschaft! 

6. Dein Glück, daß durch das nie erwartete 
Ableben Deines verhältnismäßig noch 
jungen Bruders, Deine Erbschaft sich von 
selbst verdoppelt habe ! 

7. weil die langjährigen Renten, Julius 
Muhr 60 Kr., Josef Kainz 50 Kr., Wiener Werk- 
stätte 60 Kr., die alle ausgeblieben sind, 

26* 403 



Das Gespräch von den Kaninchen 

Eines Tages sagte Peter Altenberg zu mir: 
„Nun, das ist doch eine der großartigsten Erfin- 
dungen, daß man jetzt herausbekommen hat, daß 
man die Kaninchen essen kann I Denn die 
Kaninchen schmecken doch genau so gut wie die 
Hasen und sind dabei um die Hälfte billiger!" 

Darauf sagte ich: „Ja, aber das mit den Kanin- 
chen hat einen Haken. Denn wenn alle Welt 
Kaninchen essen wird, so werden sie schließlich 
mit der Zeit ebenso teuer werden wie die Hasen." 

Darauf erwiderte Peter Altenberg: „Wieso?!? 
Das ist ganz ausgeschlossen! Die Kaninchen 
können nie so teuer werden wie die Hasen! 
Deim die Hasen muß man doch erst schießen, 
aber die Kaninchen pflanzen sich von selber 
fort!!" 

Das Gespräch über Novalis 

Peter Altenberg sagte zu mir: „Wenn man von 
dir nichts anderes wüßte, als daß du ein Buch 
über Novalis geschrieben hast, so wüßte man 

407 



schon, daß du ein gottverlassenerTrottel 
bist! Wer war denn dieser Novalis!?! Der hat ein 
paar blöde Bticheln über griechische Kunst und 
Kultur gelesen und daraus hat er sich dann eine 
ganz öde, ausgeronnene, gymnasiastenhafte Idee 
von ,Griechentum' zusammenphantasiert 1 Und das 
Ganze hat er dann Wiederbelebung der 
Antike genannt ! Ich bin aufs äußerste gegen 
NovaUsü" 

„Aber nein, Peter," erwiderte ich, „der mit der 
Wiederbelebung der Antike, das war doch der 
Hölderlin!" 

„Nun, so war's der Hölderlin, das sind Na- 
men!" 

Das Gespräch über Frank Wedekind 

Wir saßen einmal nachts im Kaffeehaus, und 
da kam Frank Wedekind vorbei. Peter Altenberg 
sagte: „Ha, da kommt der bleiche Schurke!" 

„Aber geh, Peter," sagte ich, „versöhne dich 
doch wieder mit ihm." 

„Was!?!" sagte Peter Altenberg, „ich mich 

408 



„Nachts'. Karikatur von Karl Jagersbadier. 



mit ihm versöhnen?? Das ist ganz ausge- 
schlossen! Mit jedem andern meiner Tod- 
feinde könnte ich mich eher versöhnen!! Nur 
mit dem nicht! Denn warum? Bei allen übrigen 
waren es mehr oder weniger privatpersönliche, 
subjektive Animositäten I Aber den hasse ich 
doch objektiv!! Von dem trennen mich 
Welten! Der ist der Satan, der Beelzebub, der 
Antichrist auf Erden!" 

„Nun ja," sagte ich, „aber wenn er dir dreihun- 
dert Kronen leiht?" 

„Was heißt das!?! Er leiht sie mir doch 
nicht!!" 

Das Gespräch von der kältesten 

Nacht 

Peter Altenberg sagte: „Nun, ich bin doch der 
einzige moderne Mensch, der wirklich abgehärtet 
ist, ich schlafe bei der kältesten Nacht bei voll- 
kommen geöffneten Fenstern!" 

Darauf entgegnete ich: „Das scheint aber doch 
nicht so ganz zu stimmen. Denn gestern nachts 

409 



bin ich an deiner Wohnung vorübergegangen, und 
da waren alle deine Fester fest zu." 

„Nun," sagte Peter Altenberg, „war denn 
gestern die kälteste Nachtl?!" 

Das Gespräch vom Eichhörnchen 

Eines Tages sagte jemand: „Mein Bruder hat 
jetzt ein Eichhörnchen." 

„Großartig!!" sagte Peter Altenberg, „der 
moderne Mann muß ein Eichhörnchen haben! 
Ein Eichhörnchen ersetzt jede Frau! Es hat 
hundertmal mehr Humor, Grazie, Liebenswürdig- 
keit, Gutmütigkeit als jede Frau, und außerdem 
belastet es einen nicht, denn man braucht bloß 
zuzuschauen." 

„Nun ja," sagte ich, „aber es hat einen großen 
Fehler: es stinkt." 

„Wieso!?! Wenn es gezähmt ist?!?". 

.Das Gesprch von der Freundschaft 

„Egon," sagte Peter Altenberg, „begehe nie das 
Verbrechen, daran zu zweifeln, daß ich dein ein- 

410 



ziger aufrichtiger, absolut ergebener, wirklich 
vollkommen altruistischer Freund bini Lasse dich 
nie von andern gegen mich aufhetzen! Die andern 
wollen dich nur ausnützen und versuchen 
dich von mir abzubringen, weil sie eine Wut dar- 
über haben, daß ich dich ausnütze!" 

Das Gespräch vom Nigger 

Eines Tages kam ich ins „Casino de Paris", 
ein Wiener Nachüokal und sah dort Peter Alten- 
berg mit einem ziemlich verkommenen Nigger 
sitzen. Als dieser sich entfernt hatte, fragte ich: 
„Wie kannst du denn mit! diesem abscheulichen 
Nigger verkehren?" 

„Warum soll ich denn nicht mit ihm ver- 
keliren?!?" sagte Peter Altenberg. „Mit einem Men- 
schen, der die äußerste Anmut des Gehens, 
Stehens und Sitzens hat!" 

„Ja ja," sagte ich, „aber er ist doch ein ordi- 
närer Zuhälter." 

„Was??" sagte Peter Altenberg, „der soll ein 
Zuhälter sein?!? An dieser Bemerkung sieht man, 

4" 



daß du genau so mit infamen, perfiden, nieder- 
trächtigen Vorurteilen vollgepfropft bist wie die 
übrigen Philister I Das ist einer der edelsten, 
adeligsten, nobelsten, vornehmsten Menschen, die 
ich je kennen gelernt habel An dem sieht man den 
Unterschied zwischen afrikanischer und 
europäischer Kulturl Der soll ein Zuhälter 
sein?l" 

„Ja was ist er denn sonst?" 

„Er ist der Sohn des Königs der Goldküstel" 

„Und was macht er in Wien?" 

„Er studiert hier Medizin!" 

„Und was macht er im Casino de Paris?" 

„Er tanzt hier." 

„Ich habe ihn aber nicht tanzen gesehen." 

„Ja, jetzt ist er allerdings entlassen." 

„Wovon lebt er denn dann?" 

„Nun, er hat doch das Mädel!" 

Das Gespräch vom Apollotheater 

. „In diesem Apollotheater", sagte Peter Alten- 
berg, „herrscht doch die großartigste geschäft- 

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liehe Regie. Es ist so genial kalkuliert, daß sie 
nie zugrunde gehen können I" 

„Ja wieso denn," sagte ich, „wie ist denn das 
möglich?" 

„Nun, es wird allein an den Programmen 
und Garderoben so viel verdient, daß sie 
drauskommen, selbst wenn kein einziger 
Mensch ins Theater geht!" 

Das Gespräch von der Keuschheit 

Einmal sagte Peter Altenberg über eine Dame: 
„Diese Frau ist doch die einzige wirklich glück- 
liche. Und warum? Weil sie die einzige ist, .die 
ein vollkommen keusches Leben filhrtl 
Weil sie nie das Gift der Sexualität in sich ein- 
gesogen hat! Weil sie nie geschlechtlich funk- 
tioniert hat! Weil sie immer ein vollkommen 
außerirdisches, jungfräuliches, unschuldsvolles, 
paradiesisches Dasein geführt hat! Und deshalb 
ist sie eine ganz Friedevolle! Alle Frauen 
könnten genau so glücklich leben und dieselben 
geistigen Höhen erklimmen, wenn sie, wie diese, 

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die geniale Kraft hätten, sich nie in ihrem 
Leben von einem Manne bertiliren zu lassen! I" 

„Aber Peter I" sagte ich, „sie hat doch drei 
Kinder!" 

„Was geht das dich an, du Rotzbub?!?" 

Das Gespräch über die Veroneser 

Salami 

Wir waren einmal tun drei Uhr früh bei einem 
Greißler und aßen eine Wurst. Sie war sehr 
schlecht, aber sie schmeckte Peter Altenberg sehr 
gut, denn er hatte die ganze Nacht mit mir einen 
furchtbaren Krach wegen der Frauenseele gehabt; 
und das macht Appetit. Infolgedessen sagte er: 
„Diese Wurst ist großartig!" 

„Ja," sagte der Greißler, „dös is a a echte Vero- 
neser Salami!" 

Das brauchen Sie mir doch nicht erst zu 
sagen!" erwiderte Peter Altenberg. „Diese 
Wurst kann nur aus Verona sein! Diese Wurst 
ist der Extrakt von Verona! Wenn man 
diese Wurst ißt, so sieht man ganz Verona!! 

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Man sieht die mittelalterjlichen Gebäude, man sieht 
die Scholaren, die in ihren schwarzen Mänteln 
zur Universität eilen, man sieht den Rector magni- 
ficus, man sieht den Romeo und die Julia mit ihren 
unerhörten see.iischen Komplika- 
tionen, man sieht die reizenden dreizehnjäh- 
rigen rothaarigen Hexerin, die wegen nichts und 
wieder nichts verbrannt werden, man sieht den 
schiefen Turm — '* 

„Aber Peter," sagte ich, „der schiefe Turm ist 
doch in Pisa!" 

„Nun, man sieht auch Pisa!" 



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INHALT: 



Seite 

Einleitung 7 

Carlyle: Der Held als Schriftsteller 23 

Peter Altenberg : Fünfzehn Briefe an die Schau- 
spielerin Anni Mewes 31 

Peter Altenberg: Neun Briefe an seinen Bruder 

Georg 45 

Heinrich Mann: Brief über Peter Altenberg . . 59 

Thomas Mann: Brief über Peter Altenberg . . 65 

Peter Altenberg: Brief an Arthur Schnitzler . . T^ 
Peter Altenberg : Zwei Briefe an die elfjährige 

Lilly P 83 

Alfred Kerr : Ein Aufruf und zwei Briefe ... 89 

Peter Altenberg : Zwölf Briefe an Frau R. R. . 97 

Peter Altenberg : Acht Skizzen in 

Hermann Bahr: Das erste und das letzte Wort 123 
Hugo von Hofmannsthal : Das Buch von Peter 

Altenberg 141 

Peter Altenberg: Neun Briefe an Frau Lina L. . 159 
Peter Altenberg : Sieben Briefe an den Rechts- 
anwalt Dr. Emil Franzos . . 183 

Felix Saiten: Peter Altenberg 193 



Seite 

Herbert Eulenberg : Was ich von Peter Alten- 
berg weiß 215 

Georg Kaiser: „Wie ich es sehe** 221 

Peter Altenberg: Drei Briefe an Hugo Salus . 225 

Peter Altenberg: Zehn Briefe an Anita M. . . 233 

Thaddäus Rittner: Der Lehrer wird vortragen . 251 

Alfred Polgar: Wirkung der Persönlichkeit . . 255 

Siegfried Jacobsohn: P. A . 267 

Peter Altenberg: Fünf Briefe an den Theater- 
direktor Dr. Rundt 273 

Peter Altenberg : Zwei Briefe an Julius Muhr . 279 
Peter Altenberg: Brief an den Arbeiterführer 

Victor Adler 285 

Peter Altenberg als Redakteur 289 

Ilka Maria Unger: Vier Gedichte an Peter 

Altenberg 295 

Peter Altenberg als Variet^kritiker 301 

Peter Altenberg: Zwölf Briefe an Egon 

Frieden 313 

Peter Altenberg: Vier Briefe an die Tänzerin 

Bessie B 331